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Die zwei Töchter des Patriarchen

Die Weinfrau Chiara Lungarotti hat gemeinsam mit ihrer Schwester Teresa Severini in Umbrien ein gewichtiges Erbe übernommen. Fast ein ganzes Dorf: Torgiano.

Mit dem Wort «Gschnätzlets» hat selbst die weltgewandte Chiara Lungarotti ihre Mühe. Auch im dritten Anlauf bringt sie es nicht schmerzfrei über die Lippen. Da geht es ihr ähnlich wie den Deutschsprachigen, die den «Cucchiaio» auszulöffeln haben. Warum die Weinfrau aus Umbrien überhaupt auf Züri-Gschnätzlets kommt? Erstens schmeckt es ihr. Und zweitens am besten mit einem Glas San Giorgio. Ein Beweis mehr für sie, dass ihre Weine nicht nur zu italienischen Speisen passen. So wie französische nicht nur zur heimischen Küche.

Das Gleiche hat der grosse Angelo Gaja bereits vor Jahrzehnten gepredigt. Trotzdem haben sich viele italienische Weine immer noch nicht ganz aus dem Pastaghetto befreit. Doch das ist nicht das Problem der Lungarottis. Denn die haben auf der ganzen Welt ihre treuen Abnehmer. Da wurde jahrzehntelange Vorarbeit geleistet.

Passion für den Wein im Erbgut

Chiara Lungarotti, die sich auch schon einmal derbes Schuhwerk unter ihr stilvolles Outfit schnallt, wenn es in die Reben geht, ist Chefin der weit über Italien hinaus bekannten Cantine Lungarotti. Geerbt hat sie Weinberge, Kellerei und Passion für den Wein von ihrem Vater, dem 1999 verstorbenen «Cavaliere del Lavoro» Giorgio Lungarotti. Der hat zwar erst spät geheiratet, aber seine Nachfolge rechtzeitig geregelt. Seine Stieftochter Teresa Severini übernahm den Kellerpart, seine leibliche Tochter die Rebbergpflege. Die beiden üben sich immer noch in Arbeitsteilung. Nur sind die Aufgaben heute anders vergeben. Chiara schmeisst den Laden. Teresa steht ihr zur Seite. Das Teamwork spielt.

Im Umkreis dieses charismatischen Vaters aufzuwachsen, war wohl nicht ganz einfach. Immer wieder schob er Projekte in die Warteschlaufe, weil er deren Dringlichkeit nicht einsah.

Giorgio Lungarotti gilt als der Übervater, der «Umbrien in die önologische Weltkarte einzeichnete», wie es in einer Laudatio hiess. Er hat viel für Italiens Weinwirtschaft getan. Weil er über den Stiefelrand hinaussah. Doch die Töchter haben schon zu seinen Lebzeiten bewiesen, dass sie ihren Aufgaben voll gewachsen sind. Teresa hat sich in Bordeaux ausbilden lassen. Chiara in Perugia. Sie haben seine oft sperrigen Weine zugänglicher und schneller trinkbar gemacht. Brachten die Kellereianlagen auf den neuesten Stand. Und haben 20 Hektaren neue Weinberge in Montefalco angelegt. Unter Giorgio besass die Familie bereits 250 Hektaren Rebland ausschliesslich in und um Torgiano, einem 5000-Einwohner-Dorf im umbrischen Hügelland am Oberlauf des Tibers.

Ein Ressort, zwei Museen

Torgiano ist Lungarotti. Und Lungarotti ist Torgiano. Der Familie gehört das feine Ressort Tre Vaselle samt Kongresszentrum und Wellnessbereich. Im Dorf führt sie einen Laden mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus der Region, Honig und Konfitüren etwa, die auch im Hotel auf den Frühstückstisch kommen. Damit nicht genug: Die Lungarottis spendeten Torgiano zudem zwei touristische Sehenswürdigkeiten. Zum einen das äusserst sehenswerte Weinmuseum im Palazzo Graziani. Später kam noch ein Olivenölmuseum dazu. Schon beide für sich allein genommen lohnen einen Besuch.

Zudem nimmt die Kellerei Feierabendwinzern das Traubengut ab. Viele von diesen sind bei ihnen angestellt, also voll auf die Lungarotti-Linie eingeschworen. Obwohl die einheimischen Reben den Hauptpart der Weinberge einnehmen, ist der Rebspiegel vielfältig. Zu den alteingesessenen Grechetto, Trebbiano, Sangiovese und Canaiolo kommen internationale Sorten wie Chardonnay, Pinot grigio, Cabernet Sauvignon und Merlot. Selbst Pinot nero wird gepflegt. Das vor allem, um in einem hervorragenden Spumante zu enden. Er ist flaschenvergoren und trägt die Aufschrift «Metodo classico benedettino», denn schliesslich haben die Benediktinermönche dieses Verfahren gegen Ende des Mittelalters in Umbrien eingeführt.

Wer über so unterschiedliche Rebsorten verfügt, hat keine Mühe, eine Vielfalt von verschiedenen Weinen auf den Markt zu bringen. Und tatsächlich umfasst das Lungarotti-Angebot so ziemlich alles zwischen Alltags- und Premium-Wein.

Absoluter qualitativer Spitzenreiter ist die Riserva des Vigna Monticchio aus Sangiovese und Canaiolo, der jahrelang im Fass lagert - früher hatte man den Eindruck, fast zu lange. Doch das hat sich unter der Regentschaft der Töchter geändert. Wie auch immer. In der Bibel des italienischen Weins, dem «Gambero rosso», ist die Riserva Monticchio auf ihre drei Gläser fast abonniert. Im Augenblick ist der Jahrgang 2005 aktuell. Und der San Giorgio steht ihm nicht viel nach.

Zwei neue zeitgemässe Weine

Doch die bekannstesten Weine des Hauses sind der rote Rubesco und der weisse Torre di Giano. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern. Obwohl Chiara gerade mit zwei neuen Weinen für die jüngeren Weinliebhaber auf den Markt gekommen ist: dem roten Toralco und weissen Torveto. Zwei unkomplizierte Weine für die zeitgemässe Küche. Denn schliesslich will sie ja nicht immer nur Gschnätzlets essen. Sondern auch mal Sashimi. Die Hinterlassenschaft des Cavalliere jedenfalls ist in guten Händen. Lungarotti-Weine sind auch in und um Zürich erhältlich:Jakob Kummer, Weinhandlung, Wildbachstrasse 10, 8008 Zürich, www.kummerwein.chMoreira Gourmethouse, Oberwachtstrasse 2, 8700 Küsnacht, www.moreira-gourmet.chE. Freitag, Wein- und Getränkehandlung, Biswindstrasse 53, 8704 Herrliberg,www.biswind.ch

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