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Dietlikon setzt die Altersguillotine ein

Wer über 85 ist, erhält in Dietlikon keine Alterswohnung mehr. Fachleute aus der Region kritisieren den Entscheid.

Von Bodo Lamparsky Dietlikon &endash Gleich neben dem Dietliker Alterszentrum baut die Stiftung Hofwiesen für 8 Millionen Franken 21 Alterswohnungen. Das Land dafür stellt die Gemeinde zur Verfügung. Die Zweieinhalb- und Dreieinhalbzimmer-Wohnungen kosten 1500 bis 2250 Franken Miete und können im März 2012 bezogen werden. Bis auf eine sind alle bereits vergeben. Zur Rohbaubesichtigung Ende Oktober kamen 150 Leute. Die Wohnungen werden barrierefrei erstellt: Sie sind rollstuhlgängig und per Lift erreichbar und weisen vor Dusche und Balkon keine Schwellen auf. Türen und Storen lassen sich elektrisch betätigen. Eine grosse Barriere gibt es dennoch: Die Trägerschaft hat das maximale Eintrittsalter auf 85 Jahre begrenzt. Rolf Hartmann, Stiftungspräsident und ehemaliger SP-Gemeinderat, begründet das mit der Nähe zum Alterszentrum. «Es ergibt keinen Sinn, Konkurrenz zu spielen.» Zudem gelte es, rasche Wechsel in den Wohnungen zu vermeiden. Und Senioren um die 70 würden lieber unter ihresgleichen bleiben. «Aus Sicht der Gemeinde geht es darum, die Leute dort unterzubringen, wo sie hinpassen», sagt Hartmann. Dazu möchte sich die Stiftung in den Mietverträgen auch ein Besuchsrecht einräumen lassen, «um von Zeit zu Zeit die Lebensumstände der Bewohner überprüfen zu können.» Alterszentrum schlägt massiv auf Das klingt fast so, als müsste das Dietliker Alterszentrum geschützt werden. Das mittlere Eintrittsalter liegt dort bei 85, das Durchschnittsalter bei 88 Jahren. Tatsächlich steigen die Hotelleriekosten für ein Einzelzimmer mit Bad im Alterszentrum 2012 von 83 auf 134 Franken pro Tag. Der Aufschlag um gut 60 Prozent ist auf das neue Gesetz zur Pflegefinanzierung zurückzuführen. Es verlangt für die Altersheime eine Vollkostenrechnung. Bisher zahlte das Hofwiesen der Gemeinde keine Miete. Ein Monat im Alterszentrum kommt für die Bewohner neu also auf über 4000 Franken. Wer pflegebedürftig ist, wird deswegen aber kaum in eine Alterswohnung abwandern. Die Serviceleistungen des Alterszentrums vom Restaurant über die Fusspflege und den Coiffeur bis zur Wäscherei stehen gegen Entgelt zwar auch den Wohnungsmietern zur Verfügung. Rund-um-die-Uhr-Pflege gibts aber nur im Alterszentrum, das von der Gemeinde betrieben wird. Die 66 Plätze dort sind alle belegt, und die Warteliste umfasst laut Zentrumsleiter André Willi noch immer 25 Namen. Gegensätzliche Rezepte Die Alterslimite für die Seniorenwohnungen abgeschaut hat sich die Stiftung Hofwiesen in Opfikon. Im Alterszentrum Giebeleich wird die Obergrenze für den Eintritt in eine Alterswohnung sogar schon bei 80 gezogen. Als Grund dafür gibt Zentrumsleiterin Ursula Meier die lange Wartefrist für eine der 37 gemeindlichen Seniorenwohnungen an: Sie liegt derzeit bei 7 bis 8 Jahren. Gerade den umgekehrten Weg schlägt Wangen-Brüttisellen ein. Die Nachbargemeinde &endash und in der Altersversorgung bisher Vertragspartnerin &endash von Dietlikon stimmt am 29. November über einen Baurechtsvertrag für die Erstellung von 25 bis 30 Alterswohnungen ab. Sollte die Nachfrage das Angebot übersteigen, werde den ältesten Personen der Vorzug gegeben, sagt Gemeindeschreiber Christoph Bless. Eine Obergrenze für das Eintrittsalter ist nicht vorgesehen. Regelung ist diskriminierend Auch Wallisellen kennt keine Alterslimite. Mit gut 100 altersgerechten Wohnungen von Kirche und Gemeinde ist dort das Angebot schon vergleichsweise gut ausgebaut. Carmen Jucker, die Beauftragte für Altersfragen der Gemeinde, versteht den Entscheid der Dietliker Stiftung nicht: «Er widerspricht dem Grundsatz aus dem Pflegefinanzierungsgesetz, dass ambulante Pflege vor stationärer Pflege kommt.» In Wallisellen kann man auch mit 90 noch in eine Alterswohnung eintreten. Ins Alterszentrum darf nur, wer pflegebedürftig ist. Roland Keil, der Altersberater der Stadt Kloten, hält die Altersobergrenze für den Bezug einer Seniorenwohnung schlicht für diskriminierend. «Das ist fast dasselbe, wie wenn es heisst, ab 80 gibt es keine Herzoperation mehr.» Die Fähigkeit, selbstständig zu wohnen, müsse individuell betrachtet werden. «Grundsätzlich kann man auch mit 80 oder 85 topfit sein und noch zehn gute Jahre haben.» Kloten überlässt das altersgerechte Wohnen privaten Bauträgern. Altersbeschränkungen sind Roland Keil keine bekannt. Erst abgewiesen, jetzt mit Job Die Genossenschaft «Zukunftswohnen 2. Lebenshälfte» betreibt in Bassersdorf im Auftrag der Gemeinde 56 Alters- und Familienwohnungen unter einem Dach. Eine Alterslimite wie in Dietlikon gibt es auch in der Siedlung Breitipark nicht. Gleichwohl würde Genossenschaftspräsidentin Simone Gatti die Dietliker Altersstiftung «nicht daran aufhängen»: Zügelaktionen über 80 seien schon sehr anstrengend und Generationenkonflikte unter Senioren nicht von der Hand zu weisen. Auch ihrer Meinung nach soll aber nicht in ein Heim müssen, wer mit 85 oder 90 noch gut beieinander ist. Im Breitipark ist eine Seniorin untergekommen, die in Dietlikon zusammen mit zwei weiteren Interessenten aus Altersgründen abgewiesen wurde. Die rüstige Frau habe kürzlich nach einem Besen verlangt, um vor dem Haus ein wenig wischen zu können. Den hat sie inzwischen erhalten. Jetzt freue sie sich und sage: «In Dietlikon habe ich keine Wohnung erhalten. In Bassersdorf habe ich jetzt sogar eine Wohnung mit Job.»

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