Zum Hauptinhalt springen

Er war als Polizist in erster Linie Mensch

Hugo Hitz ist in Adliswil eine lokale Berühmtheit. 31 Jahre war er Dorfpolizist. Sogar die jungen Kiffer mochten ihn. Nun ist er in den Ruhestand getreten.

Von Nicole Trossmann Adliswil – Mit Hugo Hitz in Adliswil ein Interview zu führen, ist schwierig. Denn er kennt das halbe Dorf, und vor allem: Das halbe Dorf kennt ihn. Nur schon, als er für das Foto in die Mitte des Kreisels an der Albisstrasse beim Bahnhof steht, werden Fenster heruntergekurbelt, es wird gehupt, zig Hände winken. Schlimmer noch wird es, als man sich für das Gespräch auf ein Bänkli unweit des Kreisels setzt. Jeder zweite Passant ruft: «Hoi Hugo!», und selbiger grüsst lachend zurück: «Hallo Marlies», «Livia, wie gehts?», «Hey Röbi, alles Gute und grüss mir deine Frau!». Hitz, so scheint es, kennt jeden beim Namen. Als für einmal eben keine Passanten vorbeigehen, findet er Zeit zu verraten: «Das ist der Grund, warum ich zum Einkaufen nie ins Dorf ging; ich komme kaum ein paar Meter weit, ohne angesprochen zu werden.» Diese Begegnungen mit den Menschen freuten ihn natürlich, sagt er. Aber er brauche für seine Einkäufe dreimal so viel Zeit. Von Kleinbus gerammt Bei besagtem Kreisel übrigens hatte Hitz einst «mehr als nur einen Schutzengel». Im Winter vor 25 Jahren nämlich, damals war der Kreisel nur eine einfache Kreuzung, regelte er den Verkehr. Es herrschte dichtes Schneetreiben, die Strassen waren eisglatt. Ein Kleinbus übersah Hitz und rammte ihn. Er wurde mehrere Meter weit wegschleudert. Wie durch ein Wunder kam er mit einigen harmlosen Prellungen davon. Obwohl der Beruf nicht ganz ungefährlich ist: Polizist wollte Hitz schon immer werden. «Mich faszinierte die Begegnung mit den Menschen», sagt er. Besondere Freude bereitete ihm die Arbeit, wenn er den Menschen helfen konnte, indem er beispielsweise eine vermisste Person gesund auffand. Schwierig hingegen seien familiäre Probleme gewesen. Dann hätte er als Polizist zwischen den Eheleuten zu schlichten versuchen müssen. «Ich glaube fest daran, dass es praktisch immer eine Lösung gibt.»Doch auch Hitz selbst übertrat einst das Gesetz: Er fuhr ganze drei Stundenkilometer zu schnell. «Ich musste lachen, als ich einige Zeit später den Brief in den Händen hielt», sagt er. «Im Büro hab ichs trotzdem nicht an die grosse Glocke gehängt.» Dienstmotorrad gekauft Nun ist er – auf dem Papier zumindest – im Ruhestand. Und den Pikettdienst wird er keinesfalls vermissen. «Ich freue mich auf die Nächte, in denen mich garantiert keiner weckt», sagt er. Das wäre theoretisch auch am Morgen so: «Doch obwohl ich gerne mal so richtig lang ausschlafen würde, es geht einfach nicht. Ich erwache stets pünktlich um 6.15 Uhr. Nach 31 Jahren kann man das nicht mehr abstellen.» Nun will der 64-Jährige auf Reisen gehen. Wohin, das lässt er seine Frau entscheiden. Kürzlich waren sie gemeinsam in England, Spanien, Portugal. Er will wieder öfter Akkordeon spielen im Verein in Langnau und sich vermehrt den fünf Enkelkindern widmen. Dazu fischen und Motorrad fahren. Seine 800er-BMW ist ein alter Polizeitöff. Hitz wird etwas nostalgisch, als er erzählt, dass dies damals, 1992, das neue Motorrad für Adliswil gewesen sei und er es persönlich in Zürich in der Garage holen und auf der Jungfernfahrt zur Polizeistation Adliswil fahren durfte. Als das Motorrad vor sieben Jahren ausgemustert wurde, konnte sich Hitz nicht davon trennen – und kaufte es kurzerhand.Plötzlich streckt Hitz den Arm aus und zeigt auf einen Autofahrer, der verbotenerweise auf den Bahnhofplatz einbiegt. «100 Franken Busse», sagt er. Und, Minuten später: «Dort, wieder einer mit dem Handy am Steuer.» Dann muss er über sich selbst lachen. «Meine Frau mahnt mich jeweils, ich sähe zu viel und solle den Polizisten doch mal abschalten – aber irgendwie ist das instinktiv in mir drin.» Trotzdem würde er sich hüten, nun die Leute auf ihre Übertretungen aufmerksam zu machen. «Ich will nicht als Hobbypolizist enden; irgendwann muss man auch loslassen.»In diesem Moment fährt Andreas Hagen, alteingesessener Tierarzt in Adliswil, vorbei. Er winkt. Hitz winkt zurück. Dann schlurft ein Jugendlicher daher, erblickt Hitz und fragt: «Kännsch mi no?» Hitz mustert ihn sekundenlang, dann fällt es ihm ein. «Du bist doch der Sohn von Sandra?» Der nickt und grinst. «En Gruess dihei!», ruft Hitz. Sogar Kiffer mögen ihn Durch seine jahrelange polizeiliche Tätigkeit in Adliswil also wurde Hitz quasi zum Lokalinventar. Man kennt ihn. Hinzu kommt: Hitz ist beliebt. Sogar die kiffenden Jugendlichen, naturgemäss eher auf Kriegsfuss mit der Polizei, kamen kaum umhin, ihn irgendwie zu mögen. Denn Hugo Hitz behandelte jeden mit Respekt. Und Hitz war fair. Beim Kreisel indes schlendert ein weiterer Einwohner vorbei. Auch er erkennt Hitz. Und spricht wohl vielen Adliswilern und Adliswilerinnen aus dem Herzen, wenn er findet: «Herr Hitz, es ist schade, dass Sie gehen. Ich hoffe, Ihr polizeilicher Nachfolger ist wie Sie: in erster Linie Mensch.» Vor 25 Jahren wurde Hugo Hitz beim Regeln des Verkehrs auf diesem Kreisel von einem Kleinbus gerammt. Foto: Manuela Matt

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch