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Einmal auftanken in der Widder-Garage

Die Widder-Bar bleibt wegen Umbauarbeiten bis zum Herbst geschlossen. Dafür gibts jetzt eine Alternative in einer ungewöhnlichen Location.

Wie von glücklicher Hand zusammengewürfelt: Die Widder-Garage, Zürichs neuste gastronomische Attraktion. Foto: Dominique Meienberg
Wie von glücklicher Hand zusammengewürfelt: Die Widder-Garage, Zürichs neuste gastronomische Attraktion. Foto: Dominique Meienberg

Die perfekte Bar ist wie der perfekte Cocktail: ein sorgfältig austarierter Mix. Im Fall der Widder-Garage besteht er aus einem Raum, in dem bis vor zwei Monaten noch die Autos von Hotelgästen standen, je einer Portion Waldhaus Dolder und Hotel Storchen, ausrangierten Klavieren, einem grossen Discoball und viel gastronomischem Gespür. Dem Pop-up-Lokal am Augustinerhof – wegen der Sanierung der berühmten Widder-Bar ins Leben gerufen – fehlt zwar die Noblesse des Stammhauses, doch es hat Atmosphäre. Alles wirkt wie von glücklicher Hand zusammengewürfelt und würde auch in die Ausgehmeilen von Berlin, Tel Aviv oder Beirut passen.

Der Weg in Zürichs neuste gastronomische Attraktion führt durch eine schlichte graue Tür, hinter der sich ein rund 150 Quadratmeter grosser Raum auftut. Die Gäste sitzen mehrheitlich auf geschwungenen Polsterbänken mit grünem Lederbezug. Es sind Bänke mit Geschichte: Sie stammen aus der Bähnli-Bar des dem Abriss geweihten Waldhaus Dolder, wo einst auch die Rolling Stones zechten. Aus dem Waldhaus sind auch die Hocker am Tresen, die roten Sessel dagegen standen einst in der Storchen-Bar, genauso wie die vom Zahn der Zeit angenagten Holzelemente. Und die Discokugel taucht alles in glitzerndes Licht – Shabby Chic würde man das in einem Interior-Design-Magazin wohl nennen.

Die Gäste dürfen DJ spielen

Die Garagenvergangenheit greifen Kleber von Reifenherstellern oder Tankstellenketten und leere Ölfässer auf. Doch auch das Wahrzeichen der Widder-Bar hats hierher geschafft: die hölzerne Widderstatue mit den drei Köpfen, die im Stammhaus am Fenster zur Widdergasse stand. Ihr grösster Kopf blickt zum langen Bartresen, den vier Klaviere der Zürcher Firma C. Rordorf & Cie. bilden.

Die Aussenansicht der Widder-Garage an der Augustinergasse. Bild: Dominique Meienberg
Die Aussenansicht der Widder-Garage an der Augustinergasse. Bild: Dominique Meienberg

Die Barkeeper tragen weisse Hemden und schwarze Hosen mit Hosenträgern. In den Regalen dahinter stehen die Flaschen säuberlich aufgereiht wie gehorsame Soldaten: Gin, Rum, Wodka, Cognac – und natürlich Whisky, das traditionelle Herzstück des Widder-Sortiments. Rund 75 Prozent der Single-Malt-Preziosen, dies im Hotel drüben gab, sind hier erhältlich. Und auch ihre ganz eigene Spirituose hat die Widder-Garage: den Jazz Infused Gin, eine auf 200 Flaschen limitierte Sonderedition des lokalen Brenners Turicum Gin.

Die Wände sind mit Bildern und Postern verziert: hier eine Gruppe nackter Hintern mit dem Schriftzug «The Gault-Millau Stars», dort Ankündigungen für längst vergangene Boxkämpfe. In einem Regal beim Eingang stapeln sich Schallplatten; stilistisch ist es ein wildes durcheinander, und es dient nicht der Dekoration: Nachmittags dürfen sich die Gäste an einem Plattenspieler als DJ betätigen, eine Beschallungsart, die auch das Grand Café Lochergut für sich entdeckt hat.

Gibt es eine Verlängerung?

Der allgemeine Tenor lautet: Eigentlich schade, dass in diesem eigenwilligen Etablissement im Herbst, nach der Wiedereröffnung der renovierten Widder-Bar, erneut nur noch Autos parkiert werden sollen. «Muss nicht so sein», beschwichtigt Rene Bruggraber, der Director of Marketing des Hotels Widder. Es sei durchaus eine Option, hier weiter eine Bar oder eine fixe Eventlocation zu betreiben. «Wir sind aber von den Behörden abhängig, die im Fall der Fälle die Bewilligung verlängern müssten.»

