Im 4er-Tram zur Siegesfeier

«Der Bessere hat gewonnen», sagt Marionna Schlatter demütig. Ruedi Nosers Wahlsieg ist Balsam auf die Wunden der FDP.

Ruedi Noser (rechts) mit FDP-Präsident Hans-Jakob Boesch entspannt und siegesgewiss auf der Fahrt ins Wahlzentrum. Foto: Reto Oeschger

Ruedi Noser (rechts) mit FDP-Präsident Hans-Jakob Boesch entspannt und siegesgewiss auf der Fahrt ins Wahlzentrum. Foto: Reto Oeschger

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Während sein Tessiner Kollege Filippo Lombardi zittert und dann gar abgewählt wird, macht sich im Zürcher Seefeld Ruedi Noser seelenruhig über ein Glarner Landsgemeinde-Menu mit Kalberwurst her, das ihm und seinem Wahlteam das Restaurant Hornegg zubereitet hat.

Um Mittag kommen die ersten glasklaren Hochrechnungen: Der frühere Glarner Schulversager und Legastheniker Ruedi Noser ist zum zweiten Mal Zürcher Ständerat geworden. Und er freut sich, wie wenn es das erste Mal wäre. Der Druck eines Wahlkampfs, der vor allem durch die Polemik von SVP Herausforderer Roger Köppel anfangs ruppig war, ist weg. In seiner ersten Dankesrede zitiert Noser seine Herausforderin Marionna Schlatter, die in einem TV-Interview meinte: «Der Bessere hat gewonnen.»

Ein Stadt-Land-Graben

Auch wenn das Resultat mehr als deutlich ist, zeigt sich ein Stadt-Land-Graben. Während Noser auf dem Land klar gewinnt, holt Schlatter in den Städten Zürich und Winterthur (und in Rifferswil) mehr Stimmen. In Winterthur obsiegt Schlatter knapp mit 74 Stimmen Vorsprung. In Zürich erzielt sie 43'648 Stimmen, während Noser 35'584 erhielt. Auch die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer bevorzugten Schlatter.

Sobald alle Wahlkreise ausgezählt sind, steigen Ruedi Noser und FDP-Präsident Hans-Jakob Boesch im Seefeld ins 4er-Tram Richtung kantonale Verwaltung. Dort werden sie von Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh und dem bereits vor vier Wochen gewählten Ständerat Daniel Jositsch empfangen. FDP-Chef Boesch – im Frühling als Kantonsrat abgewählt – sagt: «Ruedi Noser hat uns mit dem heutigen Wahlerfolg ein schwieriges Wahljahr versüsst.»

Die Rolling Stones

Daniel Jositsch als erster Gratulant ausserhalb der FDP hat nie den geringsten Zweifel aufkommen lassen, dass er am liebsten wieder zusammen mit Noser den Stand Zürich in Bern vertreten würde. Und dito Noser. Die beiden sagten am Anfang des Wahlkampfes von sich: «Wir sind beide durchschnittlich, aber zusammen sind wir die Rolling Stones, weil wir uns gegenseitig ergänzen». Auf der einen Seite der Jurist und Strafrechtsprofessor Jositsch, auf der anderen der Selfmademan, Ingenieur und Unternehmer Noser.

«Wir sind beide durchschnittlich, aber zusammen sind wir die Rolling Stones, weil wir uns gegenseitig ergänzen.»Ruedi Noser (FDP) und Daniel Jositsch (SP)

Was den beiden bei der erfolgreichen Wiederwahl ebenfalls geholfen hat: Jositsch ist einer der prominenten Köpfe der Reformplattform «Sozialliberal in der SP Schweiz» – also ein moderater Genosse. Und Noser politisiert in der FDP etwas links der Mitte, er engagiert sich für die Gletscherinitiative und sieht im Klimaschutz wirtschaftliche Möglichkeiten. «Zusammen vertreten wir den Kanton Zürich sehr ausgewogen», sagt Noser.

Grüne brauchen Präsidentin

Im Wahlzentrum Walche tröstet Ruedi Noser zuerst einmal seine Konkurrentin Marionna Schlatter und dankt ihr für den fairen Wahlkampf. «Wir sehen uns bald wieder in Bern.» Schlatter wurde vor vier Wochen zur grünen Nationalrätin gewählt. Was sie am Rande der Wahlfeier noch sagt: «Im Frühling gebe ich das Amt als Präsidentin der Grünen ab.»

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Als Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh Ruedi Noser den offiziellen Blumenstrauss überreicht und zusammen mit Daniel Jositsch für die Medien posiert, steht Marionna Schlatter wie bestellt und nicht abgeholt in deutlichem Abstand daneben. Mit Jositsch hätte sie sicher gut zusammengearbeitet – «aber von der Zürcher Regierung wäre ich als Ständerätin weniger geschätzt worden als Ruedi Noser», sagt sie mit ironischem Unterton. Hintergrund von Schlatters Bemerkung: Fünf von sieben Zürcher Regierungsräten – alle ausser Jacqueline Fehr (SP) und Martin Neukom (Grüne) – hatten in einem Inserat explizit Ruedi Noser als zweiten Ständerat empfohlen.

Die grüne Fraktionspräsidentin Esther Guyer ist noch immer entsprechend sauer: «Es ist schwierig, im Kanton Zürich gegen einen bürgerlichen Bisherigen zu gewinnen.» Zudem habe diesmal das «bürgerliche Lotterbett» gehalten.

SVP lobt sich – und hofft

Zu den ersten schriftlichen Gratulanten für Noser gehört überraschend die SVP, nachdem sie im Wahlkampf scharf gegen ihn geschossen hatte und sich auch mit der Unterstützung im zweiten Wahlgang schwer getan hat. So empfahl die SVP, Noser auf den Wahlzettel zu schreiben, man könne ja danach duschen.

Nun schreibt die SVP: Mit dem Verzicht auf eine eigene Kandidatur und der Unterstützung von Noser habe die SVP eine doppelte linke Vertretung für den Stand Zürich verhindert. Sie habe mit dem Entscheid, die FDP zu unterstützen, «das Richtige für Zürich» getan. Jetzt bleibe zu hoffen, «dass Ruedi Noser eine klare bürgerliche Politik verfolgen wird».

Enthusiastischer ist naturgemäss die Zürcher FDP: «Wir freuen uns riesig über dieses super Resultat. Die Zürcherinnen und Zürcher haben mit diesem Resultat Ruedi Noser ihr Vertrauen ausgesprochen. Mit Ruedi Nosers Wiederwahl kommt klar zum Ausdruck, dass die Zürcher Bevölkerung zufrieden ist mit dem erfahrenen Macher, der Lösungen pragmatisch umsetzt und stets Mehrheiten findet», heisst es in der FDP-Medienmitteilung.

Erstellt: 17.11.2019, 21:10 Uhr

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