«Madonna, du musst mir helfen»

Mariella Rando hat gebetet, als sie vor sechs Jahren ihren kleinen Lebensmittelladen an der Josefstrasse eröffnete. Heute ist sie die Quartiermamma, die ein bisschen Dolce Vita in den Kreis 5 bringt.

«Ich liebe mein Gemüseregal»: Mariella Rando in ihrem Laden. Foto: Patrick Hürlimann

«Ich liebe mein Gemüseregal»: Mariella Rando in ihrem Laden. Foto: Patrick Hürlimann

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Frau Rando . . .
Bitte, ich bin Mariella.

Entschuldigung. Mariella, bist du mit allen Leuten per Du?
Ich sage allen Du – und ich bin für alle Mariella. Was für mich zählt, ist ein ­respektvoller Umgang.

Und das bedeutet?
Ich bin aufmerksam. Wenn ich ein ­Panino zubereite, benutze ich zwei Handschuhe: einen für das Gemüse, einen für das Fleisch. Bestellt ein Muslim ein Fleischpanino, biete ich Bresaola oder Trutenfleisch an. Bevor ich das Fleisch schneide, putze ich die Maschine. Die Kunden bedanken sich ­dafür. Für mich ist das selbstverständlich – das kostet mich nichts.

Eine Italienerin mit Solothurner Akzent in Zürich. Wie bist du zu deinem Laden gekommen?
Ich besass zehn Jahre einen Pizzakurier in Altreu SO. Ich wollte einen eigenen Laden und suchte schon lange nach ­einem geeigneten Lokal. Meine Nichte, die in Zürich wohnt, drängte mich, in die Grossstadt zu kommen. Als wir durch den Kreis 5 schlenderten, entdeckten wir an der Josefstrasse 77 einen kleinen Laden. Der Besitzer sagte uns, dass er bald in Pension gehen möchte. Nach zwölf Monaten hat er mich angerufen. Am 2. Mai 2009 fuhr ich nach Zürich und eröffnete meinen Alimentari.

Von Altreu nach Zürich – von der Pizzakurierin zur Ladenbesitzerin. Erinnerst du dich an deinen ersten Arbeitstag?
Es war ein Samstag. Ich war wahnsinnig nervös. Ich kniete hinter den Tresen und betete: «Oh Madonna mia, du musst mir helfen.» Mein erster Kunde kaufte Pasta, Kaffee und Sardellen. Als er ­bezahlen wollte, konnte ich die Kasse nicht bedienen. Ich war zu nervös.

Heute verkaufst du Pasta, ­hausgemachtes Rucola-Zucchini-Pesto, Aranciata, Birra Peroni, und im Fernseher läuft RAI 5 – dein Alimentari lebt.
Ich habe mir gesagt, ich muss so sein, wie ich bin – offen und herzlich. Ich stand also vor meinen Laden und grüsste die Leute auf der Strasse: «Hallo, ich bin Mariella. Ich habe einen Laden und ­verkaufe Panini.» Als mich der Mann von der Versicherung besuchte, war er erstaunt, dass mich alle Leute auf der Strasse grüssten. Er hat mich gefragt, ob ich den Laden schon lange hätte. Ich sagte ihm: «Seit zwei Wochen.»

Du bist die Quartiermamma.
Die Leute fühlen sich bei mir wohl und wahrgenommen. Ich kenne meine Kunden mit Namen, frage nach den Kindern und gebe Kochtipps. Zum Beispiel fragte mich eine junge Frau nach meinem Lasagnerezept. Sie war begeistert von dem Resultat. Ihre Mutter, eine Stammkundin und von Beruf Psychologin, hat mir verraten, dass ihre Tochter meine Anweisungen genaustens befolgt habe. Dies mache sie bei ihr nie – wohl das Schicksal der Mütter.

Mit deinem Mann wohnst du direkt über dem Ladenlokal. Reicht dir eine Treppe Abstand zu deinem Laden?
Ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr in der Küche. Meine Pasta und meine Saucen sind alle frisch. Um 8 Uhr öffne ich den Laden und um 19 Uhr schliesse ich ab. Je näher, desto besser.

Das ist ein 14-Stunden-Tag. Machst du das alles alleine?
Wenn ich am Samstag freimachen möchte, um auf dem Markt Gemüse zu kaufen, hilft mir meine Nichte. Manchmal ist es schon etwas anstrengend.

Aber du strahlst vor Energie und Lebensfreude.
Ich liebe meinen Job und den Kontakt mit den Menschen. Ich liebe auch mein Gemüseregal. Bald kommen die ersten Tomaten – die Marinda-Tomaten – das sind die gerippten. Oder auch die Datte­rini-Tomaten – die kleinen länglichen. Ich habe auch Cavolo nero (Federkohl), la Cima di Rapa (Stängelkohl), Arance amare. Diese Orangen können aber nur für Konfitüre verwendet werden. Ende Januar erhalte ich la Barba di Frate (Mönchsbart). Sobald es die kleinen ­Kartoffeln auf dem Markt gibt, fängt für mich der Frühling an.

Erstellt: 08.02.2015, 21:00 Uhr

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