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Die Welt zu Gast in Winterthur

Packend und makaber: An den 15. Kurzfilmtagen triumphierten zwei Filme über Flüchtlinge.

Von Florian Keller Die Kurzfilmtage geben Rätsel auf. «G.K., n.v.k. Z.G.», so verspricht eines dieser giftgrünen Plakate in grossen Buchstaben. Der Sinn dahinter erschliesst sich erst im Kleingedruckten, aber die Botschaft ist klar: Die Kurzform ist Programm, hier in Winterthur. Oder in voller Länge: «Grosses Kino, nur viel kürzer. Zum Glück.» Manchmal geben die Kurzfilmtage &endash die dieses Jahr 15 500 Besucher verzeichneten &endash aber auch mehr Rätsel auf, als ihnen lieb ist. Da streifen wir mit schweigenden thailändischen Soldaten durch einen gespenstischen Wald, aber als nach zehn Minuten endlich die ersten Worte gesprochen werden, fehlen die Untertitel. Das tun sie dann bis zum Abspann. Thailändisch ist eine schöne Musik, wenn man nichts versteht. Gut, dass wenigstens die Regisseurin da war, um die Verständnislücken im Publikumsgespräch gleich selber zu schliessen. Unverständlich blieben auch die letzten Worte im Siegerfilm des internationalen Wettbewerbs, aber das war keine technische Störung, sondern die bittere Schlusspointe von Regisseur Farid Bentoumi (er erhielt 12 000 Franken). Sein Film «Brûleurs» beginnt damit, dass ein junger Algerier eine Videokamera mietet. Mit dieser dreht er nun den Film, den wir sehen: ein kurzes Tagebuch darüber, wie er mit vier Freunden in einem Motorboot die Flucht nach Europa wagt. Mit äusserster Konsequenz wendet Bentoumi hier die Methode von «The Blair Witch Project» auf die politische Gegenwart an: Sein Spielfilm simuliert ein dokumentarisches Erlebnisvideo, das in Angst und Verzweiflung endet. Der makabre Cousin von «Brûleurs» folgte derselben Route, aber aus ganz anderer Optik. Schon der Titel ist die schiere Ironie: «Bon voyage» nennt Fabio Friedli seinen trügerisch schlichten Zeichentrick über einen Flüchtlingstransport aus Afrika. Es ist ein Hindernislauf nach Norden, zugespitzt zu einer unmenschlich komischen Variation auf den Abzählvers von den zehn kleinen Negerlein. Flüchtlingselend als Cartoon? Man lacht, wo es nichts zu lachen gibt, aber die wahre Pointe spart sich Friedli bis zum Ende auf, als sich der Film vom Zeichentrick verabschiedet. Dieses kurze Kunststück, prämiert als bester Schweizer Film (8000 Franken), bloss als «doppelbödig» zu rühmen, wäre bös untertrieben. Die Geheimnisse der Kremation Gastarbeiter auf Zeit hat die Schweizer Regisseurin Ivana Lalovic für ihr Projekt «5x5x5» nach Winterthur gelotst, und die Idee dazu hat sie in Belgien aufgeschnappt: Fünf Regisseure aus fünf Kontinenten haben fünf Wochen Zeit, um je einen Kurzfilm über die ihnen fremde Stadt zu drehen. Das Konzept ist bestechend, das Ergebnis kann sich sehen lassen, weil keiner der Filme nach interkulturellem Workshop riecht. Der Australier Adrian Francis geht mit Jägern auf die Pirsch und baut daraus ein filmisches Abschiedsgedicht an seinen verstorbenen Vater. Der Äthiopier Dirbdil Assefa Akriso erforscht die Geheimnisse der Kremation, weil er sich wundert, dass da kein Friedhof liegt neben der Winterthurer Stadtkirche. Und im besten der fünf Filme findet Ognjen Isailovic in einem biederen Einfamilienhaus ein Fenster zu seiner Kindheit in Serbien &endash bei einem Winterthurer Hobbyfunker, der ihn an seinen Grossvater erinnert. Für lustvolle Verspannung war aber auch gesorgt in Winterthur, dank einer pornografischen Trockenübung von Johannes Dullin: In seinem Film «Threesome», ausgezeichnet mit dem Förderpreis (10 000 Franken), ergeht sich ein lüsternes Trio in einer absurden Choreografie der Triebe, samt Speichelfluss und Mikrowelle. Es ist eine unsagbar komische Persiflage auf die Ritualhandlungen in Pornos. Und absolut jugendfrei: Die Kleider bleiben an.

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