Die Kontroverse: Was braucht der neue Stapi?

Balthasar Glättli, Gemeinderat der Grünen, und FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger debattieren im «Tages-Anzeiger» über die Frage: Was braucht der neue Stadtpräsident von Zürich? Diskutieren Sie mit.

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Eine Portion Selbstverliebtheit
Von Balthasar Glättli

Nachdem Elmar Ledergerber im zarten Alter von 64 Jahren den Schritt zum Papi wagt, sucht Zürich ein Stadt-Mami oder einen Stapi. Die vier wichtigsten Eigenschaften für diesen Job sind je eine gehörige Portion Autismus, Vergesslichkeit, Rastlosigkeit und Selbstverliebtheit.

Nein, ich scherze nicht. Ich nehme bloss voraus, wie diese vier wichtigen Eigenschaften dann heissen werden, wenn Zürichs neues Stadtoberhaupt einmal im Regen stehen wird. Es ist eine Kernaufgabe des präsidialen Amtes, stellvertretend für Zürich oder zumindest für den Stadtrat (und je nach Temperament auch ganz für sich selbst) im Regen stehen zu können, ohne dass man ausbleicht oder gar die Farbe abblättert, wenn – möge Gott bewahren, dass es je so weit kommt – etwas schiefgelaufen ist. Denn diese Eigenschaft ermöglicht es erst, dass die acht anderen Stadtratsmitglieder in Ruhe ihre Arbeit verrichten können.

Darum braucht es dann eine dicke Haut und Kritikfestigkeit. Nörgler würden «Autismus» sagen. Und man muss nicht nachtragend, sondern vorausschauend sein. Das nannte ich im positiven Sinn «Vergesslichkeit». Mit ständig zu wenig Schlaf und kaum einmal Zeit für sich selbst muss man ohne Burnout auskommen können («Rastlosigkeit»). Und dann muss man unser Zürich von ganzem Herzen lieben.

Wer ist repräsentativer für Zürich als das Stadt-Mami oder der Stapi? Genau darum braucht Ledergerbers Nachfolge – last but not least – im Interesse von uns allen Zürcherinnen und Zürchern eine gesunde Portion Selbstverliebtheit!

Schaffenskraft und gute Nerven
Von Filippo Leutenegger

Eines muss man dem abtretenden Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber lassen. Er hatte immer einen ausgesprochenen Sinn für mediale Inszenierungen. Bei seiner nicht überraschenden Überraschungsmedienkonferenz zu seinem Rücktritt lieferte er zum Beispiel den Journalisten die Schlagzeile «vom Stapi zum Papi» gleich selber. Und während seiner gesamten Amtszeit genoss er trotz etlicher verbaler Entgleisungen grosse Narrenfreiheit. Die Linke ertrug ihn trotz seines Machogehabes, weil er als unermüdlicher Macher seiner eigenen Partei voraus war. Die Bürgerlichen schätzten ihn, weil er nicht ideologisch fixiert war und sich für unkonventionelle Lösungen einsetzte. Als Botschafter Zürichs und in eigener Sache ist und war Elmar Ledergerber unschlagbar. Das wird ihm so schnell niemand nachmachen.

In wenigen Monaten werden nun die Zürcherinnen und Zürcher zwischen einer Kandidatur der SP und der langjährigen Stadträtin der FDP zu entscheiden haben. Der oder die neue Stadtpräsidentin hat sich natürlich unermüdlich für die Interessen Zürichs einzusetzen, die schwierige Balance zwischen Event- und Wohnstadt zu halten, die Finanz- und Kulturstadt unter einen Nenner zu bringen und in den kommenden mageren Jahren die Begehrlichkeiten an den Staat zu begrenzen. Für diese Aufgabe braucht es viel Erfahrung, Schaffenskraft und gute Nerven. Diese Voraussetzungen bringt Katrin Martelli allesamt mit. Sie sollte dieses wichtige Amt für Zürich übernehmen!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2008, 11:28 Uhr

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