Die Männer sind wieder auf dem Vormarsch

Seit 2011 hat es im Kantonsrat 42 vorzeitige Rücktritte gegeben. Vor allem bei den Linken sind Frauen durch Männer ersetzt worden. Haben junge Frauen heute andere Ziele?

Debatte des Zürcher Kantonsrat am 10. Dezember 2012: Heute gehören dem Rat deutlich weniger Frauen an. Foto: Sophie Stieger

Debatte des Zürcher Kantonsrat am 10. Dezember 2012: Heute gehören dem Rat deutlich weniger Frauen an. Foto: Sophie Stieger

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Seit Wochen muss Kantonsrats­präsidentin Brigitta Johner (FDP) regelmässig am Ende der Montagssitzung Rücktrittsgesuche verlesen. Das kommt am Ende einer Amtszeit zwar gehäuft vor, weil abtretende Kantonsräte ihren Ersatzleuten das Nachrücken ins Parlament ermöglichen wollen. Interessant ist diesmal, dass viele Frauen zurücktreten und dass sie häufig durch Männer ersetzt werden – besonders bei den Linken: Julia Gerber Rüegg (SP) durch Jonas Erni, Sabine Ziegler (SP) durch Andrew Katumba, Alma Redzic (Grüne) durch Daniel Heierli oder Esther Hildebrand (Grüne) durch Urs Dietschi.

Dies kann Zufall sein, doch die Statistik aller vorzeitigen Rücktritte zeigt, dass dies eine klare Tendenz ist: Bei den Linken sind die Männer wieder auf dem Vormarsch. Sowohl in der SP-Fraktion als auch bei den Grünen haben die Frauen ihre Mehrheiten verloren. Auch Anteile eingebüsst haben die grünliberalen Frauen. Auf der anderen Seite steht die FDP. Sie ist die einzige Fraktion mit einer Frauenmehrheit.

Letzter Anstieg 1994

Der stagnierende, neu sogar leicht sinkende Frauenanteil im Zürcher Kantonsrat ist nicht aussergewöhnlich. Im Ständerat ist er seit zehn Jahren praktisch gleichbleibend, im Nationalrat seit sechs Jahren. Im Zürcher Stadtparlament ist die Zahl der Frauen letztmals bei den Wahlen 1994 gestiegen. Damals waren es 48 Frauen neben 77 Männern. Derzeit sind es noch 44 Frauen.

Ebenfalls rückläufig ist der Frauenanteil in den wichtigsten Zürcher Exekutiven. Im Regierungsrat waren die Frauen 2003 sogar einmal in der Mehrheit. Nun sind sie nur noch zu zweit im siebenköpfigen Gremium, und beide haben ihren Rücktritt eingereicht. Auch in der Zürcher Stadtregierung sind nur noch zwei von neun Mitgliedern weiblich.

SP ist vorbildlich

Die SP kann sich beim Thema Frauen rühmen, schon sehr früh eine ausgeglichene Beteiligung erreicht und diese bis heute gehalten zu haben. Möglich war dies nur dank konsequenter Frauenförderung in den Achtziger- und Neunzigerjahren, welche bisweilen für Ärger bei männlichen Genossen führte, die sich eigener Karrierechancen beraubt fühlten. Inzwischen habe sich die Diskussion entspannt, stellt Parteipräsident Daniel Frei fest: «Es braucht keine Quoten mehr, eine angemessene Vertretung der Geschlechter auf den Wahllisten ist selbstverständlich.»

Frei stellt allerdings fest, dass es schwieriger sei, Frauen für politische Ämter zu gewinnen – vor allem auf Gemeindeebene: «Frauen sind selbstkritischer und hinterfragen ihre Fähigkeiten, während Männer schnell sagen: Das kann ich – auch wenn sie schlechter qualifiziert sind.» Laut Frei exponieren sich Frauen auch weniger gern. Sie bräuchten deshalb mehr Ermutigung.

Bei den letzten Kantonsratswahlen haben einige SP-Bezirksparteien Zebralisten gemacht. Andere traten mit zwei Frauen auf den Spitzenplätzen an, wieder andere setzten zwei Männer vorne hin. Daniel Frei ist zuversichtlich, dass in den kommenden Kantonsratswahlen erneut eine ausgeglichene Vertretung der Geschlechter erreicht wird – ohne dass er als Parteipräsident dazu Vorgaben machen müsste.

