Es gab keinen Hinweis auf akute Gefahr

Die Mutter, die in Flaach ihre beiden Kinder getötet hat, hat mehr als einen Suizidversuch hinter sich. Dennoch galt sie offenbar nicht als akut gefährdet. Sie hinterliess ein Schreiben.

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Bis Anfang Mai war die Mutter, die am Neujahrstag ihren fünfjährigen Sohn und ihre zweijährige Tochter erstickt hatte, in der Psychiatrischen Klinik Rheinau inhaftiert. Sie hatte zuvor mehr als einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Dann wurde sie ins Untersuchungsgefängnis Zürich verlegt, weil sie nicht mehr als akut gefährdet galt – und hat sich dort gestern Freitag das Leben genommen. Ihr Ehemann, der sich im vorzeitigen Strafvollzug befindet, ist informiert, er wird speziell betreut.

Heute informierte Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP), flankiert von Thomas Mannhart, dem Leiter des Amtes für Justizvollzug, und Jérôme Endrass, dem stellvertretenden Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes über den Tod der Frau. Laut Mannhart trafen Mitarbeiter des Gefängnisses die Frau bei der Abgabe und Rücknahme des Mittagessens noch lebend an. Rund zwei Stunden später, als sie zum Hofgang abgeholt werden sollte, war Nathalie K. tot. «Sie hat sich offenbar stranguliert», so Mannhart. Versuche, sie wieder zu beleben, waren erfolglos.

Kein Hinweis auf verletzte Standards

Ob Nathalie K. im Gefängnis zu wenig eng betreut wurde, wird derzeit von der Staatsanwaltschaft abgeklärt. «Wir haben im Moment aber keine Hinweise, dass geltende Standards verletzt wurden», sagte Jérôme Endrass. Welche psychiatrisch-psychologische Behandlung die Frau im Gefängnis konkret erhalten hat, darüber konnte Endrass keine Auskunft geben. Das unterliege der Schweigepflicht.

Generell gelte aber: «Wenn jemand aus einer psychiatrischen Klinik in ein Gefängnis verlegt wird, etabliert man eine enge und regelmässige Begleitung.» Ein Mal pro Woche gibt es einen Termin beim Psychiater, zusätzlich werden Betroffene vom Aufsichtspersonal «engmaschig begleitet», wie Fehr versicherte. Auch mögliche Suizidgedanken würden immer wieder angesprochen. Verschlechtert sich der Zustand einer oder eines Gefangenen dennoch, werden die Kontakte zum Psychiater häufiger – im schlimmsten Fall wird die Person wieder in eine Klinik verlegt.

Nicht jede Selbsttötung lässt sich verhindern

Dennoch liessen sich Suizide in Gefängnissen nicht vollständig verhindern, sagte Mannhart. «Unser Spielraum ist nicht beliebig gross, ohne die Menschenwürde massiv einzuschränken», erläuterte der Leiter des Amtes für Justizvollzug. Sei jemand akut gefährdet, könne man die Person zwar für einige Zeit in Papierwäsche kleiden, sie in einer komplett leeren, nur mit einer Matratze versehenen Zelle unterbringen und vor der Tür eine Sitzwache etablieren. Aber ein solches Regime lasse sich nicht über längere Zeit aufrecht erhalten. Generell gelte: spontane Selbsttötungen oder solche aus Krisensituationen heraus liessen sich eher verhindern als sogenannte Bilanzsuizide.

Warum sich Nathalie K. genau jetzt das Leben nahm, ob möglicherweise ein indirekter Zusammenhang besteht mit dem Familiendrama von St. Gallen, darüber konnten die Verantwortlichen keine Auskunft geben. Fest steht: Nathalie K. hat ein Schriftstück hinterlassen, das der Staatsanwaltschaft vorliegt. Über den Inhalt war nichts zu erfahren.

Die Mutter von Flaach ist bereits die fünfte Person, die sich im laufenden Jahr in einem Zürcher Gefängnis das Leben genommen hat – das ist eine unübliche Häufung von Selbsttötungen. Eine Ursache dafür haben die Fachleute nicht gefunden, wie Endrass sagte: «Wir schauen uns jeden Einzelfall genau an.»

Fehr kündigt weitere Informationen an

Jacqueline Fehr kündigte an, die Medien laufend weiter zu informieren, wenn es neue Erkenntnisse zum Fall gebe. Mit Spannung erwartet werden dürfte der externe Untersuchungsbericht über die Vorgeschichte, die zum Tod der Kinder führte. Dieser sollte ursprünglich schon im Sommer vorliegen, wird aber erst im September oder Oktober veröffentlicht. Es gelte noch, den Betroffenen das rechtliche Gehör zu gewähren, so die Justizdirektion.

Nathalie K. hatte ihre Kinder getötet, um zu verhindern, dass die beiden zurück in ein Kinderheim mussten. Sie und ihr Mann waren Anfang November wegen Verdachts auf gewerbsmässigen Betrug verhaftet worden, worauf die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) die Kinder vorübergehend in einem Heim untergebracht hatte. Die Mutter wurde bald entlassen, die Kinder aber blieben vorerst im Heim, weil die Familiensituation als instabil eingeschätzt wurde. In den Weihnachtsferien durften die Kinder zwei Wochen nach Hause. Am zweitletzten Tag der Ferien erstickte die Mutter sie.

In der Folge war die Kesb massiv unter Beschuss geraten, es gab gar Morddrohungen gegen Mitglieder der Behörde. Der inzwischen abgewählte Justizdirektor Martin Graf (Grüne) gab damals ein ausführliches Gutachten über die Arbeit der Kesb in Auftrag. Ein erstes, kurzes Gutachten hatte die Behörde entlastet.

Erstellt: 08.08.2015, 14:25 Uhr

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