«Die Stadt war böse»

Reto Bühler, Co-Programmleiter des Xenix, sagt, wieso ausgerechnet das Anti-Establishment-Kino jetzt klassische Schweizer Dialektfilme zeigt. Und wieso das vor 20 Jahren kaum möglich gewesen wäre.

«Die schönsten Zeitdokumente über das Zürich der 50er-Jahre»: Reto Bühler über die Schaggi-Streuli-Filme. Foto: Sabina Bobst

«Die schönsten Zeitdokumente über das Zürich der 50er-Jahre»: Reto Bühler über die Schaggi-Streuli-Filme. Foto: Sabina Bobst

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Mundart und Volkstümliches sind angesagt – in der Politik, wo die Dialektfrage immer wieder hochkommt, genauso wie in der Unterhaltung. Das Landesmuseum etwa kocht in einer Ausstellung die Schweizer Filmgeschichte auf. Und vom Heimweh befallen ist auch das Xenix. Ausgerechnet die Zürcher Filminstitution also, die einst auszog, um neue Wege zu gehen. Einen Sommer lang zeigt man auf dem Kanzleiareal Dialektklassiker der goldenen Ära des Schweizer Films. Diese Gassenhauer lockten einst Menschenmassen in die Kinos. Co-Programmleiter Reto Bühler erklärt, warum er glaubt, dass die Filme auch unter dem Sternenhimmel des Chräis Chäib begeistern werden.

Warum ist jetzt auch das Xenix bereit für den Schweizer Dialektfilm?
Das Xenix ist nicht erst jetzt auf den Dialektklassiker gekommen. Schon vor über zehn Jahren zeigte mein Kollege aus der Programmleitung, René Moser, zwei Dialektfilmreihen im Indoor-Kino.

Das ist insofern bemerkenswert, weil das Xenix historisch doch in der Generation der 80er-Bewegten verankert ist. Und die schnitten solche alten Zöpfe bekanntlich ab.
Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Programm vor 20 Jahren nicht möglich gewesen wäre. Jetzt scheint uns aber der richtige Zeitpunkt, diesen Filmen mit den Openair einmal eine grosse Plattform zu geben.

Rümpfen die 30- bis 45 Jährigen bei «HD Läppli» oder «Ueli der Knecht» tendenziell nicht eher die Nase? Viele lehnen diese Filme doch ab, weil sie nach Kleinbürgermief riechen.
Natürlich atmen diese Filme den Geist ihrer Zeit. Die dörfliche Gemeinschaft wurde beschönigt, die Vaterfigur hochstilisiert, während die Stadt böse war und die Menschen verdarb. Aber genau das ist doch aus heutiger Sicht hochinteressant und erst noch amüsant. Ausserdem gehe ich davon aus, dass dieses Programm auch über das Xenix-Stammpublikum hinaus Leute anspricht, welche die damaligen Stars noch aus Zeiten kennen, als sie ständig im Fernsehen zu sehen waren.

Autorenfilmer hatten es nicht leicht, sich in den Produktionsmonopolen von damals zu behaupten. Es gab ja noch keine Filmförderung.
Ja, die Filme waren auf die Masse angewiesen. Und die wollte in den 50er-Jahren offenbar keine düsteren Dramen. Kurt Frühs späte Filme, bei denen er inhaltlich stark mitbestimmte, sind dann aber solche ungeschönten Dramen. Ich kenne kaum einen härteren Film über Alkoholismus als den «Dällebach Kari». Frühs eigene Zerrissenheit zwischen der alten und der neuen Welt thematisiert er in seinem letzten Film «Der Fall» sehr schön. Früh soll ja sehr zwischen den Generationen gefangen gewesen sein.

