Spiel ohne Grenzen

Wer im Spielzeugtempel Franz Carl Weber während der Vorweihnachtszeit das Ziel aus den Augen verliert, ist verloren.

Viele Dinge, viele Kinder, und fast alle sagen: «Ich will!». Weihnachtsshopping bei Franz Carl Weber. Foto: Doris Fanconi

Viele Dinge, viele Kinder, und fast alle sagen: «Ich will!». Weihnachtsshopping bei Franz Carl Weber. Foto: Doris Fanconi

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Irgendwie ist hier alles pink. Natürlich stimmt das nicht, aber es fühlt sich so an. Vielleicht liegt es auch am schweren Duft von Gummibärchen und Marshmallows, der durch den Eingangsbereich wabert. Die Luft ist derart davon gesättigt, dass man allein vom Einatmen dicker wird. Süss und pink. Und sehr, sehr voll. So ist es hier fast immer. Vor allem aber vor Weihnachten. «Ausnahmezustand», nennt es der Marketingchef.

Der Laden ist geflutet mit Menschen. Ein paar Neo-Göttis mäandern hilflos durch die Regale. Grosseltern versuchen, sich im mehrgeschossigen Einkaufstempel zurechtzufinden. Ganz anders die Shoppingprofis – vornehmlich Eltern oder Mehrfachpaten. Sie sind an ihrem Blick zu erkennen. Der Raum wird gescannt, fokussiert auf den einen Teddy oder die Briobahn. Ihnen ist klar: Wer hier das Ziel aus den Augen verliert, ist verloren im Spiel ohne Grenzen.

Allein die Masse an Gesellschaftsspielen, die im Untergeschoss dicht an dicht stehen, lässt einen vor Überforderung erstarren. Um hier eine Übersicht zu bekommen, müsste man sich eine Woche lang einmieten. Die Sehnsucht nach den Zeiten, als es nur zwischen Eile mit Weile, Halma und Monopoly zu entscheiden galt, ergreift einen unweigerlich. Nicht zuletzt deshalb, weil die Qual der Wahl einen ähnlichen Impakt auf die Beziehung haben kann, wie ein Ikea-Besuch.

***

«Guck mal, Schatz, das ist es doch, nicht?» – «Nein, das hat er schon» – «Ah . . . Aber wir könnten ihm ja das hier drüben schenken, weisst du, als Zusatz?» – «Nein! Wenn du häufiger zu Hause wärst, wüsstest du, dass er so was nicht mag. Stells zurück und komm.»

«Ach, ist das goldig. Guck mal, diese Bordüren da. Wirklich ausgesprochen hübsch, nicht?» – «Mhm.» – «Sollen wir ihr das schenken?» – «Ja ja.» – «Oder sollen wir das grüne dort drüben nehmen?» – «Okay.» – «Nein, grün gefällt ihr nicht so gut. Ich glaube, ich nehme das blaue. Findest du nicht auch? Jetzt sag doch auch mal was!»

***

Ein batteriebetriebener Hund versucht, eine Katze und ein Schwein zu bespringen. Die Sau flüchtet grunzend und schiebt die miauende Katze vor sich her. Pandas blicken gelangweilt auf das Treiben. Während es ihnen egal zu sein scheint, ob sie noch eine weitere Saison zwischen Ozelots und Braunbären auf Abnehmer warten müssen, glotzen auf der Seite gegenüber lilafarbene (!) Delfine mit absurd grossen Augen sehnsüchtig aus den Regalen herab. «Nehmt mich mit!», scheinen sie zu flehen.

«Oh, nein, tut mir sehr leid. Wenn dort hinten keins mehr steht . . . ich könnte Ihnen aber eins bestellen. ­Allerdings kann ich nicht garantieren, dass die in diesem Jahr noch geliefert werden.»

Der Mutter gefriert bei diesem Satz das Blut in den Adern. Wo, wenn nicht hier, kommt sie jetzt noch zu ihrem Geschenk? Die Zeit drängt. Die Post bringts nicht mehr so kurz vor den Festtagen und hier hats doch alles. Darfs eine Vogelspinne aus Plüsch sein? Kein Problem – sofern sie dafür 84 Franken lockermachen können. Oder ein Bonbonspender mit Yoda-Kopf? Ein Kochset mit Frittentüte, Pouletschenkel und Ketchup-Flasche? Flummis? Diese Dinger, die aussehen wie bekiffte Eulen, hats auch in allen erdenklichen Farben,

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«Was ist das hier für ein Tier?» – «Keine Ahnung! Ich glaube, es ist irgendwas Australisches. Es heisst so ähnlich wie eine Frucht. Habe das kürzlich mal im Fernsehen gesehen.» – «Ah, Sie meinen einen Kiwi?» – «Ja, genau!»

