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«Die Schule soll für die Kinder da sein, nicht für die Politiker» «Es besteht die Gefahr, dass die Parteien mit Schlagwörtern auf Wählerfang gehen»

Nalan Seifeddini findet die Schule ein schlechtes Wahlkampfthema. Die Präsidentin der Schulpflege Oberglatt befürchtet, dass die Parteien mit Schlagwörtern auf Stimmenfang gehen.Schulpflegepräsidentin Nalan Seifeddini äussert sich zum nationalen SVP-Wahlprogramm 2011 für eine konservative Volksschule. Sie sagt, was die Massnahmen ganz konkret für die Schule Oberglatt bedeuten würden.

Mit Nalan Seifeddini sprach Manuela Moser Oberglatt – Die Juristin und Mutter von drei Kindern (8, 5 und 4 Jahre) ist seit diesem Schuljahr Präsidentin der Schulpflege Oberglatt. Auch beruflich hat sie sich auf das Schulrecht spezialisiert. Seifeddini will statt Privatschulen gute öffentliche Schulen. In Oberglatt lebt sie seit 2005; nach drei Jahren wurde sie in die Schulpflege gewählt. FDP und SP portierten die Parteilose. Die Volksschule wird zum Reizthema im nationalen Wahlkampf vom Herbst 2011 werden. Eignet sich das Thema überhaupt dafür? Ich fürchte nein, denn es besteht die Gefahr, dass einzelne Schlagwörter fallen werden, nur um Wähler zu gewinnen. Das Gebilde Schule ist viel komplexer. Und die Schule soll für die Kinder da sein, nicht für die Politiker. Schauen wir mal, was die Forderungen der SVP für die Primarschule Oberglatt konkret bedeuten würden. Beispielsweise das Verbot von Teilzeitstellen für Lehrer. In Oberglatt unterrichten zurzeit 59 Lehrer – nur ein Drittel arbeitet 100 Prozent. Zudem sind ausser zwei Lehrern alles Frauen. Ein Verbot von Teilzeitstellen würde die Mütter wieder zurück an den Herd befördern. Aber nicht nur Mütter arbeiten Teilzeit. Im Lehrerberuf sind die Anforderungen gestiegen, sodass viele nicht Vollzeit arbeiten wollen, weil sie sonst am Anschlag wären. Dann läuft aber etwas schief ... Nein, die Schulreformen haben den Lehrern insbesondere mehr Arbeit ausserhalb des Unterrichts bereitet. So absolvieren sie ein grösseres Pflichtprogramm als früher. Die SVP begründet ihre Forderung damit, dass eine verlässliche Person im Schulzimmer auch mehr Autorität geniessen würde. Das stimmt nicht, ein Kind kann durchaus die Vielfalt an Lehrpersonen schätzen. Es hat es beispielsweise besser mit dieser Persönlichkeit, ein anderes mit der andern. Und Autorität, die ergibt sich vielmehr aus einer guten Kommunikation, klaren Regeln und vorhersehbaren Konsequenzen bei deren Verletzung. Gerade so, wie auch in der Erziehung durch die Eltern zu Hause. Zweiter Punkt des SVP-Programms: Strengere Noten sind gefordert. Noten sollen grundsätzlich die Leistung von Schülern wiedergeben. Wobei heute auch das Sozialverhalten eines Schülers mitbewertet wird. In Oberglatt haben wir uns zum Ziel gesetzt – und hier verlassen wir uns auf die Meinung von Fachpersonen – förderorientiert und nicht mehr leistungsorientiert zu benoten. Legen die Lehrer den Schwerpunkt bei der Benotung nämlich auf das, was das Kind gut macht, dann fördert man es auch. Später müssen die Schüler aber in einer Leistungsgesellschaft bestehen können. Die Forderung nach mehr Leistung kann nicht so falsch sein. Strenge Noten können ein Kind enorm demotivieren. Das Kind wird seine Leistung aber dann bringen, wenn es motiviert ist. Das pädagogische Konzept für die Schule sollte man wirklich den Fachleuten überlassen und nicht der Wirtschaft oder den Politikern. Das habe ich eingangs gemeint, als ich sagte, mit Schlagwörtern hantieren, um Wähler zu fangen, sei gefährlich. Weiter fordert die SVP mehr Mundart im Kindergarten und keine Fremdsprache an der Primarschule. Was meinen Sie dazu? Die