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Die Werber vom Balkan

YB-Fussballer Elsad Zverotic steht mit Montenegro vor der EM-Barrage gegen Tschechien.

EM-Barrage Von Peter M. Birrer Das Geschäft läuft gut wie nie, das Interesse nimmt Dimensionen an, die auch für Ivan Radovic neu sind. Der Medienchef sitzt im Büro des Fussballverbandes von Montenegro und versucht, den Überblick zu behalten in Tagen, in denen sich das Land auf ein Ereignis einstimmt, das scheinbar keinen der 620 000 Einwohner unberührt lässt: Das Nationalteam trifft in der Barrage zur EM 2012 auf Tschechien. Die 2500 Tickets für das Hinspiel morgen in Prag sind längst weg, für die Partie vier Tage später in Podgorica hätten problemlos 25 000 statt nur knapp 12 000 Billette verkauft werden können. Radovic meldet: «Es ist ein Wahnsinn.» Der fussballerische Aufstieg des Kleinstaats vom Balkan ist auch die Geschichte von Elsad Zverotic aus Berane im Nordosten Montenegros. Als Vierjähriger folgte er zusammen mit seinen zwei Geschwistern und der Mutter dem Vater, der in Wattwil auf dem Bau arbeitete. Zverotic fing an, beim lokalen Klub Fussball zu spielen und war talentiert genug, um bald in die U-14 des FC Wil zu wechseln. Mit 15 trainierte er unter Trainer Heinz Peischl in der ersten Mannschaft, mit 17 debütierte der Handelsschüler in der Challenge League. Wattwil als Rückzugsort Zverotic war in ordentlichem Tempo unterwegs. Er erhielt ein Aufgebot für die Schweizer U-18 und spielte an der Seite von Almen Abdi und Blerim Dzemaili. Aber damit endete die Zeit als Nationalspieler schon wieder, er wartete vergeblich auf die Einbürgerung in nützlicher Frist. Zverotic folgte einem Aufgebot in Montenegros U-21, und als er vor drei Jahren den Sprung von Wil nach Luzern geschafft hatte, war der Weg zum A-Nationalspieler nicht mehr weit. Nach 22 Länderspielen sagt er: «Ich habe diesen Entscheid nie bereut.» Geblieben ist er aber halb Schweizer mit dem roten Pass seit 2006. Er lebt in Gümligen und zieht sich gern nach Wattwil zurück: «Dort bin ich aufgewachsen, dort habe ich meine Freunde.» In der Nationalmannschaft ist der 25-Jährige der Arbeiter, der nicht das spektakuläre Talent eines Mirko Vucinic oder die Leichtigkeit eines Stefan Jovetic besitzt, der es sich nicht erlauben kann, sich im Training zurückzunehmen, der vor allem gelernt hat, dass er es in seinem Beruf ohne Fleiss und Willen nicht weit bringt. Als Bub verehrte er die Brasilianer, er träumte davon, so gut zu werden wie der Ronaldo der guten Zeiten. In der Realität brauchte Zverotic viel Beharrlichkeit, um sich einen Dreijahresvertrag bei YB und einen Stammplatz im Nationalteam zu verdienen. Topskorer mit Vucinic «Ich habe gelernt zu beissen», sagt Zverotic, «mir blieb keine andere Möglichkeit.» Immerhin befindet er sich in einer Statistik auf Augenhöhe mit Vucinic: In der Gruppe mit der Schweiz erzielte er auf dem Weg in die Barrage zwei Tore gegen Bulgarien und England, gleich viele also wie der Captain und Stürmer von Juventus. Zverotic sagt: «Ich bin Topskorer.» Und muss selber lachen. In der Schweiz eignete er sich Disziplin an, in Bern hat er mit Christian Gross einen Chef, der diesbezüglich klare Richtlinien vorgibt. In Montenegro bewegt sich Zverotic in einem Umfeld, das lockere Regeln kennt. «Wir funktionieren anders als die Schweizer», sagt Zverotic, «für uns ist nicht massgebend, wann wir ins Bett gehen, sondern ob wir auf dem Platz bereit sind.» Aus ihm spricht der stolze Fussballer, der eine Nation vertritt, die sich erst 2006 von Serbien abnabelte und ein Jahr später Mitglied der Uefa wurde. An der Spitze des Verbandes steht Dejan Savicevic, ein grosser Name, der in seiner ruhmreichen Zeit bei der AC Milan in den 90er-Jahren «Il Genio» genannt wurde, das Genie. Savicevic war einer von Zverotics Jugendhelden, genauso wie Predrag Mijatovic, als der noch für Real Madrid stürmte. Die Lektion für die Engländer Jetzt ist Savicevic höchster Funktionär Montenegros. Er sah sich gezwungen, mitten in der Qualifikation Trainer Zlatko Kranjcar zu entlassen, offiziell wegen taktischer Verfehlungen. Der mächtige Savicevic vertraut nun Branko Brnovic, er glaubt auch an die Mannschaft: «Wir haben die Qualität, Tschechien zu bezwingen.» Um die letzten zwei Schritte zu machen, braucht es für Zverotic das perfekte Drehbuch, «und dazu gehört unbedingt ein Tor in Prag». Was in Montenegro die Qualifikation auslösen würde, ist nicht abzuschätzen. Für Verbandssprecher Radovic ist allerdings der Profit bedeutender als ein tagelanges Fest. Die jüngsten Erfolge wertet er als unbezahlbare Reklame, der Höhenflug erleichtert es, Gelder für den Ausbau der Infrastruktur zu generieren. «Die Engländer hatten keine Ahnung, wo Montenegro liegt. Sie wussten nur, dass es in Europa sein muss, weil wir in der EM-Qualifikation spielten», sagt Radovic, «seit dem 2:2 kennen sie uns aber. Die Fussballer sind für uns die besten Werbeträger.»Auf Zverotic kommen aufregende Tage zu, vielleicht kehrt er am Mittwoch als EM-Teilnehmer in die Schweiz zurück. Das würde ihm auch einen Bonus eintragen. Angeblich stünden der Mannschaft vier Millionen Euro zu, die Hälfte also der von der Uefa an alle Teilnehmer ausgeschüttete Startgage. Zverotic will aber nicht rechnen, sondern siegen: «Wenn wir Erfolg haben, kommt die Prämie automatisch.» Hinspiele &endash morgen Bosnien und Herzegowina - Portugal20.00 Türkei - Kroatien20.05 Tschechien - Montenegro20.15 Estland - Irland20.45 Rückspiele am Dienstag Das grosse Fest in Podgorica: Montenegro feiert sich und die Qualifikation für die Barrage. Foto: Reuters Elsad Zverotic.

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