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Ein Meilemer geht den Tieren ans Fell

Präparator Uwe Goepel hat von der Spitzmaus bis zum Eisbären schon fast alles abgehäutet. Doch Ausstellungen wie «Körperwelten» findet er geschmacklos.

Meilen - Um es vorwegzunehmen: Haustiere kommen bei Uwe Goepel nicht auf den Präpariertisch. «Jedes Tier hat einen ganz persönlichen Ausdruck, der mit dem Tod verloren geht», erklärt der Tierpräparator. «Diesen Ausdruck wiederzuerwecken ist hoffnungslos. Die Haustierbesitzer sind fast immer enttäuscht.»

Viel lieber geht Goepel grossen Wildtieren ans Fell. An den Wänden seiner Werkstatt an der Meilemer Kirchgasse hängen die Totenmasken einiger seiner ehemaligen «Patienten». Moschusochse, Elch, Steinbock, Panter, Bison und sogar einen Eisbären hat Goepel in seinen 33 Jahren als selbstständiger Tierpräparator im Bezirkshauptort schon bearbeitet. «Grundsätzlich präpariere ich alles, was Haare oder Federn hat», erzählt er.

Ein Polizeihund fürs Museum

Goepels Lieblingstier aber ist die Bisamratte. Für ihn ist deren Bearbeitung die Königsdisziplin der Tierpräparation. «Unter dem bauschigen Fell versteckt sich eine unglaublich komplexe Körperform. Diese nachzubilden, ist faszinierend.» Aus einer Vitrine seiner fast gemütlich eingerichteten Werkstatt holt Goepel eine Spitzmaus hervor. Das kleinste Tier, das er je behandelt habe. Ein gutes Präparat, sagt Goepel, sei undramatisch. «Raubvögel in Sturzflugpose oder Marder mit aufgerissenen Mäulern sind Zeugen einer überholten Auffassung. Solche Tierpräparationen sind oft Gratwanderungen dem Kitsch entlang.»

Seit rund zwei Wochen beschäftigt sich der Präparator mit einem Schäferhund, einem ehemaligen Diensthund, der bald im Naturmuseum Winterthur zu sehen sein wird. Fast zwei Jahre lang habe er gesucht, bis er ein geeignetes Exemplar habe finden können, sagt Goepel. Wenn ein Tier stirbt, muss er innert Stundenfrist vor Ort sein und dem Kadaver das Fell abziehen, sonst wird dieser unbrauchbar.

Den Jägern auf den Fersen

Dieser Umstand führt ihn immer wieder an besondere Orte. Wenn er zum Beispiel einen geschossenen Steinbock im Bündnerland abholen muss oder mit einem Jägertrupp auf der Suche nach einem Rentier durch Lappland reisen kann. «Das Fell schicke ich nach dem Abhäuten in die Gerberei. Bis es bei mir zurück in der Werkstatt eintrifft, mache ich mich daran, das Tier in Ton zu modellieren.» Vom Tonmodell erstellt Goepel in einem weiteren Schritt ein Polyester-Negativ, das später mit Schaumstoff ausgefüllt wird. Das Überziehen des Fells über das Schaumstoffmodell ist die letzte Etappe eines in einigen Fällen bis zu mehrere Wochen dauernden Verarbeitungsprozesses. Dass Tierfelle auch zur Kleiderproduktion verwendet werden, findet Goepel sinnvoll. «Wenn man sich in der Schweiz mit einem Fuchsfell in der Öffentlichkeit präsentiert, erachten das viele als abstossend und unmoralisch», sagt er. Dabei sei Pelz «ein wunderschöner, natürlich nachwachsender Rohstoff, genau wie Holz». Eine massvolle Abschöpfung dieses Natur-produkts sei nichts Verwerfliches.

Präparate sind keine Kunst

Goepel hat seine Lehrzeit in Leipzig verbracht und später zwei Jahre in Kenia gearbeitet. Vor seiner Zeit als selbstständiger Präparator war er 15 Jahre am Zoologischen Museum Zürich tätig. Seine Faszination für den Beruf habe in dieser Zeit nie nachgelassen, sagt er.

Tiere zu präparieren, ist für ihn in erster Linie eine Art Selbstbestätigung. Das Präparieren empfindet er als Mischform von Handwerk und Kunst. «Präparatoren kreieren nichts Neues, erwecken aber etwas Dagewesenes wieder zum Leben. Wirkliche Kunst ist das nicht», erklärt er.

Goepels Ziel ist nicht, Kunst zu schaffen, sondern das Interesse der Menschen am Tier zu fördern und zu wahren. Gerade in Schulen werde der pädagogische Wert eines guten Präparats oft unterschätzt. Ganze Sammlungen würden achtlos weggeworfen. Dabei gehörten die Präparate zu den wenigen echten Dokumenten, mit denen man den Kindern die Natur näherbringen könne.

Die Augen sind aus Glas

Es sind Museen, Jäger oder auch Privatleute, die Goepel für Präparationen anfragen. Würde er sich auch an Menschen heranwagen? «Das ist für mich ein Tabu», sagt er entschieden. Dafür gebe es spezialisierte Präparatoren. Präparate von Menschen oder Menschenteilen sollten seiner Meinung nach der medizinischen Ausbildung und Forschung vorbehalten bleiben. Öffentliche Ausstellungen wie Gunter von Hagens’ «Körperwelten» findet der Meilemer Tierpräparator deshalb unangebracht.

An ein Leben nach dem Tod glaubt Uwe Goepel nicht. Wenn Tiere weiterleben, dann als Präparate, sagt er. Sein Blick wandert hinüber zum entstehenden Modell des Schäferhunds, dem er bald das gegerbte Fell überziehen wird. Die Augen, der Spiegel zur Seele, liegen schon bereit. Sie sind aus Glas. Zurzeit arbeitet Goepel an der Präparation eines Schäferhunds. Foto: Silvia Luckner

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