Aber nährt diese Reise ins Schweizer Dialektkino nicht die Sehnsucht nach einer Heimatkultur?
Nein, nur weil man jetzt einmal ein oder zwei Dialektklassiker anschaut, bedeutet das nicht, dass man sich ins kulturelle Reduit zurückzieht. Wir möchten einfach auch einem jungen urbanen Publikum die Chance bieten, die Qualitäten dieser Klassiker für sich zu ent­decken. Kurt Früh oder Franz Schnyder sind meiner Meinung nach für den Schweizer Film, was Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch für die Literatur sind. Aber keine Angst: Für alle, die sich nicht für das Schweizer Dialektkino begeistern lassen, bieten wir mit drei aktuellen Arthouse-Vorpremieren ein Kontrastprogramm mit viel Zeitgeist statt Zeitreise.

Sehen Sie selber diese Schweizer Filme heute anders als früher?
Ich bin vielleicht etwas untypisch. Da ich ohne Fernseher aufgewachsen bin, kannte ich die Filme wirklich nicht. Was mich im Rückblick erstaunt: wie ich die ganze Schulzeit und ein Filmwissenschaftsstudium durchlaufen konnte, ohne auch nur einmal mit diesen Filmen konfrontiert zu werden. Erst gegen Ende meines Studiums entdeckte ich sie – eher zufällig – für mich.

Und was erwarteten Sie?
Heimatkitsch, worüber ich dann ein wenig hätte lächeln können. Ich war dann aber sehr erstaunt, wie sehr mich diese Filme berührten. Es gibt eigentlich keine schöneren Zeitdokumente als die Filme von Schaggi Streuli über das Zürich der 50er-Jahre, als die Jugend, also die späteren 68er, nichts zu melden hatten. Ich war auch überrascht, dass die Gotthelf-Klassiker wie «Ueli der Knecht», auch einfach zeitloses, grosses Kino sind.

Hinter der Beschaulichkeit gab es auch viel Tragik. Max Haufler, der als Regisseur unterschätzt wurde und als Schauspieler seinen Lebensunterhalt verdienen musste, nahm sich das Leben.
Max Haufler bewundere ich speziell in seiner Rolle des behinderten Jungen in «Steibruch» von 1942. Der Film spricht unverblümt den Einfluss der Nazipropaganda in der Schweiz an, was man von einem Film aus dieser Zeit ja nicht unbedingt erwarten würde. Haufler war aber nicht der einzige problematische Charakter. Auch Kurt Früh war letztlich eine tragische Figur, und Franz Schnyder ein Besessener.

Das Xenix Openair findet vom 11. Juli bis 16. August statt. Immer mittwochs, freitags und samstags. Bei schlechter Witterung wird die Vorführung ins Indoor-Kino verlegt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2014, 06:54 Uhr

Theater trifft Film

Als Düggelin Streuli inszenierte

Kürzlich wurde Werner Düggelin mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich ausgezeichnet. Was viele vielleicht weniger wissen: Der grosse Theatermann war ebenfalls im Filmbusiness tätig. So schrieb Düggelin als Mittzwanziger an den Drehbüchern für die berühmten Gotthelf-Verfilmungen «Ueli der Knecht» (1954) und «Ueli der Pächter» (1955) mit. Zwei Jahre darauf führte Düggelin bei Schaggi Streulis Zürcher Komödie «Taxichauffeur Bänz» (1957) erstmals Filmregie. Er habe das weniger aus Leidenschaft getan als vielmehr aus einer finanziellen Notlage, wie Düggelin am Telefon sagt. Als er das Drehbuch gelesen hatte, sei ihm schon klar gewesen, dass diese Geschichte mit ihren eher beschaulichen Generationskonflikten hinter der neuen Welle im Kino weit zurückbleibe. Eine überraschende Erfahrung machte Düggelin hingegen mit Schaggi Streuli: Der als «Set-Diktator» bekannte Streuli respektierte den jungen, aufstrebenden Düggelin offenbar von Beginn weg. Die Zusammenarbeit sei sehr angenehm gewesen, erinnert sich der Theatermann. Düggelin, der erst jetzt mit 85 in den Ruhestand gegangen ist, hat bis vor kurzem regelmässig am Zürcher Schauspielhaus inszeniert. Die Frage, ob dieses dörfliche Zürich aus «Taxichauffeur Bänz» der damaligen Realität entsprochen habe, verneint er vehement. Zürich sei schon damals eine «richtige Stadt» gewesen. (TA)

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