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Ein Oetwiler tanzt auf dem diplomatischen Parkett

Mit 28 Jahren hat Johannes Köppel bereits für die UNO in Afrika gearbeitet. Als Nächstes besucht er Kriegsgefangene in Usbekistan.

Von Nadja Belviso Oetwil – Dieser Lebenslauf muss frisiert sein, denkt man spontan, wenn man die Unterlagen des 28-jährigen Johannes Köppel liest: Austauschjahr in den USA, angefangenes Studium an der Jazzschule Zürich, ein halbes Jahr Brasilien, Studium in Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Genf und Moskau, ein Jahr mit Médecins sans frontières (MSF) in Swasiland. Köppel winkt ab. «In der Schweiz stosse ich oft auf diese Reaktion», sagt er. «Aber ich habe Leute kennen gelernt, die mit 25 in Harvard promoviert haben.» Der junge Oetwiler wollte eigentlich Musiker werden. Er war im Alter von 12 Jahren Schlagzeuger einer Punkband und stieg später auf Tenorsaxofon um. Heute bewegt er sich auf dem internationalen politischen Parkett so sicher wie Mick Jagger auf der Bühne. Er hat Privattermine bei afrikanischen Präsidenten und Ministern hinter sich, nahm an Diskussionsrunden mit dem Nato-Oberbefehlshaber teil und smalltalkte mit Botschaftern aus aller Welt. Barfuss und mit Strubbelfrisur Jetzt sitzt der junge Mann bei seinen Eltern im Garten in Oetwil, knabbert Käse und Apérostangen, die seine Mutter bereitgestellt hat. Er ist eben von Genf nach Hause gekommen. Da ihn seine Eltern selten zu Gesicht bekommen, ist die Wiedersehensfreude jeweils umso grösser, sagen beide. «Man kann Kinder nicht anbinden», antwortet Elisabeth Köppel auf die Frage, ob ihr das Leben ihres Sohnes keine Bauchschmerzen bereite. Ausserdem finde sie sein Leben spannend. «Sie haben mich immer unterstützt», bestätigt der Sohn, «auch, als ich noch Musiker werden wollte.» Wer ihn so sieht, barfuss, mit Jeans und Strubbelfrisur, erkennt eher den Musiker in ihm als einen zukünftigen Diplomaten. Den Einstieg in die Diplomatenkreise erleichtert hat ihm die Schweizerische Studienstiftung, bei der er seit zwei Jahren Mitglied ist. Die Stiftung «fördert leistungsstarke, breit interessierte Studierende an Schweizer Hoch- und Fachhochschulen, deren Persönlichkeit, Kreativität und intellektuelle Fähigkeiten besondere Leistungen in Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik erwarten lassen», heisst es auf der Website. Regelmässig werden Seminare durchgeführt, zu denen oft einflussreiche Persönlichkeiten eingeladen werden. Um aufgenommen zu werden, muss man einen Notendurchschnitt von 5,3 vorweisen. Dazu kommt ein eintägiges Auswahlseminar. Als ihm ein Freund davon erzählte, sei er zunächst skeptisch gewesen, sagt Köppel. Er habe erwartet, in einer solchen Eliteschmiede vor allem auf junge Schnösel zu treffen. Dass er sich trotzdem beworben hat, bereut er nicht: «Man wird sehr gefördert und trifft interessante junge Menschen, von denen man lernen kann.» Durch die Stiftung ist er auch auf das Stipendienprogramm Mercator Kolleg gestossen, das ihm die Stage in Swasiland finanziert hat. Die Aidsproblematik habe ihn schon immer bewegt: «Ich bin aus der ersten Generation, die darüber aufgeklärt wurde. Es ist mir unverständlich, dass es nicht überall so ist.» Swasiland hat die höchste Aidsrate der Welt. Die Lebenserwartung liegt bei 32 Jahren. «In Swasiland bin ich ein alter Mann», sagt Köppel. Die ersten beiden Monate arbeitete er für Unaids. Doch das Programm der UNO gefiel ihm nicht. «Ich sass im Anzug in einem klimatisierten Büro und hatte ein nutzloses Meeting nach dem anderen.» Der Kontakt zur Bevölkerung habe ihm gefehlt. IKRK als Traumorganisation Zu jener Zeit war Médecins sans frontières gerade dabei, das aufgezogene Aids-projekt der Regierung zu übergeben. Die Organisation war auf der Suche nach jemandem, der eine Übergabestrategie erarbeiten konnte. Monatelang feilschte Köppel mit der Gesundheitsministerin darum, wie viele der 200 Mitarbeiter des Projektes die Regierung übernehmen würde. Der Moment, als endlich eine Einigung zustande kam, war sein grösstes Erfolgserlebnis in Swasiland. Bereichernd empfand der Oetwiler auch die musikalischen Jamsessions mit den Swasi. «Es gibt dort unglaublich viele gute Musiker», erzählt er. Die meisten seien Sänger oder Perkussionisten. Doch Musikschulen sind im Land Mangelware. Köppel war mit seinem Saxofon begehrt. Am grössten Musikfestival des Landes trat er gemeinsam mit dem Sänger Bholoja auf, der es inzwischen in Frankreich zu grosser Berühmtheit gebracht hat. Schon im September wird der junge Oetwiler wieder unterwegs sein. Als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) reist er für ein Jahr nach Usbekistan, wo er Kriegsgefangene besuchen wird. Zu seinen Aufgaben gehört auch, zu überwachen, ob sie richtig behandelt und versorgt werden. Den Einsatzort hat ihm die Organisation vor wenigen Tagen mitgeteilt. Auch wenn er Respekt vor der bevorste-henden Aufgabe habe: «Mit dem IKRK bin ich bei meiner Traumorganisation angekommen.» Wie lange er an seinem Vagabundenleben festhalten will, kann er nicht sagen. Bisher habe er sich an jedem Ort der Welt irgendwann zu langweilen begonnen. Trotzdem wünscht er sich eine Familie. Irgendwann. Und vielleicht werde er dann auch sesshaft. In Oetwil kann Köppel nach seinen Auslandeinsätzen ausspannen . Foto: P. Gutenberg

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