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Ein Denkmal für einen Demontierten

Ulrich Ochsenbein Der Schöpfer unserer Bundesverfassung wird mit einer Büste geehrt. Von Jost Auf der Maur* Die Ironie der Geschichte lässt sich nicht erfinden. Sie ergibt sich. Heute zum Beispiel in der bernischen Kleinstadt Nidau. In den Abendstunden wird dort im Hof des Schlosses die bronzene Büste eines gewissen Ulrich Ochsenbein enthüllt. Ein Grosser im Land, was viele erstaunen dürfte. Ochsenbein? Er ist ein erfolgreich Verfemter und fast Vergessener. Die Ehrung erfolgt mit über hundert Jahren Verspätung. Ulrich Ochsenbein, geboren 1811, war Sohn einfacher Wirtsleute. Er vereinigte in sich Talente, Tatkraft, rednerische Brillanz und Positionsgefühl in ungewöhnlichem Mass. Dazu gesellte sich ein geschärftes soziales Bewusstsein, worüber er gegen Ende seines Lebens schrieb: «Die Erleichterung der arbeitenden und dürftigen Klasse (wurde) eins der Hauptziele meines Lebens.» Aber eben nur eines von vielen: Ochsenbein wurde Advokat, Politiker, Militärführer. Er war bernischer Regierungsrat, Regierungspräsident, Bundespräsident und Oberbefehlshaber der Division Berns im Sonderbundskrieg 1847. Er half, die konservativen Verhältnisse aufzubrechen und die feudalistische Elite zu entmachten. Er gehörte zu den ersten sieben Bundesräten im neu geborenen Bundesstaat. Und was in jedes Schulbuch müsste, aber in keinem steht: Er führte bei der Niederschrift der revolutionären Bundesverfassung die Feder. Ein Kraftakt in nur 51 Tagen und ein Geniestreich: Das Schriftstück ist moderne politische Architektur, im Grundriss bis heute gültig. Wirksam ist in diesem Wurf die Devise von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Menschen, vom Schöpfer mit unveräusserlichen Rechten begabt, werden verantwortlich und bestellen ihre Obrigkeit selber. Fundament und Bedingung für eine funktionierende Volksherrschaft. Ganz Europa blickte auf die Schweiz. Monarchisten wie der mächtige österreichische Staatskanzler Fürst Metternich hätten das «Republikanernest» am liebsten besetzt und ausgeräuchert. In einer heute kaum vorstellbar bewegten Zeit war Ulrich Ochsenbein von Kopf bis Fuss eine Ausnahmeerscheinung: ein Staatsmann. Glanz und Leidenschaft haben es in der Enge unseres Landes jedoch schwer: Die Zahl der Neider und politischen Gegner wuchs, Ochsenbein wurde nach sechs Jahren im Bundesrat 1854 nicht wiedergewählt. Er erwog mit seiner Familie die Auswanderung nach Nordamerika, engagierte sich dann in Frankreich als Offizier in der Fremdenlegion und führte als Divisionsgeneral im Deutsch-Französischen Krieg 1871 das 24. Armeekorps der Französischen Republik. Das gereichte ihm zum Vorwurf. Ochsenbein wurde in der Schweiz demontiert, gedemütigt, moralisch vernichtet: «Oh, welche Stürme wir noch ausstehen müssen», schrieb Ochsenbeins Frau Emilie.Es ist das Verdienst des Journalisten und Buchautors Rolf Holenstein, den Staatsmann rehabilitiert zu haben. Die hervorragende Biografie «Ochsenbein, Erfinder der modernen Schweiz», erschienen vor zwei Jahren, stützt sich auf neues Material und 374 bisher unbekannte Briefe. Ohne Holenstein gäbe es heute keine Feier. Und keine Büste des Bildhauers Peter Fuchs. Enthüllt wird der freisinnige Alt-Bundesrat Ochsenbein vom freisinnigen Noch-Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Für die Anwesenden gleichsam ein Flügelschlag der Geschichte. * Jost Auf der Maur ist Reporter der «Schweizer Familie».

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