Dass die Widder-Garage mehr einem Pop-up im Kreis 4 gleicht als einer klassischen Hotelbar, ist kein Zufall. Das Konzept stammt von Sami Khouri, der unter anderem den Palestine Grill an der Langstrasse betreibt und in Zürich der Spezialist für die Verwandlung brachliegender Räume in stimmungsvolle Lokale ist. Khouri steht am Eröffnungsabend in Jeans und Sweatshirt ein wenig abseits und nickt freundlich, als Widder-Direktor Jan Brucker am Tresen seine Rede hält. «Wir wollten es uns nicht leisten, die Widder-Bar neun Monate zu schliessen, ohne eine Alternative bieten zu können. Also haben wir uns auf die Suche nach einer Idee gemacht. Der Einfall mit der Garage kam dann meiner Frau Regula», so Brucker. Die Location hatte sich bereits während des Zurich Film Festival als Stätte einer Sponsorengala bewährt, zudem bietet sie für die warme Jahreszeit einen grosszügigen Aussenbereich.

Das Bar-Team: Rafael Vàsquez, David Bandak und Serkan Akskal.
Das Bar-Team: Rafael Vàsquez, David Bandak und Serkan Akskal.

«Da Leute älteren Datums wie ich nicht die grössten Erneuerer sind, haben wir den Kontakt zu Sami Khouri gesucht», fährt Brucker fort. «Zusammen mit seinem Kreativteam hat er das Projekt Widder-Garage in nur sechs Wochen realisiert – drei Wochen für das Grundgerüst, drei Wochen für den Feinschliff.» Ralf Gubler, ein mit Khouri befreundeter Architekt, kümmerte sich um die ­Bewilligungen – und um die aufwendige Installation der notwendigen Infrastruktur: Lüftungsrohre, Toiletten, Heizkörper, alles musste er erst einbauen lassen. Das Okay der Stadt kam äusserst pünktlich: Am Donnerstag, dem Tag der Einweihung mit 400 geladenen Gästen.

Was Brucker in seiner Ansprache verschweigt: Die eigentliche Triebfeder der Modernisierung des Hotels Widder ist er selbst. Ohne den humorvollen, aufgeschlossenen Direktor wäre der 1995 eröffnete Betrieb nicht zum innovativsten Fünfsternhaus weit und breit geworden. Er versteht es ausgezeichnet, Neues einfliessen zu lassen, ohne die Tradition des 700 Jahre alten Stammsitzes der Zürcher Metzgerzunft zu vernachlässigen. Bestes Beispiel: die fast immer ausgebuchte Brasserie Au-Gust, die auch von Gästen frequentiert wird, die sonst keinen Fuss in Luxushotels setzen – Schwellenangst kennt die lokale Bevölkerung beim Widder viel weniger als beim Baur au Lac oder dem Dolder Grand.

Bowle und Highballs

Als der offizielle Teil der Eröffnungsparty vorüber ist, schwärmen Kellner mit Tabletts voller Drinks aus. Gemixt hat sie Barchef David Bandak, Nachfolger des hochdekorierten Dirk Hany. Bandak hat das Angebot um einen grösseren Posten fassgereifter Drinks und Highballs erweitert. Etwa um den Widder Inferno, einen herben Mix aus Birnenschnaps, Lavendel und Cherry-Blossom-Tonic, der ebenso rasch in den Kopf steigt wie der erfrischende Rumble in the Jungle mit Gin, Gurke, Pfeffer, Chili und Rosmarin-Tonic. Nicht minder wuchtig ist die sogenannte Widder Bowl mit dunklem Rum, Champagner und frischen Früchten. Die Highballs kosten zwischen 14 und 18 Franken, die Bowle 12 Franken. Wird es komplizierter, steigt auch der Preis: Der Blues in the Night mit dem Signature-Gin von Turicum, Earl-Grey-Tee, rotem Wermut, schwarzem Trüffel und geräuchertem Holz schlägt mit 25 Franken zu Buche.

Für den Hunger gibt es Beefsteak Tatar oder Hotdogs, zubereitet in einer zur Küche umfunktionierten Wäschekammer. Die mit Pickles, Cole Slaw und gerösteten Zwiebeln garnierten Hotdogs schmecken mit jedem Drink besser, was alle feststellen – alle ausser die zwei ulkigen Herren, die sich Aquarien aus Glas mit lebendigen Goldfischen drin über den Kopf gestülpt haben, und nur durch einen Schnorchelstutzen im Mund atmen und konsumieren können.

Widder-Garage, Augustinerhof 1 Di/Mi 17 bis 1 Uhr, Do–Sa 17 bis 3 Uhr.

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