Ticket in die Schweiz für 5600 Euro

Ein Mann, selbst auf der Flucht, nimmt eine Flüchtlingsfrau von Griechenland Richtung Schweiz mit. Nun wurde er als Schlepper verurteilt.

Der Angeklagte erschien heute nicht am Zürcher Bezirksgericht. Er musste das Land schon vor Monaten verlassen. Bild: Urs Jaudas

Der Angeklagte erschien heute nicht am Zürcher Bezirksgericht. Er musste das Land schon vor Monaten verlassen. Bild: Urs Jaudas

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Seit dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise gehört die Forderung unabdingbar in den Katalog möglicher Lösungen: Den Schleppern das Handwerk zu legen. Doch die Sache ist manchmal weniger eindeutig, als sie scheint – das zeigt ein Fall, der heute Dienstag am Bezirksgericht Zürich verhandelt wurde.

Beschuldigt war ein 31-jähriger Afghane. Er soll, so steht es in der Anklageschrift, im Oktober 2012 in Athen eine junge Familie aus Pakistan kennen gelernt haben. Sowohl der Afghane als auch die Familie hatten ein Ziel: weiter nach Mitteleuropa zu reisen. Eine gefährliche Reise, besonders für eine Frau mit Kindern. Warum die pakistanische Familie nicht gemeinsam reisen wollte oder konnte, ist unklar; auf jeden Fall anerbot der Afghane, die Frau und zwei Söhne in die Schweiz mitzunehmen. 5600 Euro sollte das kosten. 4000 Euro waren vor der Abreise zu zahlen, der Rest nach der Ankunft.

Sie sollte sich als Cousine ausgeben

Detailliert beschreibt die Anklageschrift den Reiseweg der Gruppe über Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien. Unterwegs organisierte der Afghane für seine Schützlinge Unterkünfte und Transportmöglichkeiten; er wies die Frau an, zu behaupten, sie sei seine Cousine. Schliesslich trafen die Flüchtlinge in Italien ein, wo sich ihre Wege trennten. Der Afghane kaufte für die Mutter und ihre Kinder ein Zugticket nach Zürich. Er selbst blieb in Italien, weil ihm für die Weiterreise zunächst das Geld fehlte.

Schliesslich kam auch er in die Schweiz. Und dort soll er der Frau immer wieder Geld abgeknöpft haben, am Ende sei es eine Summe von 6000 Franken gewesen. Damit hat sich der Mann nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nicht nur der «Förderung der rechtswidrigen Einreise» schuldig gemacht, wie das in Gesetzgeberdeutsch heisst. Er soll sich auch unrechtmässig bereichert haben. Ein Delikt, auf das bis zu fünf Jahren Strafe steht.

Anzeige aus Rache?

Dass der Afghane als leichter Fall einzustufen sei, sah auch die Staatsanwaltschaft so: Sie beantragte eine Strafe von 150 Tagessätzen (entspricht fünf Monaten Gefängnis) zu 30 Franken. Der Verteidiger hingegen plädierte auf Freispruch. Sein Mandant bestreite alle Vorwürfe. Er haben die Pakistanerin erst in Kroatien kennen gelernt, man sei dann bis Italien zusammen gereist – und das habe das ungleiche Paar zusammengeschweisst. Bald entwickelte sich eine Beziehung, durchaus auch sexueller Natur. Die beiden hielten die Verbindung auch in der Schweiz noch aufrecht. Mehrfach steckte sie ihm Geld zu, aber jedes Mal freiwillig. Bis der Ehemann der Pakistanerin ebenfalls in die Schweiz einreiste und der Afghane eine Freundin fand.

Das sei denn auch der Grund, warum die Frau den angeblichen Schlepper beschuldige, so der Verteidiger: «Sie wollte sich rächen, weil die Beziehung auseinanderging.» Tatsächlich bezichtigte sie ihn anfangs auch der Vergewaltigung, ein Vorwurf, der sich aber im Verlauf der Untersuchung nicht erhärten liess. Gerne hätte man den Beschuldigten auch selbst gehört, doch der konnte der Verhandlung nicht beiwohnen. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er musste die Schweiz schon vor Monaten verlassen.

Afghane sagte wenig glaubhaft aus

Die Richterin schenkte den Ausführungen des Verteidigers keinen Glauben. In den Einvernahmen habe das pakistanische Ehepaar detailliert und glaubhaft geschildert, wie die Treffen in Athen abliefen, wie man sich einigte, dass die Frau mit dem Afghanen mitgehen würde. «Die Aussagen des Beschuldigten sind hingegen karg und deshalb weniger glaubhaft», so die Richterin. Ausserdem sei es nicht die Pakistanerin gewesen, die Anzeige erstattete, sondern die Betreuer im Asylheim, denen auffiel, dass der Afghane von der Frau Geld verlangte: «Das lässt es nicht als plausibel erscheinen, dass die Frau aus Rache handelte.»

Dennoch kam der Mann deutlich milder davon, als es die Staatsanwaltschaft beantragt hatte, nämlich mit 60 Tagessätzen zu 30 Franken. Grund: Aus Sicht der Richterin ist nicht belegt, dass der Mann sich unrechtmässig bereicherte, dass er also von der Frau mehr verlangte, als ihn deren Reise gekostet hatte. «Wer was bezahlt hat, wissen wir nicht», sagte die Richterin, «und die Anklageschrift umschreibt das auch nicht genauer.» Damit liegt die Maximalstrafe noch bei einem Jahr – weil die Richterin aber das Verschulden des Mannes als leicht einstufte, verurteilte sie ihn zu 60 Tagessätzen bedingt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2018, 13:35 Uhr

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