So tickt TIKA

Künstlerin Maja Hürst reist seit Jahren um die Welt und bemalt als TIKA Wände in Rio, Bangkok und Atlanta. Nur in Zürich will ihr Universum nicht so richtig Fuss fassen.

Maja Hürst in ihrem Zürcher Atelier. Foto: Dominique Meienberg

Maja Hürst in ihrem Zürcher Atelier. Foto: Dominique Meienberg

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Es war eine harte Woche, die Art Basel. Vor allem für jene, die wieder einmal verstehen wollten, was nur wenige verstehen: Diesen Hype um die zeitgenössische Kunst. Zum Teufel mit ihr!

Und genau in dieser Woche treffe ich Maja Hürst alias TIKA und versöhne mich wieder. Vier Buchstaben für Hoffnung. Ja, es gibt sie noch. Kunst! Ach was, Leben! Denn das ist es doch, was Kunst sein sollte. Ein Sog, der einen in eine andere Welt mitnimmt. Nicht in die Sterilität einer Messe, nein, weit weg. Und zu einem selber. Das schafft das Universum von Maja Hürst.

Während der zwei Stunden bei ihr in der Gross-WG an der Limmatstrasse, wo die 35-Jährige seit Jahren ein und aus geht, wenn sie gerade in Zürich weilt, wird sie zweimal Kaffee kochen. Wenn ihr Universum einen Duft hat, ist es dieser Geruch von Zusammensein. Mit dem Kaffeeduft ist auch ihr Bruder immer bei ihr. Er ist Mitinhaber einer Kaffee­rösterei. Und auf ihn kommt sie mehrmals zu sprechen, weil er Anker war in einem Leben, das sich lange so anfühlte, als würde nie etwas Richtiges daraus werden.

Und dann ist doch etwas daraus geworden, ist noch immer am Entstehen, das Universum TIKA. Es wird immer facetten­reicher. Zum Grossformatigen, den Wandbildern, kommt das Kleine: Leinwände, Holzschnitte und Hinterglasmalereien. Die Sprache bleibt dieselbe. Radikal der Strich, geometrisch die Formen. Und immer wieder diese grosse Nase, die sie 2003 zum ersten Mal in Mexiko in ihr Notizbuch gezeichnet hat.

Erfolg ohne Kunstförderung

Es gäbe viele Bezeichnungen für sie. ­Visual Artist ist vielleicht die unoriginellste. Visuelle Kunst hat Maja Hürst an der Zürcher Hochschule der Künste studiert. Aber wie soll man sonst jemanden bezeichnen, der einen vorwarnt, sie wolle in keine Schublade gesteckt werden? Ausschliesslich Street-Artist ist sie schon lange nicht mehr. Grafikerin? Maja Hürst winkt ab. Künstlerin? Natürlich. Auch wenn sie den Ritterschlag in Form von staatlicher Kunstförderung nie erhalten hat.

Sie experimentiert mit allem Möglichen: Nagellack auf Holz, Filzstift auf Leinwand. Sie benutzt Lötkolben, Stoff und Klebefolie. Ihre Atelierräume im Estrich oberhalb der WG sind auch Material­lager. Appenzeller Biberli­verpackungen hängen an der Wand, Tiermasken und Skizzen. Farbig ist das. Anmächelig auch die Welt, in der sie mit beiden Beinen am Boden steht und ihr Universum erschafft, das keine Grenzen kennt. Im Frühling musste sie ihr Atelier in Berlin räumen. Dort lebte sie, wenn sie nicht gerade unterwegs war. Nun hat sie alles in Zürich.

Zwei linke Hände hat diese Frau jedenfalls nicht. Nur war ihr lange nicht klar, was sie mit ihnen anstellen soll. Als Kind wollte sie Meerjungfrau werden. Dann war mal Politikerin so etwas wie ein Berufswunsch. Oder Bäuerin.

Und dann fragt Maja Hürst: «Was ist dein Lieblingstier?» Ihres ist die Katze, Katzen aller Art, Tiger, Puma, Löwe. Sie finden sich immer wieder in ihrem Schaffen. So wie die Meerjungfrau und organische Herzen. Und für einen Moment frage ich mich, wie ernst ich diese Person nun nehmen soll, die sonst durchaus gescheite Sachen sagt. Sie ist ja auch herumgekommen. Hat viel gesehen. Aufgewachsen ist sie in Kairo und Köln, wo ihr Vater als Hotelmanager arbeitete. Mit 16 kam sie nach Zürich. Und was dann folgte, daran will sie sich ­lieber nicht zurückerinnern. In der Schweiz ankommen war es nicht lustig.

Im Studium ging sie für ein Praktikum nach Mexiko. Mit dem Geld, das sie sich mit ihrer Grafikfirma nach Studienabschluss gespart hatte, kaufte sie sich ein One-Way-Ticket nach Rio de Janeiro, die Stadt ihrer Träume. Dorthin ist sie seither immer wieder zurückgekehrt. In Rio hat sie sich gefunden, hat erste grosse Wände bemalt.

Essen aus dem Container

Nein, Maja Hürst hat keinen intellektuellen Zugang zu ihrem Schaffen, zu ihrem Leben an sich. Man könnte sagen, ihr Zugang sei naiv. Doch ist Naivität kein Schimpfwort, nicht, wenn man das Wort in Maja Hürsts Sinn versteht. Als Emotion, die sie filtert und in ihren Arbeiten in einen anderen Aggregatzustand bringt. Als etwas Ursprüngliches, Unverkrampftes. Da ist sie wie eine Bäuerin, sie sät Gefühle, die zu Geschichten heranwachsen. Und sie ist auch Politikerin, weil sie ihre Botschaften unterbringt in ihren Werken. Die Kurzlebigkeit der Dinge beschäftigt sie, Umweltverschmutzung, Konsumverhalten.

Seit 2007 lebt sie von der Kunst. Das geht, weil sie nur wenig zum Leben braucht. Früher hat sie sich auch mal von Essen ernährt, das aus dem Con­tainer kam. Sie war Teil der Zürcher Besetzerszene. Heute muss sie das nicht mehr. Denn immer öfter wird sie eingeladen von internationalen Festivalveranstaltern, die von ihr gehört haben.

Es spricht sich herum, dass da eine Schweizerin etwas Besonderes kann. In Gambia hat sie Lehmhäuser bemalt mit Motiven, auf die sie nach Gesprächen mit den Bewohnern kam. Erst im April ist sie aus Bangkok zurückgekehrt. Eingeladen hat das Toot Yung Art Center. Sie blieb zwei Monate. Und zeichnete auf die riesigen Säulen auf dem Siam Square, einem der belebtesten Plätze der Stadt, eine thailändische Sagenwelt. Demnächst fliegt sie nach Mumbai. Auch Köln hat etwas bestellt.

Und Zürich? Sie nähert sich zumindest an. Heute eröffnet ihre erste grosse Einzelausstellung in Ziegelbrücke.


Akrobatika, Vernissage heute 17 Uhr, bis 24.8. www.gartenfluegel.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2014, 07:48 Uhr

Sagenwelt auf den Säulen des Siam Square in Bangkok. Fotos: PD

Holzschnitt 2012, gelötet, Nagellack.

Rollladen von Velocitta im Kreis 5.

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