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Diesseits von Gut und Böse

Das Gewerbemuseum in Winterthur zeigt in einer lustvoll gestalteten Ausstellung die fruchtbaren Wirren des Geschmacks.

Von Ulrike Hark Sind schlechter Geschmack und Kitsch ein Ausstellungsthema? Immerhin ist es schon viele Jahr her, dass der röhrende Hirsch (als Bild) im elterlichen Schlafzimmer freigesprochen wurde und die Pirsch eröffnet war für spätere, gezielt gesetzte Duftmarken der Provokation. Spätestens seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich im Design die Demarkationslinie zwischen schlechtem Geschmack und guter Form gelockert, ja sie wurde zu einem interessanten Gebiet, das von Gestaltern und Konzeptdesignern lustvoll und listig durchwandert wurde. Etwa von den Designern der italienischen Memphis-Gruppe, die sich vor 40 Jahren erstmals trauten, Ironie in Möbel umzusetzen. Eine Rückblende lohnt sich aber allemal, besonders wenn sie so gross angelegt und so lustvoll gestaltet ist wie die Ausstellung «Böse Dinge». Anhand von Möbeln, Gebrauchsgegenständen und Accessoires werden Positionen aufgezeigt, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts gelebt, verteidigt oder verdammt wurden. Dabei wird nicht moralisch gewertet, sondern der Diskurs anhand von fünf Fragekomplexen geführt: Üppig oder schlicht? Vorwärts oder rückwärts? Modern oder modisch? Ironisch oder moralisch? Industrielle Massenware oder handwerkliches Einzelstück? Die Objekte zu den fünf Themeninseln sind in mehreren Räumen gruppiert, und sie zeigen, dass es zu jeder Zeit unterschiedliche Strömungen – eben «böse» und «gute» Dinge – gab. Das umstrittene und umschwärmte Ornament im Jugendstil etwa, schlimme Bodenvasen und kühne Nierentische in den 50ern oder Schillerndes, Buntes, Postmodernes, das alle Chancen hat, in einigen Jahren bei den Jungen wieder ein Hit zu werden. Vor allem aber wird klar, dass «böse Dinge» beim Betrachten mehr Spass machen. Als die erste Welle industrieller Massenware über die Bevölkerung des ausgehenden 19. Jahrhunderts schwappte und sich viele Menschen mit reich verzierten Alltagsdingen umgeben konnten, forderten die Reformbewegungen prompt zeitgemässere Ausdrucksformen und eine neue Ästhetik. Doch mit schlichten Formen und in modernen Einrichtungen leben wir selber, darum sind die Darstellungen des Üppigen so reizvoll. Nicht mal für den Feind Um die Jahrhundertwende lebte man in einem vorfabrizierten und derart aufgeblähten Formenkatalog, dass man sich heute fragt, wie es die Herrschaften fertigbrachten, nicht an chronischen Bauchschmerzen zu erkranken. Lustig ist ein Möbel, das bis in die 30er-Jahre hinein in gutbürgerlichen Wohnungen ein Basic war: eine grandios geschmacklose Garderobe, bei der ein grosser Bär aus Holz einen Baumstamm hält, dessen Äste Garderobenhaken spielen. Das Ding ist gar nicht so weit entfernt von den stilisierten «Natur»-Objekten, die jetzt gerade wieder so sehr en vogue sind, etwa der Leuchter mit dem Geweih. Der hängt in heutigen, gestylten Wohnungen allerdings nicht mehr über einem schweren Tisch im Zopfstil, sondern eher über einem kühlen Glastisch. Man sucht nicht mehr das «Passende», sondern es wird konterkariert, damit Spannung entsteht. Und in dieses Konzept fügt sich das bewusste Spiel mit dem «Kitsch» perfekt ein. Das absolute Highlight der Ausstellung ist das Gruselkabinett des Gustav E. Pazaurek, welches das Gewerbemuseum Winterthur vom Werkbundarchiv-Museum der Dinge, Berlin, übernommen hat. Pazaurek war ein missionarischer, akribischer Werkbündler aus Stuttgart, der zwischen 1909 und 1933 unzählige «Geschmacksverirrungen» sammelte und sie als Erziehungsinstrument für den «guten Geschmack», für das Wahre und Echte einsetzte. Was er für schlecht befand, wurde mit strafrechtlichen Kategorien wie «Missbrauch der Form» belegt. Dinge, das muss man zugeben, die man seinem schlimmsten Feind nicht schenken würde: Zuckerdosen mit Drachenklauen, die einem schon nur beim Anschauen wehtun, oder «Hurra-Kitsch» wie eine Keksdose mit einem riesigen Gesicht von Hindenburg. Dem pazaurekschen Sündenregister hat die Ausstellung heutige «böse Dinge» gegenübergestellt, und man entdeckt überraschende Gemeinsamkeiten, etwa ein T-Shirt, das Barack Obama mit einem roten Herzen und dem Schriftzug «I love you» zeigt: «Hurra-Kitsch» des 21. Jahrhunderts. Oder falsche Perlenketten, die schon Pazaurek so frivol fand, weil sie es wagten, zu imitieren, nur regt sich heute niemand mehr darüber auf. Gerügt werden höchstens unsaubere Produktionsbedingungen, die heutigen Werten zuwiderlaufen. Werten will die Ausstellung nicht, aber sie gibt den Besuchern am Ausgang die Möglichkeit, mit persönlichen «bösen» Gegenständen Tabula rasa zu machen – mit Albernheiten, Grobheiten, Gebastel und Pipifax. Unter einer grossen Vorschlaghammer-Maschine, entwickelt vom Künstler Antoine Zgraggen, kann man den eigenen Formschrott zerstören. Denn der Nächste kommt todsicher. Böse Dinge, Positionen des Ungeschmacks, Gewerbemuseum Winterthur, bis 31. 7. www.gewerbemuseum.ch «Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht erforderlich.» Meerschweinchen.Foto:Armin Herrmann Aschenbecher.Foto:Armin Herrmann Kitsch ist Ansichtssache: Ausstellungsobjekte Feuerzeug, Meerschweinchen, Aschenbecher.Fotos: Armin Herrmann Bildlegende.Foto: Vorname Name, Agentur Bildlegende.Foto: Vorname Name, Agentur Bildlegende.Foto: Vorname Name, Agentur

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