Das Auge des Gesetzes

Arnold Odermatt wandelte sich vom Nidwaldner Dorfpolizisten zum international gefeierten Fotografen. Jetzt widmet ihm die Photobastei in Zürich eine Retrospektive.

Schert sich nicht um den Rummel: Der Fotograf Arnold Odermatt in seiner Heimat Stans.
Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Polizeibilder aus dem Kanton Nidwalden im Art Institute of Chicago? Was nach einem Gerücht klingt, wurde im Jahr 2001 Realität. Dank der erstaunlichen Karriere des ehemaligen Polizeifotografen Arnold Odermatt. Er flog ­damals erste Klasse, schlief im Fünfsternhotel, und am Flughafen wartete eine ­Limousine auf ihn. Das Museum zeigte gleichzeitig Werke von Andy Warhol. Odermatt fragte seinen Sohn, der ihn ­begleitete: «Wer ist dieser Andy?» Und als der damals 76-Jährige im vierstündigen Symposium zu seiner Arbeit sass, wunderte er sich, weshalb sich niemand an ihn persönlich wandte. Kurz: Der Rummel ging an ihm vorbei. Wirklich stolz war Arnold Odermatt erst, als sich 2013 auch Stans dazu durchringen konnte, eine Ausstellung mit seinen Werken zu organisieren. Endlich hatte er das Gefühl, als Künstler angekommen zu sein.

Hier geht es zu den Bildern von Arnold Odermatt.

Es war Odermatt nicht in die Wiege gelegt worden, ein Fotograf von Weltruhm zu werden. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Stans auf, wo er heute noch wohnt. Für sein Alter wirkt er fit und wach. Beeindruckt und fasziniert ist man, wenn er mit feinem Humor und grosser Lust Anekdoten erzählt. Das musste er an diesem Tag öfters tun. Denn wie zu einem Dorfkönig pilgerten am letzten Samstag Journalistinnen und Fotografen nach Stans ins örtliche Museum, und wie ein abgebrühter Profi beantwortete er die Fragen und stellte sich für die Bilder ins richtige Licht.

Ein Job bei der Polizei

Aufgewachsen ist Odermatt als eines von elf Kindern. Sein Vater war Kantonsförster. Zunächst lernte er in Kriens Bäcker und Konditor. Danach zog es ihn nach Zürich und später nach La-Chaux-de-Fonds. Er galt dann bereits als Künstler. «Allerdings nur wegen meiner kunstvoll gestalteten Hochzeitstorten», sagt er. Zum Fotokünstler wurde er wegen einer Hautallergie. Sie zwang ihn, etwas Neues zu lernen. Er hätte nach Afrika auswandern und dort auf einer Kaffeeplantage im damaligen Belgisch-Kongo arbeiten können. Den Koffer hatte er bereits gepackt. Doch dann vermittelte ihm sein Vater einen Job bei der Polizei.

Seine Leidenschaft fürs Fotografieren hat Odermatt als Zehnjähriger entdeckt. In einem Wettbewerb gewann er eine Boxkamera, hatte jedoch keine Ahnung, wie man sie bediente. Und es gab auch niemanden in seiner Umgebung, der ihm hätte helfen können. Kaum hatte er abgedrückt, riss er den Film aus der Kamera, um sich das Bild anzuschauen. Der Dorffotograf hatte Erbarmen mit dem Buben und spendierte ihm einen neuen Film. Es sollte sich als gutes Geschäft erweisen. «Später habe ich seinen Sohn mindestens 50-mal zum Kaffee eingeladen», erzählt Odermatt.

Damals war Rasen noch ein Gentleman-Delikt.

Zum richtigen Fotografen wurde er als Polizist. Eigentlich wollte der damalige Kommandant keine Unfallbilder. Es fehle an Beweiskraft, weil sie manipulierbar seien, sagte er. Odermatt liess sich davon nicht beeindrucken und legte jedem Dossier sein Unfallbild bei. Das fiel auch einem hohen Richter auf. «Das ist unglaublich, wie gut du fotografierst», liess er ihn wissen. Fortan hatte Polizist Odermatt die Lizenz zum Fotografieren.

In dieser Zeit war Rasen noch ein Gentleman-Delikt. Odermatt konnte sich deshalb über mangelnde Sujets nicht beklagen und eilte von Unfall zu Unfall. Jedes Bild wollte sehr genau überlegt sein, Fotopapier und die Filme waren teuer. Von jedem Unfall machte Odermatt deshalb ein einziges Bild. Er fotografierte dabei immer mit einem Stativ, achtete auf die Tiefenschärfe, suchte nach einem formal interessanten Blickwinkel, um möglichst viele Informationen auf dem 6x6-Bild zu haben. Jedes wurde ein kleines, von Odermatt inszeniertes Kunstwerk. Heute vermitteln diese Fotos den Eindruck einer ruhigen, längst vergangenen Welt.

Odermatts Sohn wurde Filmregisseur. 1992 entdeckte er das Archiv seines Vaters und erkannte dabei den Wert dieser Bilder. Er setzte alles daran, sie kommerziell zu verwerten. Dem ehemaligen Polizisten aber war dies eher lästig. Schliesslich willigte er ein und trat die Rechte der Bilder seinem Sohn ab. So wurde Arnold Odermatt gegen seinen Willen im hohen Alter doch noch zum Künstler. 2001 wurde die Schweizer Ausstellungskoryphäe Harald Szeemann auf ihn aufmerksam. Er stellte seine Bilder an der Biennale in Venedig aus. Die Galerie Robert Springer in Berlin nahm ihn unter Vertrag. Nun ging es Schlag auf Schlag: Odermatts Bilder waren in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen, national und international. Inzwischen ist bereits der vierte Fotoband beim österreichischen Steidl-Verlag erschienen.

«Fotograf und Landjäger»

Als Polizist wurde Arnold Odermatt von Regierungsvertretern öfter auf den Bürgenstock mitgenommen. Dort musste er prominente Gäste aus dem In- und Ausland ins richtige Licht rücken. Dabei lernte er sein Vorbild Werner Bischof, aber auch Konrad Adenauer, Deutschlands ersten Bundeskanzler, und dessen Tochter Lotte kennen. Ihr wollte er imponieren. Adenauer kannte die Innerschweizer Berge sehr gut und zählte sie vor der versammelten deutschen Regierung der Reihe nach auf. Einen konnte er jedoch nicht nennen. Hilfesuchend wandte er sich an Odermatt und erkundigte sich. Dieser hatte keine Ahnung und flunkerte irgendetwas. «Adenauer lachte mich aus, er wusste viel mehr als ich», sagt Odermatt heute.

Weder internationaler Ruhm noch Prominenz haben Odermatt beeindruckt. Er ist sich selber treu geblieben. Den «Tages-Anzeiger»-Fotografen begrüsste er mit: «Ich bin Fotograf und Landjäger», und zum Abschied wünscht er «gutes Licht». Wie man das unter Berufsfotografen macht.


Photobastei, Sihlquai 125, Vernissage Donnerstag, 19. 1.,
ab 18 Uhr. Bis 12. 3.

Erstellt: 17.01.2017, 19:25 Uhr

Artikel zum Thema

Der Witz ist die Ordnung

Fotoblog Als Polizist hat er Autounfälle fotografiert, nach dem Feierabend den Alltag: Es gibt Neues aus dem Fundus von Arnold Odermatt. Zum Blog

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Was für eine Plage: Eine Bauernstochter in Kenia versucht mit ihrem Schal Heuschrecken zu verjagen. (24. Januar 2020)
(Bild: Ben Curtis) Mehr...