«Ein Quäntchen Wut»

Werber Pascal Deville sammelt Websites, die sich durch Radikalität vom Einheitsbrei abheben. Seine Rückbesinnung aufs Einfache findet derzeit weltweite Beachtung.

Brutal wie in den 90er-Jahren: Solche Websites mag Pascal Deville. Screenshots: PD

Brutal wie in den 90er-Jahren: Solche Websites mag Pascal Deville. Screenshots: PD

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Jetzt, da das Internet einigermassen aufgeräumt daherkommt, regt sich Widerstand. Die Vormachtstellung von Baukastensystemen wie Wordpress, mit denen sich jeder seine Website basteln kann, soll gebrochen werden. Pascal Deville, Luzerner Werber mit Zürcher Arbeitsplatz, sammelt und porträtiert seit zwei Jahren Websites, die daherkommen wie in den Urzeiten des Internets. Auf seinem Portal Brutalistwebsites.com toben die wilden Neunziger. Was viele als Kindheitssünden betrachten, feiert er als radikal und essenziell.

Was ist «Web-Brutalism»?
Web-Brutalism ist aus einer Notiz an mich selber entstanden, die ich im August 2014 in mein Handy getippt habe: «Brutalist Websites: no colors, only systemfonts, working on all devices/platforms, no bullshit: Craigslist, Wikipedia, FFFOUND!, Indexhibit…» Die Vorliebe ist auch die logische Konsequenz meines Werdegangs: Architektur, digitale Kommunikation und ein Quäntchen Wut.

Die Brutalism-Websites kommen im Neunziger-Jahre-Look daher. Ist das nicht einfach der normale Ablauf? Mit einigem Abstand wird ein Jahrzehnt kurz wieder hip?
Wahrscheinlich. Nur dass diese Art von Revivals für die digitale Welt ziemlich neuartig sind. Einzig in der Indie-Game-Szene wird bereits seit längerem mit Lo-Fi als Stilelement experimentiert.

Pascal Deville
Der 37-Jährige ist Creative Director und Mitgründer der Zürcher Werbeagentur Freundliche Grüsse, die es seit 2014 gibt.

Internationale Magazine berichteten über Web-Brutalism. Warum zieht Ihr Hobby plötzlich so weite Kreise?
Don’t believe the hype. Es sind in erster Linie die Journalisten selbst, welche den Stil zum Trend hochgejubelt haben.

Auf ihrer Website porträtieren Sie Menschen, die «brutale» Websites konzipieren. Denken viele wie Sie?
50 Prozent aller Einsendungen stammen von Leuten, die keine Ahnung von Webdesign haben, also Laien auf dem Gebiet sind. Solche Einsendungen zeige ich nicht. Hinter den brutalistischen Websites stehen immer Profis.

Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da? Werden hier viele öde Websites produziert?
Es verhält sich hier ähnlich wie mit der Musik. Die Schweiz ist nicht schlecht, aber auch nicht wirklich weltbewegend.

Mein Favorit auf Ihrem Portal ist?Adult Swim. Dort latscht plötzlich der Chefredaktor ins Bild. Kommt?diese Mode wirklich wieder?
Immer noch besser als Virtual Reality.

Gerade sind grossflächige Bilder und intensives Scrollen sehr in. Die Website ihrer Agentur ist ein Beispiel dafür. Warum nicht brutaler?
Für eine Agentur-Website ist das schon ordentlich brutal. Wir werden für die Site auch oft gelobt.

Ist die Brutalism-Bewegung am Ende ein reines Kunstding und nicht im Agenturalltag anwendbar?
Agenturen folgen den Trends. Wenn sich der Brutalism als Stil etablieren sollte, würden es Agenturen auch anbieten.

Fehlt es am Mut der Kunden?
Nein. Es sind meist die Agenturen, die keinen Mut haben.

Ich bin ein junges Unternehmen und will mich möglichst auffällig im Netz positionieren. Was tun?
Einen neuen Stil erfinden. Zum Beispiel Death-Metal-Branding.

Wie oft sollte man seine Website grafisch auffrischen?
In der Fachsprache heisst das Redesign. Ich finde zwei Ansätze richtig. Erstens: ständig. Zweitens: nie.

Wie viel Kunst ist beim Webdesign erlaubt?
Viel! Jedoch fristet Kunst im Webdesign ein Schattendasein. Mit der Eröffnung des MuDA (Museum of Digital Art) in Zürich gibt es aber Vorstösse in diese Richtung. In den Niederlanden ist man da schon deutlich weiter, zum Beispiel mit dem Interactive Design Studio Moniker, das unter anderem schon Projekte für die Fondation Beyeler umgesetzt hat.

Gibt es grosse Unternehmen, die im Netz alles richtig machen?
Amazon.com von Jeff Bezos verfolgt seit 20 Jahren eine sehr gute Onlinestrategie. Auch das Kommunikationstool Basecamp von Jason Fried macht alles richtig. Beide denken sehr langfristig. Kein Wunder, investiert Bezos in Basecamp.

Wie sollte der «Tages-Anzeiger» online daherkommen? Brutaler?
Der Tagi wurde vor einiger Zeit grossartig redesigned von den Information Architects. Sie legten die perfekte Newssite hin. Der jetzigen Version fehlt es dagegen an Profil.

What’s next in Sachen Webdesign? Zurück zu reinem Code? Ist das Deep Net das neue Internet?
Nein, es braucht nur eine Rückbesinnung zu dem, was das Web grossartig macht: Links zum Draufklicken und den Drang, damit Neues zu machen.

Letztes Jahr sorgten Sie mit Ihrer Agentur Freundliche Grüsse für Aufsehen, als sie die FCZ-Frauen mit Begleitmännern statt mit Fair-Play-Kindern auf den Champions-League-Rasen schickten. Dafür zeichnete Sie der Art Directors Club aus. Sie blieben der Preisverleihung allerdings fern. Wieso?
Wir waren damals noch eine Zweimannagentur, und beide hatten für den Abend schon andere Pläne.

Welche Werbeidee hat Sie kürzlich zum Schmunzeln gebracht?
Die «Bacon Timeline» von Barton F. Graf für Pizza Hut. Eine Funktion, mit der man seine gesamte Timeline auf Twitter in ein meterlanges Speckstück verwandeln kann.

Das Kreativgen liegt in der Familie. Ihr Bruder, Dominic Deville, ist der neue Late-Night-Talker des SRF. Finden da manchmal familieninterne Brainstormings statt?
Jetzt nicht mehr. Wir hatten damals bereits alles im Kinderzimmer beim Hörspielhören und Playmobilspielen durchgesprochen. Er wollte ins Fernsehen, ich eine Agentur gründen.

Sind Ihre Eltern ebenfalls Kreativköpfe – oder wurde das Gen rezessiv vererbt?
Unsere Mutter ist die Kreativdirektorin, mein Vater der Stratege. Zusammen mit den beiden Hunden ergibt das eine hochexplosive Mischung.

Bald sitzen Sie wieder vor dem Rechner. Wo surfen Sie dann hin?
Der Begriff «Surfen» ist nun also wirklich voll 90er-Jahre.

Was ist das nächste brutale Projekt von Pascal Deville?
Mal sehen. Ich habe eine lange Ideenliste auf meinem Handy, eine davon lautet: «Gallery Destroyer – Game Idea for Ego-Shooter».


brutalistwebsites.com

Erstellt: 10.06.2016, 21:33 Uhr

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