Kalter Kaffee

Sommercafés gibt es in Zürich wie Sand am Meer. Wir haben vier ausgewählt, das Wetter jedoch konnten wir nicht bestellen.

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Ein kleiner Sommercafé-Test hätte das werden sollen, und ist es auch geworden. Die Cafés waren da, nur der Sommer fehlte. Der Bericht wartete deshalb in der Schublade auf besseres Wetter. Dass es ihn nun doch bei unter 25 Grad zu lesen gibt, hat mit der Erfahrung zu tun, dass auch die grösste Sommerhitze ­irgendwann der Herbstkühle weicht. Aber immerhin, für die nächsten Tage sieht es wieder etwas besser aus, um in ein Café zu sitzen. Falls nicht, der nächste Sommer kommt, bestimmt.


Das Highlight: Franzos

Da ist erst mal die Lage am Limmatquai mit (möglicher) Sonneneinstrahlung bis spätabends. Die Bedienung ist französisch und charmant, man verzeiht dem Monsieur sogar, dass er nur die Hälfte der Bestellung mitgekriegt hat. Das Prussien neben dem Cappuccino schmeckt besser als jedes schwammige Amaretto. Und das gemischte Publikum ist eine willkommene Abwechslung zu den Vollbärten, die das Verfalldatum ihrer Hipness noch immer zu verdrängen scheinen. Der Mitinhaber Raffaele war zuvor Einrichtungschef an renommierter Adresse, und das sieht man. Auf den Tischen stehen frischer Thymian oder Pfefferminze, und in der Speisekarte ist ein Französischvokabular für Anfänger versteckt. Jetzt wissen wir auch, was wir dem hübschen Kellner in Saint-Tropez hinterherrufen werden: «Eh, beau gosse! Je tombe dans les pommes! Donne-moi un bisou, à fond de la caisse!» («Hey, gut aussehender Typ! Ich verliere das Bewusstsein – gib mir schnell ein Küss­chen!») Und falls er sich nicht umdreht: «Non? Alors, tu es une tête à claque!» (Nicht? Also, du bist doch ein Ohrfeigengesicht!»)

In 3 Worten: Frisch, französisch, formidabel
Franzos, Limmatquai 138


Das Desaster: Strozzi’s Fraumünster

Wir hatten eigentlich einen kalten Kaffee bestellt. Stattdessen serviert man uns einen üppig dekorierten Coupe. Kein Problem, wir sind flexibel. Also greifen wir zum Löffel, der Fertigrahm zersetzt sich auf der Zunge, und Bam! – saure Milch jagt über unsere Geschmacksnerven wie Feuerwerk. Nachdem wir zehn Minuten lang vergeblich versucht haben, Augenkontakt mit der Bedienung herzustellen, erbarmt sie sich. Wir erklären, sie legt die Stirn in Falten. «Verdorben?» Sie scheint nicht zu verstehen. Und wir ­sagen, um klarzumachen, weshalb wir das Leitungswasser in einem Schluck die Gurgel runtergejagt haben: «Ungeniessbar», «wie Butter», «schlimmer als saure Milch», «Ugly» – sie läuft davon. Dann kommt die Kollegin, und es geht von vorn los. Will oder kann man uns nicht verstehen? Irgendwann geben wir auf, bestellen ein Coca-Cola und bezahlen.

In 3 Worten: Verwirrt, verdorben, verzweifelt
Strozzi’s, Fraumünsterstrasse 25


Das Schöne: Bebek

Das neue Lokal in der Kalkbreite-Überbauung ist definitiv schön anzuschauen. Draussen stehen farbige Gartenstühle, ein paar Topfpflanzen sorgen für Terrassencharme, die Karte mit marokkanischen Spezialitäten ist vielfältig. Das kommt nicht von irgendwo – die Signatur der Inhaber vom marokkanischen Maison Blunt in Wiedikon ist auf der Menükarte klar erkennbar. Der Innenraum mit den hohen Wänden ist geschmackvoll eingerichtet und vorteilhaft beleuchtet. Und erst die Bedienung. Sie: schlank und braun gebrannt, wallendes Haar bis zur Hüfte. Und dann er: gross, rasiert, frisiert. Sie schwebt durch den Raum wie ein Engel. Leider immer an unserem Tisch vorbei, wenn wir etwas bestellen wollen. Und er schaut so ­konsequent an uns vorbei, man könnte denken, es sei Konzept. Irgendwann werden die beiden von erfahrenen Mitarbeitern abgelöst. Und wir können uns endlich dem leckeren Humus widmen.

In 3 Worten: Hip, hübsch, Hilfe
Café Bebek, Badenerstrasse 171


Das Idyllische: Restaurant Kantorei

Angeblich hält man es in der Zürcher Altstadt wie mit dem Seefeld-Quartier – einmal hingezogen, nie wieder weg. Wer auf den Stühlen dieses uralten Lokals am Neumarktplatz sitzt, versteht, warum. Es ist so still! Es ist so idyllisch! Ist das unsere Stadt? Die Tische sind mit Blumen dekoriert, die Sonnenschirme grosszügig, der Brunnen daneben plätschert, als sei er nur für uns aufgestellt worden. Der Hauseistee mit Ingwer und Zitrone wird in der Glasflasche serviert und schmeckt besser als der zu Hause, die Schale Kaffee ist etwa so gross wie eine Badewanne – also genau richtig. Bedient werden wir angenehm zurückhaltend – was vielleicht auch daran liegt, dass wir an diesem ­heis­sen Nachmittag fast die einzigen Gäste auf dem Platz sind. Zum Glück. ­Selig bewundern wir die Schaufenster und das Fussvolk und grinsen wie Touristen auf dem Dorfplatz unserer eigenen Stadt.

In 3 Worten: Altstadt, Aussicht, Atmosphäre
Restaurant Kantorei, Neumarkt 2

Erstellt: 22.08.2014, 11:24 Uhr

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