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Ende der Geschichte(n)

Ulrich Brandenberger hat nach zehn Jahren seine 120. und vorerst letzte Historie über Weiach geschrieben. Stoff für mehr wäre genug vorhanden.

Weiach - In Regenjacke und festen Schuhen führt Ulrich Brandenberger an einem nasskalten Tag durch den Ortskern von Weiach. Zwischen Kirche und Oberdorf hat er die wichtigsten Gebäude des 1000 Einwohner kleinen Dorfes schnell abgeschritten. Doch die Geschichten aus dieser Gemeinde scheinen unendlich.

Der 42-jährige Lokalhistoriker schildert das Schicksal eines Bewohners, der sich über einen Hund in der Kirche amüsierte, vom Pfarrer blossgestellt und hinausgeschickt wird und sich kurz darauf umbringt. Er erzählt davon, wie die Weiacherinnen vor 300 Jahren ihr Dorf gegen die Franzosen verteidigen wollten; wie sie einen Knaben «auf ein Ross aufenzehrt und befohlen zu reiten», um Verstärkung zu holen.

Von lokalen Ereignissen schlägt er die Brücke zu Louis XIV, verweist auf Machtkämpfe zwischen Kirche und Kaisern, um in der Vergangenheit nach Beispielen der Intoleranz zu suchen und beim Minarettverbot zu landen. Dabei sprudeln Jahreszahlen aus ihm heraus, so selbstverständlich, als würden sie vor ihm aufleuchten. Er zitiert in mittelhochdeutscher Sprache. Und wenn von Kriegen die Rede ist, blitzen hinter seinen ovalen Brillengläsern die Augen, ballen sich seine Hände zu Fäusten und krachen von einem «Pchch!» begleitet symbolisch zusammen.

Eine Geschichte, die brüskierte

Die «Weiacher Geschichte(n)», die er zehn Jahre lang jeden Monat im Mitteilungsblatt veröffentlicht hat, sollten die Leser unterhalten. «Eine chronologische Abhandlung der Ortsgeschichte wäre zu langweilig gewesen», sagt er.

Angefangen hat seine Arbeit mit dem Ende einer Serie im Mitteilungsblatt. Sie handelte von Weiach betreffenden Dokumenten aus einer Quellensammlung über die Rechtsgeschichte des Neuamts, eines früheren Bezirks im Unterland. Einer der Beiträge erwähnte die Ehrverletzungsklage eines Weiachers, über den Dorfbewohnerinnen herumerzählten, er befriedige sich an Bäumen. Strenggläubigen geriet der Text in den falschen Hals, worauf die Serie beendet wurde. Sehr zum Bedauern Brandenbergers, der darauf beschloss, die Reihe selber fortzusetzen.

An manchen Texten arbeitete er mehrere Tage. Durch seine Recherchen begriff er die Entwicklung des Dorfes, erkannte Hintergründe - auch über die Schicksale der einen oder anderen Weiacher Familie, wobei er stets darauf bedacht war, keine alten Wunden aufzureissen. Seine Neugier führte ihn zu immer neuen Themen und Erkenntnissen; manche gar so weit, dass er eigene frühere Beiträge revidieren musste.

Als Geschichtsjournalismus mit wissenschaftlichem Anspruch beschreibt Brandenberger seine Tätigkeit. Die Quellenangaben seiner Informationen fehlen nie und nehmen je nach Artikel bis zu einer A4-Seite in Anspruch. Nur bei seinen 20 Beiträgen über «Geschichte und Geschichten aus dem Unterland» im Regionalteil des «Tages-Anzeigers» hat er darauf verzichtet.

Sein 120. Beitrag der «Weiacher Geschichte(n)» wird vorerst sein letzter sein. Der Druck, jeden Monat über ein neues Thema zu schreiben, sei zu gross geworden, sagt er. Ganz ausschliessen wolle er eine Fortsetzung aber nicht. Das Blättern in alten Akten wird ihn weiterhin beschäftigen. So, wie ihn Historisches schon immer interessiert hat.

In der Vergangenheit zu stöbern, heisst für ihn auch daraus zu lernen, wofür andere mit teuren und schmerzlichen Erfahrungen bezahlen mussten. Dass er Umweltwissenschaften und nicht Geschichte studierte, hatte mit den Ereignissen in Tschernobyl und Schweizerhalle zu tun.

Hauptberuflich analysiert Brandenberger Führungsabläufe für die Bundesverwaltung. Im Militär war er Presse- und Informationsoffizier eines Zürcher Infanteriebataillons. 2001 leistete er einen halbjährigen Kfor-Einsatz in Kosovo und Mazedonien.

Politisch versucht Ulrich Brandenberger in seinen Geschichten möglichst neutral zu sein. Anders in seinem Weiach Blog, in dem er sich auch über den Fluglärm beklagt und dafür heftige Kritik aus dem Süden hinnehmen musste. Er bezeichnet sich als aktiven Bürger, dem aber die Zeit für ein politisches Amt fehlt. In seiner Freizeit nimmt nebst seinem Hobby auch seine Lebenspartnerin einen wichtigen Platz ein.

Von präpotenten Schmierereien

So lokal seine Geschichten aus Weiach sind, finden sich darin doch immer wieder Hinweise auf das Weltgeschehen. Natürlich habe sich durch seine Arbeit auch die Verbundenheit mit dem Dorf gestärkt. Er, der im Alter von acht Jahren von Eglisau nach Weiach zog, könne sich aber durchaus vorstellen, Weiach zu verlassen. Nur in einer Stadt wolle er nicht leben.

Als die Tour bei der Bushaltestelle vor dem Gemeindehaus endet, deutet Brandenberger auf einen gesprayten Schriftzug zu Ehren des verstorbenen Rappers 2Pac. «Dazu habe ich mir eine Bemerkung in meinem Blog nicht verkneifen können», sagt er. «Mit dieser präpotenten Schmiererei», schreibt er dort, «sind nun also die US-amerikanischen Gangsta-Rapper auch bei uns angekommen. Schöne neue globalisierte Welt. Den Drogenhandel haben wir schon. Nur die Schiessereien fehlen noch. Weiach wird Agglo.»

Wer die jüngste Geschichte des Dorfes aufzeichnen wird, ist unklar. Brandenbergers «Weiacher Geschichte(n)» und seine Blog-Einträge dürften aber in die vollständige Überarbeitung der Chronik Weiachs einfliessen. Heinz Zürcher

Die «Weiacher Geschichte(n)» sind einsehbar auf weiachergeschichten.kirche-weiach.ch. Dort findet man auch den Link auf den Weiach Blog von Ulrich Brandenberger. Blogger und Lokalhistoriker Ulrich Brandenberger. Foto: Nathalie Guinand

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