Es begann mit einer Lüge

Im Mordprozess gegen ein Ehepaar und einen Garagisten stehen die Plädoyers an. Es geht nicht nur um Tötung.

Der Bezirksrichter und die Gerichtsschreiberin (links im Bild) versuchen, den Überblick zu behalten. Illustration: Robert Honegger

Der Bezirksrichter und die Gerichtsschreiberin (links im Bild) versuchen, den Überblick zu behalten. Illustration: Robert Honegger

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Bei schweren Delikten gegen Leib und Leben drohen in aller Regel hohe Freiheitsstrafen. Dass einem Beschuldigten in der gleichen Gerichtsverhandlung noch weitere, weit weniger spektakuläre ­Delikte vorgeworfen werden, spielt in der Berichterstattung selten eine Rolle, weil die Delikte für die Bemessung der Strafe oft kaum mehr ins Gewicht fallen. Dies gilt – zumindest teilweise – auch im Fall des Trios, gegen das vor einer Woche der Prozess eröffnet wurde, welcher am Montag mit den Plädoyers fortgesetzt wird.

So ist es wirklich nebensächlich, dass der Lastwagen, mit dem die Täter angeblich eine Probefahrt unternahmen, über keine Haftpflichtversicherung ­verfügte. Kaum der Erwähnung wert ist der Umstand, dass die Täter, die den Lastwagenbesitzer bedrohten, dies mit einer Pistole taten, die sie nicht besitzen und schon gar nicht mit sich hätten herumtragen dürfen. Auch dass sie der Polizei den Diebstahl eines Autos meldeten, das gar nicht gestohlen worden war, trug ihnen eine Anklage wegen Irreführung der Rechtspflege ein. In der Höhe der Strafe wird sich eine solche Verurteilung überhaupt nicht nieder­schlagen.

Im Fall des 29-jährigen ­Berner Ehepaars und des 36-jährigen Solothurner Garagisten mögen diese und weitere, bisher uner­wähnten Nebendelikte nicht entscheidend sein für das Strafmass. Sie geben aber Einblick in das Beziehungsgeflecht und insbesondere den Beginn der kriminellen Karriere, die einen grausamen Höhepunkt erreichte mit dem Tod eines 36-jährigen Lastwagenbesitzers und eines 25-jäh­rigen Serben, denen beiden die Atemwege mit Klebeband verschlossen wurden.

In einem Teufelskreis

Es begann mit einer Lüge. Das Ehepaar hatte sich zu einem Zeitpunkt kennen gelernt, zu dem beide – wären sie bereits damals straffällig geworden – noch dem Jugendstrafrecht unterstanden hätten. Knapp 20-jährig, ­heiratete es. Dem Paar ging es nicht allzu lange gut, denn aus zwei Einkommen wurde mit der Geburt der Kinder nur noch eines, ohne dass das Paar seinen Lebensstandard angepasst hätte.

Schnell spürte die Familie, dass das Transportgewerbe ein hartes Geschäft ist. Die 150'000 Franken der Mutter waren ein Tropfen auf den heissen Stein, wie auch die 30'000 Franken eines befreunde­ten Anwalts. Bald erreichten die Verlustscheine 50'000 Franken, die Betreibungen summierten sich auf 250'000 Franken.

Thomas K., der 29-jährige Haupttäter, sprach vor Gericht von einem «Teufelskreis», aus dem man nicht mehr herausgekommen sei. «Uns wuchs alles über den Kopf», sagte seine Frau, die sich – ohne entsprechende Ausbildung – um die Finanzen der GmbH kümmern musste. Er habe damals die Verantwortung abgeschoben, den miserablen finanziellen Zustand seiner Firma ignoriert oder schöngeredet, ­sagte Thomas K. «Möglicherweise wäre alles anders herausgekommen, wenn ich damals hingeschaut hätte.» Doch es kam anders.

Bereits Mitte März 2013 meldete das Paar der ­Kantonspolizei, bei ihm sei eingebrochen ­worden. Es sei unter anderem eine Va­kuumiermaschine im Wert von 1500 Franken abhandengekommen, auch ein iPad, ein PC und eine Uhr. «Wir hatten nichts Wertvolles», sagte die Frau, aber es genügte, um der Versicherung einen Schaden von 7672.90 Franken anzugeben. Diesen Schaden hat es wohl nie gegeben, aber die Versicherung zahlte 7665.80 Franken aus. Es war, soweit bekannt, die erste Straftat der beiden.

Drogengeschäft misslingt

Das Tatmotiv fasste die Anklageschrift so zusammen: «Ohne den erlangten Vermögensvorteil wäre es den Beschuldigten nicht möglich gewesen, ihren gesamten Lebensunterhalt zu decken.» Diesen Satz liest man auf den 48 Seiten der Anklageschrift insgesamt siebenmal.

Und wenn mal Geld da war, floss es in die falsche Richtung. Statt Rechnungen zu bezahlen, kaufte Thomas K. einen ­Anhänger. Statt die auf Pump ­finanzierte GmbH aus den Schulden zu führen, kaufte der Transportun­ternehmer Berufskleidung. Mit 40'000 Franken der Mutter ­sollte ein Drogengeschäft finanziert werden, dank dem der ­finanzielle Schlamassel auf einen Schlag der Vergangenheit angehören sollte. Stattdessen versickerte das Geld, die Drogen blieben ­verschwunden, und der Empfänger des Geldes, der 25-jährige Serbe, lag schliesslich erstickt von vier Lagen Klebeband in einer zwei Meter tiefen Grube.

Kriminelle Aktivitäten

Rückblickend sagte Thomas K. vor dem Bezirksgericht: «Ich habe mich auf kriminelle Aktivitäten eingelassen.» Aber nicht nur das Drogengeschäft ging in die Hose. Ende Juni 2015 planten Thomas K. und sein damals bester Freund, der 36-jährige Garagist Markus N., einen von N. geleasten Lieferwagen nach Serbien zu ­verkaufen und das Fahrzeug als gestohlen zu melden. Gesagt, getan. Doch wegen «zahlreicher Ungereimtheiten» leistete die Versicherung keine Zahlung.

Zwei Monate später «erleichterte» Thomas K. einen Lastwagenbesitzer um dessen Fahrzeug, indem er ihm die verabredeten 16'400 Franken schuldig blieb. Eine Betreibung durch den Bestohlenen verlief im ­Sande, weil dieser den anstehenden Zivilprozess nicht vorfinanzieren wollte oder konnte.

Im Dezember 2015 versuchte das Ehepaar unter Mithilfe von Kollege N. erneut einen Versicherungsbetrug. Ein VW Passat wurde im deutschen Laufenburg abgefackelt, aber die 10'300 ­Franken der Versicherung blieben «aufgrund zahlreicher Ungereimtheiten» aus. Von Dezember 2015 bis März 2016 wurde ein Mann ­Opfer des Ehepaars, der in ihre Transport-GmbH einsteigen wollte. In Erwartung von lukrativen Fahrten nach Serbien kaufte er für 30'000 Franken einen Lastwagen und half dem Ehepaar mit einem Darlehen über gut 53'000 ­Frankenaus der Patsche. Bloss: Transportaufträge erhielt er keine. Vom Darlehen sah er keinen Rappen mehr. Darüber hinaus ­verhökerte Thomas K. den von ihm gekauften Lastwagen – ohne sein Wissen – für 22'000 Franken.

Ein Dutzend Delikte

Im Februar 2016 – zwei Monate bevor der 25-jährige Serbe sterben musste und vier Monate bevor der 36-jährige Lastwagen­besitzer zum zweiten Opfer wurde – wurde es selbst Thomas K. zu viel. Er wollte untertauchen und bewarb sich um eine Chauffeurstelle bei einer Firma, die ­viele Auslandsfahrten machte. «Ich wäre einfach verschwunden gewesen», so Thomas K. vor ­Gericht.

Er bekam die Stelle nicht, weil er weder die Einladung zum Vorstellungsgespräch noch jene zur Probefahrt annahm. Er wusste natürlich: Er hatte das eidgenössische Fähigkeitszeugnis als Lastwagenführer ebenso gefälscht wieden Notenausweis der ­beruflichen Grundausbildung und das Zeugnis seines Lehrbetriebs.

Und so muss sich das Trio vor Gericht ein Dutzend ­verschiedene Straftaten vorwerfen lassen – von Mord über gefährlichen Raub, Erpressung, Freiheitsberaubung und Entführung bis hin zu teilweise versuchtem gewerbsmässigem Be­trug, Körperverletzung, Urkundenfälschung, Veruntreuung, Irre­führung der ­Rechtspflege, Wider­handlung gegen das Waffengesetz und Fahren ohne Haftpflichtversicherung.

Erstellt: 15.09.2019, 19:09 Uhr

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