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Eine poetische Melancholie, die alles zusammenhält

Fausto Melotti gehörte einst zur italienischen Kunst-Avantgarde. Im Kunstmuseum Winterthur lässt sich sein Werk nun wiederentdecken.

Von Paulina Szczesniak, Winterthur Lucio Fontana? Natürlich, das ist der mit den zerschnittenen Leinwänden. Mario Merz? Einer der grossen Arte-Povera-Künstler, na klar. Aber Fausto Melotti? Fehlanzeige. Dabei ist es nicht so, dass der Norditaliener (1901–1986) aus Rovereto im Trentino, der sich erst nach einem Ingenieursstudium für die Kunst entschied, ein dilettierender Provinzstümper gewesen wäre. Im Gegenteil: Zahlreiche, auch international beachtete Ausstellungen und diverse Preise schmücken seine Biografie: An der Biennale von Venedig war er gleich sechsmal vertreten, wobei ihm an jener von 1986 – postum – der Goldene Löwe verliehen wurde. Seine Vorliebe für einfache Materialien brachte ihm schon früh die Bewunderung von Merz und Konsorten; mit Fontana war er ohnehin seit der Studienzeit befreundet und mischte mit ihm gemeinsam während Jahrzehnten die traditionell konservative Kunstszene Italiens auf. «Die Arme gebrochen» Wieso also ist Fausto Melotti in Vergessenheit geraten? Weil seine Arbeiten weniger radikal waren als die Schlitzbilder Fontanas? Weil sie subtiler waren als die grossspurigen Klotzereien der nachrückenden Arte Povera? Vielleicht auch, weil ihm der Zweite Weltkrieg, wie er selber sagte, «die Arme gebrochen» und sein Mailänder Atelier mitsamt dem Grossteil seiner Werke dem Erdboden gleichgemacht hatte. Und weil Melotti sich danach der (lukrativeren) Keramik und dem (lebesnaheren) Figurativen zuwandte, bevor er in den Sechzigern wieder zur alten Form und zur reduzierten Abstraktion seines Frühwerks zurückfand. Ein solcher Zickzackkurs ist noch selten einer Künstlerkarriere bekommen. Dass dieser Zickzack in sich durchaus stimmig ist, zeigt nun eine breit angelegte Retrospektive im Kunstmuseum Winterthur. Grosszügig auf mehrere Räume verteilt, vereint die in Zusammenarbeit mit der Städtischen Kunsthalle Mannheim entstandene Schau über 100 Werke – Skulpturen, aber auch Zeichnungen und Gemälde – aus dem von Melottis Tochter betreuten Nachlass des Künstlers; der fundierte und einfühlsam gestaltete Katalog rundet die Schau ab.Die reduzierte Architektur des Winterthurer Neubaus kommt Melottis zumeist filigranen Werken insofern entgegen, als deren unaufgeregte Farbigkeit so nicht mit der Umgebung konkurrenzieren muss. Auch der subtile Schalk, der Melottis Werken oftmals innewohnt, kommt auf diese Weise bestens zur Geltung: etwa in der 1963 entstandenen Skulptur «Il Canal Grande», für die Melotti zwei Dutzend Backsteine zu einer Miniaturfassade arrangiert hat, auf deren Giebeln einige plattgedrückte Metallstückchen die goldenen Spiegelungen der venezianischen Sonne andeuten und eine blankpolierte Unterlage den darunter hinwegplätschernden Kanal. Stücke wie dieses sind charakteristisch für Melotti, dessen Schaffen einer permanenten Gratwanderung zwischen figürlichen Motiven und Abstraktion gleichkam.Kaum vorstellbar, dass die barock anmutende, in Blüttenblätter gehüllte Frauenfigur aus roséfarben glasierter Keramik (1955) und die ultraminimalistische «Astrazione» von 1968 – ein dreieckiges Metallplättchen, das an einer Konstruktion aus zwei filigranen Drähten lehnt – aus ein und derselben Werkstatt stammen. Einzigartig auch die guckkastenartigen Modelle, in denen der kulturell beschlagene Melotti mal aus der griechischen Mythologie, mal bei Shakespeare entlehnte Stoffe inszenierte. Und doch ist da ein roter Faden: eine poetische Melancholie, die alles zusammenhält. Kleine, feine Gesten Melotti, das sind grosse Themen in kleinen Gesten. So klein, dass sie dem einstigen Pionier schliesslich zum Verhängnis wurden – und immer noch werden: Wer sich nicht geduldig auf diese Werke einlässt, sich nicht die Zeit für eine aufmerksame Betrachtung nimmt, dem werden ihre feingestrickten Qualitäten wohl entgehen. Die kleinen Formate sind nicht von der Art, dass sie den Betrachter auf Anhieb in Beschlag nehmen oder gar einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es sind feine, bisweilen feinste Gesten, die ihr Geheimnis nur widerwillig preisgeben. Bis 17. Juli. Der Katalog kostet 45 Fr.www.kmw.ch «Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht erforderlich.» Der Canal Grande, mit den Augen eines Pragmatikers gesehen. Foto: Vorname Name, Agentur Venedig aus Keramik: Fausto Melottis Skulptur «Il Canal Grande» von 1963. Foto: Archivio Fausto Melotti, Mailand

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