Ein Gong kostete den Sänger das Gehör

Ein Sänger erleidet während einer Probe im Opernhaus ein Lärmtrauma. Doch niemand fühlt sich dafür verantwortlich. Nun muss der Richter entscheiden.

In den Nullerjahren setzten viele Häuser auf laute Soundeffekte. Nach mehreren Unfällen setzte ein Umdenken ein. Das Zürcher Opernhaus im Winter 2017.

In den Nullerjahren setzten viele Häuser auf laute Soundeffekte. Nach mehreren Unfällen setzte ein Umdenken ein. Das Zürcher Opernhaus im Winter 2017. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Musiker brauchen ein feines Gehör – vor allem, wenn die Klassik ihr Fach ist. Um so wichtiger sollte es sein, dass ihre Arbeitgeber eben dieses Gehör möglichst gut zu schützen versuchen. Doch dem ist nicht immer so, im Gegenteil.

Das zeigt der Fall eines Chorsängers am Zürcher Opernhaus. Der Mann hatte gleich doppeltes Pech. Im Januar 2008 erschütterte während einer Probe ein viel zu lauter Donnerknall das Opernhaus. Mehrere Chorsänger klagten darauf über Gehörprobleme, mindestens einer konnte in der Folge nicht mehr als Sänger tätig sein. Der Mann, von dem hier die Rede ist, reagierte nach dem Knall zwar eine Zeit lang empfindlicher auf laute Geräusche, er hörte Pfeif- und Zischgeräusche im Ohr. Dennoch konnte er weiter singen.

Bis im November 2011, ebenfalls bei einer Probe, die Einspielung eines Gongs zu hören war, den viele der anwesenden Musikerinnen und Musiker als viel zu laut empfanden. Für den Sänger, dessen Gehör bereits vorbelastet war, war der Gong des Schlechten zu viel. Er konnte seine Arbeit nicht mehr wieder aufnehmen. Für den Mann ist klar: Schuld am Unglück sind die Verantwortlichen des Opernhauses. Er reichte Strafanzeige ein.

Grenzwerte eingehalten

Jetzt, fast acht Jahre danach, ist das Obergericht zum Schluss gekommen, dass niemand zur Verantwortung gezogen werden kann. Zweimal stellte die Staatsanwaltschaft die Strafuntersuchung in der Sache ein, zweimal wehrte sich der Mann, erfolglos. Das Obergericht hat die zweite Beschwerde unlängst abgewiesen.

Die Staatsanwaltschaft stützte sich auf ein Gutachten von Suva und Empa. Die Spezialisten hatten die damalige Situation nachgestellt, dabei den Schall gemessen und festgestellt, dass die Grenzwerte selbst beim ungünstigsten möglichen Szenario eingehalten wurden. Dieses Gutachten sei «nachvollziehbar, schlüssig und vollständig», so das Gericht.

Zwar stünden die Schilderungen der Musiker und des Tontechnikers, die den Gong miterlebt hatten, in auffälligem Kontrast dazu, heisst es im Gerichtsurteil. Die Konzertmeisterin gab an, die Einspielung sei «unglaublich laut» gewesen, ein anderer Chorsänger klagte danach über Ohrenschmerzen und -sausen. Eine Musikerin empfand das gesamte Stück als viel zu laut, sie bat nach der fraglichen Probe um eine Freistellung.

«Ein aussergewöhnlicher Fehler»

Und selbst der Tonmeister war überrascht. Er hatte an jenem Tag eine neue Audio-Anlage in Betrieb genommen und hätte diese gern vor der Probe getestet. Doch das Opernhaus habe ihm dafür keine Zeit gegeben.

Dennoch kommt das Obergericht zum Schluss, die Verantwortlichen hätten ihre Sorgfaltspflicht nicht verletzt. Es könne nicht mit hinreichender Sicherheit gesagt werden, dass die Gehörverletzung mit einem vorgängigen Test hätte vermieden werden können, denn die Anlage habe die Grenzwerte eingehalten. Vielmehr sei von einem «aussergewöhnlichen Fehler» auszugehen.

Der betroffene Sänger ist, soweit bekannt, bis heute nicht berufstätig. Er verlangt eine IV-Rente, was die IV-Stelle ebenso wie das Sozialversicherungsgericht ablehnten. Mit viel gutem Willen sei der Mann arbeitsfähig. In dieser Frage erstritt sich der Sänger im letzten September einen Erfolg: Das Bundesgericht wies die Sache zur Neubeurteilung ans Sozialversicherungsgericht zurück. Der Mann sei wohl zumindest in den ersten paar Jahren vollständig arbeitsunfähig gewesen.

Gehörschäden kamen unter Orchestermusikern und Opernsängern eine Zeit lang relativ oft vor. In den Nullerjahren setzten viele Häuser auf laute Soundeffekte. In den letzten Jahren hat aber nach mehreren Unfällen ein Umdenken eingesetzt.

Erstellt: 03.06.2019, 17:01 Uhr

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