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Die Schweiz ist hässlich

Stadtgeschichte Miklós Gimes Letzten Samstag kaufte ich in der Migros Albisrieden ein Wasserflugzeug von Lego. Mein älterer Sohn brauchte ein Mitbringsel für einen Kindergeburtstag. Er hätte es am liebsten für sich selber behalten, es war ein schnittiger Flieger in einer kleinen Schachtel, gleich neben der Kasse. Ich war noch nie in dem Laden gewesen. Trotzdem kam mir alles vertraut vor: der Grauhaarige mit dem Rossschwanz und den Fingerringen, der vor mir an der Kasse stand. Wahrscheinlich wohnt er oben im Dörfli oder war auf der Durchreise mit dem Auto, auf dem Weg ins Säuliamt. Die Frau mit dem Kopftuch am Gemüsestand, wo die Auberginen im Neonlicht glänzten &endash sie ist vermutlich in der Siedlung gleich hinter der Post zu Hause. Ich bin in dem Quartier aufgewachsen. Als ich klein war, gab es zwar noch keine Migros in Albisrieden, aber trotzdem fühlte ich mich auf heimischem Boden. Offenbar graben sich die Furchen der Erinnerung tief in unser Bewusstsein. Man steht in einer unbekannten Migros und kommt sich vor wie ein Auswanderer aus Kosovo, der wieder einmal Pristina besucht: zu Hause, irgendwie. Am Abend waren wir zu einem Nachtessen eingeladen. In einer wunderbaren Wohnung, ein Loft über den Dächern des Kreis vier. Liebevolle Gastgeber, feines Essen. Ich weiss nicht, wie wir drauf gekommen sind, aber plötzlich drehte sich das Gespräch um die Schweiz. Um die Verschandelung des Landes, den Siedlungsbrei, Ortschaften wie Baar oder Regensdorf, «kein Kilometer, der nicht verbaut ist», sagte jemand, «kein Stück wilder Natur». «Wir leben in einem hässlichen Land», sagte ein anderer. «Schön wird es erst ab einer gewissen Höhe», sagte ich. «Aber nur an Werktagen.» Ich erzählte von der Warteschlange am Sessellift zum Hochstuckli an einem der letzten Herbstwochenenden, Menschen in Kleidern aus dem Transa-Laden, die über die Nebelgrenze hinaufwollten. Ein Albtraum. Ich hatte das Gefühl, dass es den Leuten am Tisch wichtig war. Sie spüren, dass ihnen etwas von der Heimat abhandenkommt, und dagegen wehren sie sich. Doch wie? Kann die Politik etwas ausrichten? Die Zonenplanung? Mehr Steuern auf Einfamilienhäuser? Auf den Zweitwohnsitz? Ist es unser Schicksal, dass kleine Länder zugebaut werden? Oder muss man umdenken? Wohnen nur noch in Siedlungen, Ferien nur noch in Hotels? «Einfamilienhäuser sind vorbei», sagte jemand. Die grünliberale Politikerin Verena Diener, erzählte ein anderer, sei in der Öffentlichkeit wegen ihres Ferienhauses am Bodensee kritisiert worden. Ich sagte: «Ist es ein politisches Verbrechen, wenn man im Appenzell ein altes Bauernhaus mietet? Oder im Tessin einen Stall umbaut?» Albisrieden hat sich eigentlich nicht gross verändert, dachte ich, als ich letzten Samstag aus der Migros kam. O. k., ein paar neue schreckliche Häuser, ein Coop, ein Einkaufszentrum. Aber der Wald steht noch, und auf den Wiesen zur Waldegg, wo wir gespielt haben, weiden Schafe in der Freihaltezone. Sah aus wie in der Schweiz. miklos.gimes@tages-anzeiger.ch, Stadtgeschichten.Tagesanzeiger.ch

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