Schlatters Spitzen gegen Noser und die Grünliberalen

Die Grünen suchen nach Gründen für die verpasste Wahl. FDP-Ständerat Ruedi Noser wollen sie nun bei seinem «grünen Mäntelchen» packen.

«Ich hätte mir ein knapperes Resultat gewünscht», sagte die Grüne Marionna Schlatter nach ihrer Niederlage. Foto: Reto Oeschger

«Ich hätte mir ein knapperes Resultat gewünscht», sagte die Grüne Marionna Schlatter nach ihrer Niederlage. Foto: Reto Oeschger

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Zürich wollte keine Sensation. Zürich wollte das Bisherige. Nach dem Sieg der Grünen Lisa Mazzone in Genf schien alles möglich. Die Frauen marschierten durch, die Klimawahl hievte Junge in den Ständerat. Bei Marionna Schlatter endete die Welle.

Ob das schmerzt? «Überhaupt nicht», sagt Schlatter, als sie am Sonntag beim Medienapéro im Zürcher Walcheturm auftaucht, ein Lächeln in den Augenwinkeln, wie immer. «Die Enttäuschung ist da, aber ich kann sie einordnen», sagt sie. «Wir haben zwei junge Frauen im Ständerat und eine grosse Fraktion in Bern. Ich habe so viele Erfolge gefeiert, all dem tut diese Niederlage keinen Abbruch.»

Keine Chance auf dem Land

Mit 116'594 Stimmen konnte Marionna Schlatter zwar weit über die Grüne Partei hinaus mobilisieren, kommt aber dennoch fast 70'000 Stimmen hinter dem Bisherigen Ruedi Noser zu stehen. «Ich hätte es mir knapper gewünscht», sagt Schlatter.

Das Resultat zeige jedoch, dass die Linke geschlossen hinter ihr gestanden sei. «Und dies, obwohl einige Exponenten mich nicht unterstützten», sagt Schlatter mit Anspielung auf SP-Regierungsrat Mario Fehr. Seit 50 Jahren sei nie ein Bisheriger abgewählt worden, sagt sie weiter. Noch eine Sensation also, die ausgeblieben ist.

Die Städte hätten es anders gewollt. Zürich wählte Schlatter, genauso wie die Stadt Winterthur. Auch die Rifferswiler und die Ausland-Zürcherinnen und -Zürcher schrieben häufiger ihren Namen auf den Wahlzettel. In ihrer Heimat, dem Zürcher Oberland, kommt Schlatter aber kaum über 30 Prozent. In Schlatters Wohnort Hinwil stimmten nur 29 Prozent für sie, im benachbarten Bäretswil, ihrem Geburtsort, kam sie sogar nur auf 25 Prozent.

Schlatters Diagnose? «Die SVP-Wähler gingen an die Urne. Wir haben bereits einen linken Ständerat, die Zürcherinnen und Zürcher fanden zwei vielleicht zu viel», sagt sie.

«Unschöne Rolle» der GLP

Und die Rolle der Grünliberalen? «Unschön», sagt Schlatter. «Zweifelhaft», sagt auch Parteikollegin Esther Guyer. «Was für ein Spagat», sagt der grüne Regierungsrat Martin Neukom. Die Partei hatte die Wichtigkeit einer Frauen- und Klimawahl betont, dann aber nicht Schlatters Kandidatur unterstützt, sondern Stimmfreigabe beschlossen.

Die GLP lässt sich kaum auf die Spagat-Diskussion ein. Man freue sich auf die Zusammenarbeit mit den Grünen und der FDP, twitterte die Partei. «Es ist Zeit, dass wir bei Klima und Umwelt miteinander statt gegeneinander arbeiten.»

Eine kleine Sensation liegt im Budgetunterschied für den zweiten Wahlgang begraben. Noser warf die Wahlkampflokomotive mit einem siebenmal grösseren Budget an. 185'000 Franken investierte die FDP, Schlatter verfügte über 25'000 Franken. Die Angst vor der Sensation schien also durchaus vorhanden zu sein.

«Noser soll jetzt zeigen, wie grün er wirklich ist.»Esther Guyer, Fraktionspräsidentin Grüne Kanton Zürich

Nachmittags um vier dankt Noser Schlatter für den fairen Wahlkampf. «Für diesen Blumenstrauss habe ich es gemacht», sagt er ironisch ins Blitzlichtgewitter. Schlatter gratuliert.

«Ich möchte aber trotzdem nicht in seinen Schuhen stecken», sagt sie. «Für ihn wird es sehr schwierig, alle seine Wählerinnen und Wähler zufriedenzustellen.» Die Menschen, die für ihn stimmten, würden sich zwischen Klimaschutz und kein Klimaschutz sowie zwischen Rahmenvertrag und kein Rahmenvertrag bewegen. «Wir werden Herrn Noser natürlich an seinem grünen Mäntelchen messen», sagt Schlatter. Hier hängt auch Esther Guyer ein: «Noser soll jetzt zeigen, wie grün er wirklich ist.» So oder so sei die grüne Politik in der Mitte der Gesellschaft angekommen. «Es ist ein gutes Resultat, und Marionna Schlatter war eine gute Botschafterin», sagt Guyer.

Und der Bundesrat?

Dem Anspruch der Grünen auf einen Bundesrat tue dieser Zürcher Wahlausgang keinen Abbruch, sagt Guyer. «Der ist längst erwiesen.»

Gewinner Ruedi Noser sieht das etwas anders. «Solange ich in Bern bin, wird kein Bundesrat abgewählt», sagt Noser sehr klar, «Ignazio Cassis ist der einzige Bundesrat mit neuen Ideen.» Auch bei den Ständeratswahlen in Bern wurde die grüne Welle nämlich abgebremst: Regula Rytz verpasste die Wahl.

In der Bundesratsfrage sowie in den Fragen der Klimapolitik ist also noch längst nicht das letzte Wort gesprochen. Die Grünen gehen mit verdoppelter Fraktion in die Legislatur. Mit ihr auch die neugewählte Nationalrätin Marionna Schlatter.

Erstellt: 17.11.2019, 20:08 Uhr

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