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Die Stäfner lesen heute ohne unerhörte Hintergedanken

Der Lesegesellschaft von Stäfa merkt man den revolutionären Geist von einst nicht mehr an. Ein wenig kämpft sie aber noch immer gegen die Stadt Zürich.

Stäfa. - 216 Jahre alt und aktiv wie eh und je: Die Lesegesellschaft Stäfa bietet ein reichhaltiges Programm an Kulturveranstaltungen. Kürzlich fand zum Beispiel eine Lesung mit dem Schweizer Autor Klaus Merz statt, der sein neues Werk «Der Argentinier» präsentierte. Die Anlässe finden heute grossen Zuspruch. Nicht immer war die Lesegesellschaft jedoch ein «harmloser» Kulturverein. Alles begann Ende des 18. Jahrhunderts, als noch die Verhältnisse der alten Eidgenossenschaft herrschten.

1793, als Stäfa nach Zürich der zweitgrösste Ort im Kanton war, gründete Hans Kaspar Pfenninger mit zehn Freunden die Lesegesellschaft Stäfa. Vier Jahre zuvor war in Frankreich die Ära der absolutistischen Herrscher zu Ende gegangen, und es verbreiteten sich die Ideen der Aufklärung. Auch in der alten Eidgenossenschaft fiel das neue Gedankengut auf fruchtbaren Boden und weckte bei der Landbevölkerung Unmut über die illegitime Vorherrschaft der Städte. Lesegesellschaften, von denen landesweit einige entstanden, debattierten über die neuen Ideen und verbreiteten sie unter der Bevölkerung. Dies war umso wichtiger, als nur wenige lesen konnten.

1794 verfassten die Stäfner eine Bittschrift an die Regierung in Zürich, sie möge doch das Verhältnis von Stadt und Land überdenken. Die Zürcher Reaktion war geharnischt: Die Verfasser wurden aus dem Gebiet der «wohllöblichen Eidgenossenschaft» verbannt, die Lesegesellschaft verboten und Stäfa sowie einige andere Gemeinden militärisch besetzt.

Erstes Konzert in den Sechzigern

«Damals war die Lesegesellschaft fast so etwas wie eine politische Partei», sagt Christoph Mörgeli, SVP-Nationalrat, Historiker und Mitglied der Gesellschaft. Mörgeli kennt sich mit dem «Stäfner Handel», wie die Auseinandersetzungen zwischen Zürich und Stäfa genannt werden, wie kein Zweiter aus. 1995 hat er zum 200-Jahr-Jubiläum ein Werk dazu publiziert.

Die Richtungsänderung weg von der politischen Agitation kam gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Publikation der Stäfner Ortschronik von Sekundarlehrer Gottlieb Bodmer. «Die Gesellschaft nahm eine eher historische Funktion ein», sagt Präsident Samuel Galle. «Die Forderungen der frühen Jahre waren mehrheitlich erfüllt. Damit entfiel die Notwendigkeit zur politischen Aktion.» Eine zweite Dorfchronik erschien 1968, die dritte im Jahr 2007. Seit ihren Anfängen hatte die Lesegesellschaft auch eine Bibliothek aufgebaut. Um 1900 verschwand diese aus unbekannten Gründen und tauchte erst Ende der Fünfzigerjahre wieder auf.

In neues Gebiet wagte sich die Lesegesellschaft 1966 vor. Erstmals veranstaltete sie ein Konzert mit einem Kammerorchester. Der damalige Präsident Walter Kobelt bat die Gemeinde vor dem Konzert um eine Defizitgarantie, da dieses sonst nicht durchzuführen sei. Die Gemeinde lehnte das Ansinnen ab. In der Folge sandten die Organisatoren den Einwohnern von Stäfa einen Brief, sie möchten sich doch bitte verpflichten, im Falle eines Defizits mindestens einen Franken zur Deckung beizutragen. Ob Kobelt mit dem Bittbrief wirklich nur die Defizitdeckung im Sinn hatte, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass das Konzert bis auf den letzten Platz ausgebucht war. «Wahrscheinlich sagten sich die Stäfner: Wenn wir uns schon am Defizit beteiligen, wollen wir wenigstens etwas vom Konzert haben», mutmasst Samuel Galle.

Stäfa will gegen Zürich bestehen

Um sich gegen das kulturelle Angebot der Stadt Zürich behaupten zu können, ist die Lesegesellschaft bestrebt, «die Qualität hochzuhalten und ständig zu steigern», wie Galle sagt. Ein Blick auf den Veranstaltungskalender zeigt: Zumindest an Auswahl und Vielfalt lässt das Programm nichts zu wünschen übrig. Vielleicht zeigt lebt so der aufmüpfige Geist der Gründerväter weiter: Stäfa kann Zürich nach wie vor die Stirn bieten. www.lesegesellschaft.ch

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