Etwas anders sieht es bei den Exekutivwahlen aus. Dort wird derzeit intern diskutiert, ob die SP mit zwei Männern antreten dürfe. «Dass wir das überhaupt diskutieren, zeigt, wie entkrampft das Thema heute ist», sagt Frei. Früher wäre es gar keine Frage gewesen, dass die SP mindestens eine Frau aufstellen muss. Bei den Grünen ist der Frauenanteil im Kantonsrat klar sinkend.

Abwechselnd auf Wahllisten

Die 33-jährige Parteipräsidentin Marionna Schlatter-Schmid führt das auf die Zebralisten zurück. In vielen Bezirken wird auf den Wahllisten stets zwischen Frau und Mann abgewechselt. «Weil in dieser Legislatur mehr Frauen zurücktraten, ist es normal, dass mehr Männer nachrückten», sagt Schlatter. Doch beim genauen Hinsehen hinkt diese Erklärung. In vielen Fällen haben die erstplatzierten Männer aufs Nachrücken verzichtet, und trotzdem wurden die abtretenden Frauen durch Männer ersetzt. Entweder, weil auch die Frauen verzichteten, oder, weil eine Frau in den Wahlen von einem Mann überholt wurde. So ist es etwa bei den Rücktritten von Heidi Bucher und Claudia Gambacciani passiert.

Marionna Schlatter verhehlt nicht, dass die Frauenfrage bei den Grünen seit der Abwahl der Nationalrätinnen Katharina Prelizc-Huber und Marlies Bänziger an Aktualität gewonnen hat. Sie hat das Gefühl, dass es in letzter Zeit schwieriger wurde, junge Frauen zum Einstieg in die Politik zu motivieren. Warum, kann sie nicht sagen: «Ich bin etwas ratlos.» Sie sei auch Mutter von zwei kleinen Kindern und empfinde die politische Arbeit als willkommene Abwechslung. Es gebe genügend junge Frauen, die zu Hause ein günstiges Umfeld hätten für eine politische Karriere, ist Schlatter überzeugt. Gleichwohl will die Parteipräsidentin nicht dramatisieren: «Wir Grünen sind auch eine Frauenpartei.» Die Kantonsratsfraktion und die Partei werden schliesslich von Frauen geführt.

Grünliberale: Es ist Zufall

In der grünliberalen Fraktion ist heute nur noch ein Viertel weiblich. Für eine junge, moderne Partei ist das erstaunlich. Laut GLP-Präsident Thomas Maier ist es aber nur «eine Momentaufnahme». Die starke Männermehrheit sei nicht repräsentativ für die Grünliberalen: «Wir haben eine Frauengruppe und verlangen, dass die Wahllisten in den Bezirken ausgewogen zusammengesetzt werden.» Allerdings ist nicht nur das Geschlecht ein Kriterium, sondern auch das Alter oder die Herkunft. «Es sollen nicht alle Kandidaten aus der gleichen Gemeinde kommen.» Nationalrat Maier weist auch auf den Grossen Gemeinderat Winterthur hin, wo die GLP-Fraktion derzeit eine Frauenmehrheit hat.

Zufrieden mit der Zusammensetzung der freisinnigen Kantonsratsfraktion ist Ursula Gross Leemann, Vizepräsidentin der FDP-Frauen des Kantons: «Unsere Arbeit zeigt offenbar Früchte.» Ein Grund, die Frauenförderung einzustellen, sei die ausgewogene Geschlechterbilanz in der FDP-Fraktion allerdings nicht.

SVP: Geschlecht unwichtig

Auch Gross Leemann hat festgestellt, dass es schwieriger ist, junge Frauen zu einer Kandidatur für ein politisches Amt zu bewegen. Als möglichen Grund sieht sie die Dreifachbelastung, die viele Politikerinnen aushalten müssen: «Junge Frauen bleiben heute auch mit Kindern im Beruf und wollen dort Karriere machen.» Gross Leemann, die selber Gemeinderätin von Küsnacht ist, hat die Erfahrung gemacht, dass Frauen, die vor dem ersten Kind in die Politik eingestiegen sind, eher dabeibleiben oder nach einer Kinderpause wieder damit beginnen. Als Fördermassnahmen werden bei der FDP Kurse für interessierte Frauen durchgeführt, etwa in Rhetorik oder Auftrittskompetenz.

Unter den grossen Fraktionen ist die SVP mit einem Frauenanteil von 16 Prozent weit abgeschlagen. Und wie es aussieht, wird sich daran bei den nächsten Wahlen nicht viel ändern. Bei der Zusammenstellung der Wahllisten werden Frauen nicht speziell beachtet, wie Parteipräsident Alfred Heer sagt: «Das Geschlecht ist für uns kein Kriterium.»

Erstellt: 05.06.2014, 22:56 Uhr

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