Bildungsdirektion schreibt vor, dass im Kindergarten ein Drittel Hochdeutsch gesprochen wird. Es darf auch mehr sein. In Oberglatt hält man sich an dieses Mindestdrittel. Ab der zweiten Klasse lernen die Schüler Englisch, ab der Mittelstufe Französisch. Für mich ist die Sprachenvielfalt eine ganz natürliche Sache, als Kind von türkischen Eltern bin ich selbst zweisprachig aufgewachsen. Auch meine Kinder sprechen beide Sprachen. Das Multikulturelle ist längst eine Realität. Die SVP will Sonderklassen statt integrativem Unterricht. Heute ist es den Kantonen überlassen, ob sie Sonderklassen führen wollen oder nicht. Als ich 2008 in die Schulpflege kam, lösten sich in Oberglatt die Kleinklassen gerade auf. Eine schwierige Aufgabe für die Schulleitung, die damals neu war. Heute gibt es noch eine Einschulungsklasse für Kindergärtler, die noch nicht schulreif sind. Das Konzept halte ich für gut, nur benötigt dieser Weg mehr Ressourcen und mehr finanzielle Mittel. Also noch mehr Weiterbildung für die gestresste Lehrerschaft? Nein, mehr Unterstützung durch heilpädagogisch ausgebildetes Zusatzpersonal in den Schulzimmern. Überdies ist vor allem die Einbindung von Eltern heutzutage ein wichtiges Thema. Soll die Schule auch die Aufgabe übernehmen, die Eltern zu bilden? Nein, sie aber zu sensibilisieren. Das Problem sind nicht zwangsläufig ausländische Kinder. Oberglatt ist eine Quims-Schule. Das heisst, sie hat über 50 Prozent fremdsprachige Kinder. Das Problem sind vielmehr jene Kinder, die bildungsfern aufwachsen. Sie kennen die einfachsten Grundlagen nicht, schauen zu Hause kein Buch an und haben keine Strukturen. Zudem wird ihnen von den Eltern nicht vorgelebt, dass Bildung einen hohen Wert hat. Und das sind nicht immer die Ausländer. Was kann dagegen getan werden? Oberglatt beteiligt sich ab nächstem Schuljahr über drei Jahre an einem Pilotprojekt, bei dem Eltern von der Schule für dieses Problem sensibilisiert werden. Natürlich könnte man sagen, dafür ist die Schule nicht verantwortlich. Aber was die Schule für die Eltern tut, kommt ihr schliesslich direkt wieder zugute. Warum engagieren Sie sich in der Schulpflege? Im Freundeskreis habe ich einen Trend hin zu Privatschulen bemerkt. Mein Entschluss war schnell klar: Meine Kinder sollen die Realität kennen lernen und nicht in einer abgeschotteten Welt aufwachsen. Und ich will eine qualitativ gute Volksschule. In der Schulpflege kann ich diese mitgestalten. Hat sich dabei Ihre Sicht auf die Schule verändert? Ja, ich habe gemerkt, dass die Eltern wieder mehr Vertrauen in die Volksschule haben sollten. Ob ein Lehrer viele Aufgaben gibt oder wenige; ob er streng ist oder weniger: Der Weg kann sehr vielfältig sein, wichtig ist aber, dass er das Ziel erreicht. Die Parteien, allen voran die SVP, machen die Schule zum Wahlkampfthema Nummer 1 im nächsten Herbst 2011. Zum ersten Mal wird die Schule damit überhaupt zu einem zentralen Thema in einer eidgenössischen Wahl. Bislang wurde es innerhalb der Kantone diskutiert. Bei der SVP war es Christoph Blocher, der das Thema «entdeckte». Auslöser war ein Besuch besorgter Lehrer beim damaligen Bundesrat. Die SVP erhofft sich, mit der Kampagne für eine konservative Volksschule ihr gutes Wahlergebnis von 2007 zu wiederholen oder gar zu steigern. Damals erzielte sie einen Wähleranteil von 28,9 Prozent. Laut Wahlkampfleiter Hans Fehr (Eglisau) soll das Thema Schule nebst Ausländern und EU das wichtigste SVP-Thema bei den nationalen Wahlen werden. Auch die CVP und die FDP haben sich inzwischen darauf vorbereitet. (moa) Die Präsidentin der Schulpflege Oberglatt setzt sich für eine gute Volksschule ein. Foto: Nathalie Guinand

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