«Es braucht vor allem Porno-Kompetenz»

Sexuelle Inhalte haben auf Jugendliche weniger negative Auswirkungen als befürchtet. Ausnahme: Gewaltdarstellungen. Das sagten Fachleute in Zürich.

«Generation Porno»? Nein, finden Experten: Jugendliche seien in der Lage ihren Pornografie-Konsum zu reflektieren. Bild: Getty Images

«Generation Porno»? Nein, finden Experten: Jugendliche seien in der Lage ihren Pornografie-Konsum zu reflektieren. Bild: Getty Images

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Internet, Smartphones und billige Daten-Abos machen es möglich: Nie zuvor waren Pornos so leicht zugänglich, und zwar auch für Kinder und Jugendliche. Jeder, der im Internet surft, stolpert früher oder später über explizite Bildchen. Verständlich, dass sich Eltern und Pädagogen Sorgen machen. Was hat das für einen Einfluss?

Offenbar einen weniger negativen, als mediale Schlagzeilen suggerieren. Das sagte Alexander Korte, Kinder- und Jugendpsychiater in München und Autor des Sachhbuchs «Pornographie und psychosexuelle nEntwicklung» heute an einer Tagung zum Thema «Pornostress» an der Pädagogischen Hochschule in Zürich. Zwar könne man sich nicht einfach zurücklehnen und die Jungen machen lassen. Aber: Es gebe keine Hinweise darauf, dass Jugendliche beispielsweise Werte und Geschlechterklischees aus Pornos einfach kritiklos übernehmen würden oder deswegen sexuell unter Leistungsdruck stünden. Kinder wiederum würden Porno-Inhalte meist einfach wegdrücken, weil sie instinktiv spürten, dass das nicht ihre Welt ist.

Übergriffe und Gewalt-Pornos hängen zusammen

Allerdings gelte das nicht für Gewalt-Pornographie, so Korte: «Kinder und Jugendliche können verstört darauf reagieren. Und bei den Jugendlichen gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen selbst berichtetem, übergriffigem Verhalten und dem Konsum von Gewalt-Pornos.» Dass ersteres letzteres verursacht, könne aus den Studien aber nicht geschlossen werden, warnte der Arzt: «Es ist wohl eher so, dass jene Jugendlichen, die zu einem übergriffigen Verhalten neigen, sich Gewalt-Pornos ansehen.» Und das wiederum hänge nachweislich zusammen mit emotionaler Vernachlässigung oder Missbrauchserfahrungen.

Nicht gewalttätige Pornos hingegen können aus Kortes Sicht positive Effekte haben, indem sie den Jugendlichen konkrete Phantasien ermöglichen. Das gelte umso mehr für Teenager, die zum Beispiel realisieren, dass sie homosexuell sind: «Sie können ihre Sexualität dann erst einmal virtuell ausprobieren.»

«Ganze Generation stigmatisiert»

Dagmar Hoffmann, Professorin für Medien und Kommunikation an der Universität Siegen, bestätigte Kortes Befund: «Jugendliche sind mehrheitlich bemüht, ihren Porno-Konsum zu kontrollieren und zu reflektieren.» Die Befunde der Wissenschaft stünden damit in harschem Kontrast zu medialen Schlagzeilen: «Da trifft man auf jede Menge reisserischer Schlagzeilen, eine ganze Generation wird als Generation Porno stigmatisiert.»

Es gebe aber, räumte Hoffmann ein, relativ wenig belastbare Zahlen. Die meisten Studien basieren auf Selbstauskunft, denn die Möglichkeiten der Forscher seien nur schon aus ethischen und rechtlichen Gründen sehr limitiert: «Wir dürfen Minderjährigen keine Pornos zeigen, nicht einmal zu Studienzwecken.»

Lehrer müssen Thema aufgreifen

Klar ist für Hoffmann ebenso wie für Korte: Porno-Inhalte gehören heute zum Leben, und das Angebot wird in Zukunft eher noch grösser und breiter, denn dahinter steht eine milliardenschwere Industrie, die Mittel und Wege findet, ihre Inhalte zu verbreiten. «Wichtig ist also der Erwerb von Porno-Kompetenz», so Hoffmann. Ähnlich sieht es Heinz Rhyn, Rektor der Pädagogischen Hochschule. Lehrer müssten das Thema ansprechen können: «Wegschauen ist keine Haltung, die pädagogisch vertretbar ist.»

Erstellt: 21.09.2019, 15:57 Uhr

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