Der Fisch, der spazieren geht

Fische gelten nicht gerade als Intelligenzbestien. Doch die Raffinessen des Schlammspringers beweisen das Gegenteil.

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Hoppla, jetzt hat es den Fisch an Land gespült. Meint man. Doch dann beginnt der Fisch munter loszuwatscheln, er hüpft über eine Wurzel und klettert auf einen Stein. Spätestens jetzt drückt man sich die Nase an der Scheibe des Gezeitenbeckens im Zoo Zürich platt.

Auch häufigen Zoobesuchern sind die Schlammspringer im Aquarium möglicherweise verborgen geblieben, doch wer sich mit ihnen beschäftigt, kommt aus dem Staunen kaum mehr heraus. Diese Fische haben sich, wie Zoo-Kurator Robert Zingg heute vor den Medien darlegte, unglaublich raffiniert an ihren Lebensraum angepasst.

Damit ihm nicht der Schnauf ausgeht

Schlammspringer leben auf Grenzflächen, wo das Wasser in Land übergeht, vor allem in Gezeitenzonen, was die Gefahr birgt, zu stranden. Dieser Fisch jedoch hat es genau darauf angelegt. Doch wie kommt es, dass ihm als Kiemenatmer an Land nicht der Schnauf ausgeht?

Der Schlammspringer hat enge Kiementaschen ausgebildet, die er mit Wasser füllt, wenn er spazieren geht. Unterwegs blubbert er regelmässig ein bisschen in dieses Behältnis, damit das Wasser mit Luft in Berührung kommt und sich wieder mit Sauerstoff anreichert. Kommt er trotzdem ausser Atem, hat er zudem die Fähigkeit entwickelt, über die Haut und die Mundschleimhäute Sauerstoff aufzunehmen.

Damit er die Übersicht behält

Liegt der Schlammspringer im seichten Wasser und lauert auf Krebschen und Insekten an Land, ragen seine Augen knapp über die Wasseroberfläche. Sie sind einzeln beweglich und erlauben wie Periskope eine Rundumsicht – der Gattungsname lautet denn auch Rundumauge (Periophthalmus).

Damit ihm die empfindlichen Augen an Land nicht austrocknen, nimmt er wiederum in einer Hauttasche etwas Wasser mit, mit dem er diese befeuchten kann. An Land fortbewegen kann er sich dank seinen stark ausgeprägten, armähnlichen Brust- und den kräftigen Schwanzflossen.

Es darf auch einmal süss sein

Schlammspringer leben vorwiegend in den Mangrovenwäldern der Tropen von Afrika und Asien. Diejenigen des Zoos Zürich sind Atlantische Schlammspringer, die an der Westküste Afrikas vorkommen und bis zu zwanzig Zentimeter gross werden. Sie stammen allerdings aus einer Zucht.

Dabei sind diese Fische erstaunlich tolerant, was den Salzgehalt des Wassers betrifft. Sie fühlen sich im Meer- und Brackwasser wohl, dringen aber auf Nahrungssuche zuweilen auch in Flüsse vor, was für die meisten Meerfische den schnellen Tod bedeuten würde. Beim Schlammspringer aber darf es zuweilen auch Süsswasser sein.

Auch graben kann er

Schlammspringer schwimmen, spazieren, springen – und graben. Sie graben im Schlick der Gezeitenzone mit dem Maul Wohn- und Brutröhren, die bis zu einem Meter tief sein können. Allerdings müssen sie sich bei dieser Arbeit mehrmals ins freie Wasser begeben, um den Sand aus dem Maul zu spülen.

Das Weibchen legt die Eier auf den Grund der Bruthöhlen, die so ausgelegt sind, dass sie bei Hochwasser geflutet werden. Das Männchen ist dafür besorgt, dass in der Eikammer immer genug Sauerstoff vorhanden ist, indem es regelmässig Luft hineinpumpt.

Das schwangere Männchen

Was der Schlammspringer nicht kann, ist, durch seine Anmut zu bezaubern. Er gehört mit seinen Glupschaugen eher zur Kategorie Kurioses aus der Tierwelt. Kurios und hübsch zugleich sind dagegen die Seepferdchen, die seit kurzem auch im Zoo Zürich zu sehen sind. Wenn man sie findet.

Sechs Barbour's Seepferdchen leben in dem Aquarium mit den Röhrenaalen, wo es von seltsamen Fischen wimmelt. Man muss schon geduldig suchen, bis man die etwa Zündholz-grossen, beige bis ocker gefärbten Tierchen findet. Auch diese Fische haben eine Spezialität: Bei ihnen werden die Männchen schwanger.

Der tagelange Brauttanz

Allerdings müssen sich dazu erst zwei Seepferdchen finden, denn die Paarsuche ist bei ihnen recht aufwendig. Die Männchen bevorzugen grosse Weibchen, weil diese mehr Eier produzieren, die zudem grössere Dotter haben. Die Weibchen hingegen wollen möglichst robuste Partner, deren Immunabwehr gut im Schuss ist. Das sehen sie ihm allerdings nicht an, das können sie riechen.

Haben sich zwei gefunden, beginnt ein Paartanz, der mehrere Tage dauern kann. Er endet damit, dass das Weibchen seine Eier mit ihrer Legeröhre in einer Brusttasche des Männchens platziert. Dort werden sie befruchtet und vom Männchen ausgetragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2017, 16:20 Uhr

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