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Erlenbach wirft Öko-Ziele über Bord

Um Kosten zu sparen, soll im Sandfelsen auf Wohnungslüftungen verzichtet werden. Der Verein Minergie nennt das einen «Schildbürgerstreich».

Von Lucien Scherrer Erlenbach – Einen Ruf als Preisknüller hat sich das Erlenbacher Projekt «Salamander» bisher nicht erworben: Die Kosten für die 24 verbilligten Wohnungen, welche die Gemeinde bis 2013 im Gebiet Sandfelsen für den Mittelstand bauen will, fallen deutlich höher aus als anfänglich erwartet. Trotz kritischer Nebengeräusche hat der Souverän am 28. November 2010 einen Kredit von 15,7 Millionen Franken für das Projekt in der Allmend klar bewilligt. Der Gemeinderat betonte bereits vor der Abstimmung, dass die 15,7 Millionen «nicht der Weisheit letzter Schluss» seien; vielmehr werde man versuchen, die Kosten zu senken. Das Resultat dieser Bemühungen liegt jetzt vor. Geld gespart werden soll unter anderem mit weniger Balkonen, vereinfachten Wohnungsgrundrissen, Leitungsführungen und Fassaden. Eine grosse Einsparung – rund 300 000 Franken – soll aber auch dank dem Verzicht auf kontrollierte Wohnungsbelüftungen erzielt werden, wie der Gemeinderat mitteilt. Entscheidend daran ist, dass der Minergie-Standard damit nicht mehr erreicht wird. Und das, obwohl den Stimmbürgern vor der Abstimmung klar gesagt wurde, dass nach diesem Standard gebaut werde. Lüften am Waldrand zumutbar Kontrollierte Lüftungen regeln den Luftaustausch in modernen Gebäuden selbst, womit das Fensterlüften unnötig wird (siehe Kasten). Liegenschaftenvorsteherin Nicole Lauener (CVP) ist der Ansicht, dass der Verzicht auf die Einrichtung vertretbar sei. «Die Lüftung kostet sehr viel, aber sie ist unserer Ansicht nach im Sandfelsen nicht unbedingt nötig.» Denn die Überbauung liege ja nicht an einer Durchgangsstrasse, sondern in unmittelbarer Nähe einer Erholungszone. «Da ist es kein Problem, wenn zum Lüften die Fenster geöffnet werden müssen.» Dass die Stimmbürger mit dem Öko-Versprechen «Minergie» in die Irre geführt wurden, glaubt Lauener nicht. Einerseits sei der ökologische Standard des «Salamanders» auch ohne Lüftung hoch. Was Heizung und Wärmedämmung betreffe, bewege man sich nach wie vor auf dem Niveau des Minergie-Standards – also «deutlich über den gesetzlichen Vorschriften». Andererseits habe man im Vorfeld zur Urnenabstimmung nicht nur «nachhaltige, energetische Lösungen» versprochen, sondern auch eine Optimierung der Kosten in Aussicht gestellt. «Dümmste, was man tun kann» Der Verein Minergie, der freiwillige Standards für energieeffizientes Bauen definiert, ist dagegen der Ansicht, dass die Erlenbacher einen Schildbürgerstreich begehen. «Auf die Lüftung zu verzichten, ist das Dümmste, was man tun kann», sagt Minergie-Geschäftsführer Franz Beyeler. Denn es sei «schizophren», das Gebäude luftdicht zu verpacken und mit hochisolierten Fenstern auszurüsten, wenn die Leute trotzdem selber lüften müssten: «Das treibt den Energieverbrauch in die Höhe, während die Bewohner unter Feinstaub und Pollen zu leiden haben.» Wie die Sparübung im Dorf ankommt, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass das Wort «Schildbürgerstreich» im Zusammenhang mit «Salamander» nicht zum ersten Mal kursiert: Ursprünglich wollte die Gemeinde mit einer benachbarten Erbengemeinschaft Land tauschen, um die Ausnützung des Projektgrundstücks zu erhöhen. Doch dann stellte sich heraus, dass «Salamander» die zusätzliche Ausnützung gar nicht beanspruchte. So musste der Landtausch, der bereits beurkundet und von der Gemeindeversammlung abgesegnet worden war, wieder rückgängig gemacht werden. Die Gemeinde kostete das über 50 000 Franken. Um Energie zu sparen, ist die Gebäudeisolation in den letzten Jahren stark verbessert worden. Luftdichte Fenster und Gebäudehüllen sorgen aber nicht nur für tiefere Heizkosten, sondern auch für einen verminderten Luftaustausch in den Wohnungen. Häufiges Fensterlüften führt aber gerade im Winter zu einem grossen Energieverlust. Kontrollierte Wohnungslüftungen sollen diesen Effekt vermeiden: Sie ersetzen während der Heizperiode verbrauchte oder feuchte Luft durch gefilterte Aussenluft, womit auf das Fensterlüften verzichtet werden kann. Das System hat aber auch Nachteile: Die Anlage muss gewartet und gereinigt werden, und sie verbraucht selber Energie, was den Spareffekt reduziert. Pro Wohnung ist zudem mit Kosten von 9000 bis 13 000 Franken zu rechnen. Nach Meinung von Holzfachleuten entzieht das System der Luft zudem zu viel Feuchtigkeit – was die Bewohner krank machen könne. (lsc)

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