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Ein Jahr und dreimal Frühling

Uster - Glattes Eis und kleine Füsse, das will nicht recht zusammenpassen. Die Stalltür scheint in greifbarer Nähe zu sein, doch kaum tut der Bub einen Schritt, fällt er vornüber in den Schnee. Ohne eine Träne zu vergiessen, rappelt er sich auf, hebt vorsichtig sein Bein - der dritte erfolglose Versuch entlockte den Besuchern des Ustermer Kinos Qtopia ein herzliches Lachen. Ein Geräusch, das während dieser Sonntagsmatinee einige Male wiederkehren sollte. «Bergauf, Bergab» handelt von einem Jahr im Leben einer Urner Bergbauernfamilie. Der Film zeigt eine Heimat auf drei Stufen: Je nach Jahreszeit wirtschaften die Kempfs im Talboden, auf 1120 Metern oder direkt an der Baumgrenze. Mit ihrem Vieh ziehen sie von Hof zu Hof - immer dahin, wo das Gras am saftigsten ist. Jedes Jahr erleben sie dreimal den Frühling.

Dem Dok-Regisseur Hans Haldimann (s. Kasten) gelang mit «Bergauf, Bergab» der erfolgreichste Schweizer Film des vergangenen Jahres. Im Kino in Altdorf hält er derzeit den Hausrekord und hat damit sogar die «Titanic» versenkt - mitsamt Leonardo DiCaprio. Dieser Erfolg ist wohl in erster Linie der unaufdringlichen, ungeschönten Ehrlichkeit zu verdanken. 100 Minuten lang macht man sich eine anfangs völlig fremde Welt zu eigen. Nur das gelegentliche Nicken in die Kamera, ein beiläufiges «Ah, hoi Hans» eines vorbeigehenden Bauern ruft in Erinnerung, dass da ein Mann mit einer Kamera durch den Schnee stapfte. Diese Zurückhaltung ermöglicht eine Objektivität, eine Neugier, die fern von jeder Wertung liegt. Der Regisseur öffnet den Blick, statt ihn zu lenken. Stellvertretend für den staunenden Zuschauer inspiziert er die Melkmaschine, kämpft mit der Steigung der Wiesen, fängt die mystisch anmutende Macht der Berge ein. Rückblickend, so Haldimann, sei dies womöglich das schönste Jahr seines Lebensgewesen.

Das spürt man. Die Runde, die sich nach Sonnenuntergang bei der Familie Kempf um den Esstisch versammelt, Ellenbogen an Ellenbogen, diese wortlose Verbundenheit - das zeigt mehr als alles, was man je über die Solidarität zwischen den Urner Bergbauern sagen könnte. Und über die Sehnsucht, die diese Szenen wachrufen. «Die Sehnsucht», sagte auch Bauernpräsident Hansjörg Walter im anschliessenden Podiumsgespräch, die Sehnsucht sei wohl das Geheimnis dieses Films. «Man sieht eine Gemeinschaft verschiedener Generationen, die die Hingabe zum Beruf, zur Familie und zur Natur miteinander teilt.» Dass diese Werte derzeit hoch im Kurs stünden, zeige nicht zuletzt die Beliebtheit von «Bauer sucht Frau» oder des Bauernkalenders - wobei bei Letzterem wohl kaum die inneren Werte im Zentrum stehen.

Die Urner als Vorbild

«Bergauf, Bergab» stellt Fragen, die weit über die Spieldauer nachhallen. Neben grossen Themen wie der Suche nach Glück und Freiheit oder dem Kern einer funktionierenden Beziehung drängen sich auch ganz pragmatische Gedanken auf: Etwa ob es pädagogisch sinnvoll ist, dass ein Kind mit einem Messer spielt.

Der Film hat auch bei Haldimann Spuren hinterlassen: «Ich habe mir im Schächental angewöhnt, jeden Morgen ein Glas Milch zu trinken», beschrieb er seine persönliche Veränderung und sorgte beim Publikum erneut für herzliches Lachen. Neben seinem Milchkonsum habe sich aber auch seine «Quengelrate» nachhaltig verändert. «Viele Leute beklagen sich ständig über ihr Leben, obwohl es ihnen verhältnismässig gut geht. Der Optimismus der Familie Kempf hat mir ermöglicht, einen Schritt zurückzutreten und damit viele Sorgen etwas zu relativieren.»

Hansjörg Walter zeigte sich von der Lebenseinstellung der Urner nicht minder beeindruckt: «Obwohl deutlich wird, dass das Leben dieser Menschen nicht immer einfach ist, strahlen sie eine tiefe Zufriedenheit aus. Dies macht sie zu Vorbildern für einige Sequenzen des Lebens.»

Diese Vorbildfunktion fängt schon im Kleinen an. Etwa bei einer rutschigen Schneefläche auf dem Weg zum Stall. Was zählt, ist nicht, wie oft man hinfällt, sondern wie oft man wieder aufsteht.

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