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Unfassbar, wie ruhig und freundlich die Angestellten in diesem Laden sind. Dabei könnten die Arbeitsbedingungen in der vorweihnachtlichen Hektik die Gewerkschaft auf den Plan rufen. Alleine der konstante Lärm hat Vorhöllencharakter. Jedes zweite Spielzeug macht ein Geräusch – und zwar ein lautes.­Irgendwo ist immer ein Kind zu hören. Mindestens! Die meisten Sätze, die diese Kinder absondern, beginnen mit «Ich will». Und schliesslich ist da die konstante Beschallung aus den Lautsprecherboxen. «It’s the final countdown» mahnt der Europe-Sänger gerade – das Personal lächelt dazu selig. Wie machen die das bloss? So viel Zen kann man unmöglich auf sich vereinen. Sind hier Frauen von Stepford am Werk? Ich schwanke zwischen Bewunderung und Skepsis.

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«Sie haben aber viel zu tun!» – «Ja ja, es ist verrückt. Manchmal weiss ich gar nicht mehr, was ich gerade eingepackt habe: eine Barbie, ein Spielzeugauto . . . Das ist halt so vor Weihnachten.»

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Eine Mutter hat ihre drei Knaben – einer etwa 5, einer 8 und einer 37 Jahre alt – bei der Carrerabahn deponiert. Gebannt beobachten sie ein Rennauto, das seine Runden dreht und dreht und dreht. Etwas weiter vorn hat sich ein Bub die Fernsteuerung eines Spielzeugbaggers ergattert. Glückstrahlend lässt er ihn nun mitten im Getümmel mal hierhin, mal dorthin kurven – während zwei Jungs mit langen Gesichtern darauf warten, dass er das Teil endlich wieder freigibt. Ein blondes Mädchen trödelt vor dem Puppenregal herum, die Unterlippe weit nach vorn geklappt.

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«Nur kuhuuuurz!» – «Nein, du darfst nicht damit spielen. Wir gucken nicht mit den Händen, sondern nur mit den Augen.» – «Aber warum nicht? Das andere Mädchen hat vorhin auch damit gespielt.» – «Aber wir machen das nicht. Wir schauen uns die Sachen nur an.» – «Warum?» – «Das ist einfach so. Komm jetzt!»

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Gezeter und Geschrei – und böse Blicke von allen Seiten. Warum nur werden Kinder in diesen Laden mitgenommen? Doch nicht allen Ernstes, damit sie sich für ein einziges Geschenk entscheiden sollen? Wie soll ein Kind in diesem unerschöpflichen Fundus an Verlustierungen nur eine Wahl treffen? Das bringen noch nicht einmal Erwachsene zustande.

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«Poppy, das ist doch ein schönes Plüschpferdchen für dich, nicht?» – «Neeein» – «Komm, das ist doch wirklich süss. Mit diesen lieben Augen.» – «Neiiiin! Ich will das da. Das mit diesen Zotteln da. Es leuchtet, wenn man es auf den Boden wirft.»

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Einige wollen sich offenbar auf eine ganz harte Probe stellen. Sie kommen mit mehreren Kindern in den Laden. Gender­gemischt. Und selbst wenn die aufgeklärte Mutter oder der emanzipierte Vater es sich anders vorgestellt haben: Die Buben haben keine Lust auf Puppenzeugs, die Mädchen wollen nicht in der Märklin-Abteilung stehen bleiben.

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«Ich gehe mal kurz zu den Modellflugzeugen» – «Nein, warte! Wir gehen alle zusammen.» – «Oh, Maaaann! Wir stehen jetzt schon eine halbe Stunde hier. Ich will die Flugzeuge anschauen.» – «Nein, sage ich: Du wartest!» – «Julien ist auch schon dort. Kannst ja nachher auch kommen. Tschüss!» – «. . . also, äh . . . o.k. Aber bleibt dort, bis ich komme, ja? Hast du mich gehört, Lino? Lino?!»

«Hey, guck mal: Einbrecher und Polizeiautos!» – «Ja, aber wir haben doch ­gesagt, dass es in diesem Jahr ein Wissensspiel gibt.» – «Der hat aber diesen speziellen Aufsatz fürs Auto. Nico hat den auch. Der ist mega geil! – «Du hast aber schon ein Polizeiauto.» – «Ja, aber nicht dieses da.»

***

Inzwischen ist es 18 Uhr. Aus voll wird noch voller. An den Kassen wird im ­Akkord verrechnet. Ein Playmobil-Piratenschiff geht über den Ladentisch. «Oh, il va être content!», sagt die Mutter. Die Grossmutter zahlt.

***

«Hier Ihre Quittung.» – «Danke! So! Dann hätten wir das Geschenk. Jetzt wär das erledigt.» – «Für diese Saison.»

Erstellt: 18.12.2014, 18:47 Uhr

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