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formschönes am zürichhorn

Alle Jahre wieder öffnet das Atelier Hermann Haller während der Sommermonate seine Tore. Wer hingeht, findet ein Stück Zürcher Stadtgeschichte vor.

von Paulina Szczesniak (Text) und Thomas Burla (Bild) plastik Es war wie eine kleine Zeitreise in die Dreissigerjahre, als wir uns neulich ans Zürichhorn begaben, um das Atelier von Hermann Haller kurz vor der alljährlichen Wiedereröffnung aufzusuchen. Ein Gärtner blies mittels elektrischem Gerät derart eifrig Laub vom Atelierdach, dass, wer daneben stand, Corbusierhaus und Chinagarten kurzerhand aus dem Blickfeld verlor. Viel unbebautes Uferland fand auch vor, wer den bernstämmigen Bildhauer Hermann Haller (1880–1950) zu Lebzeiten besuchte. Der Wahlzürcher hatte sein bescheidenes Holzhäuschen anno 1932 selbst entworfen und sich damit inmitten des damaligen Obstgartens am Stadtrand ein Refugium geschaffen, wo er sein eigener Herr sein konnte – für den freiheitsliebenden Künstler eine unabdingbare Voraussetzung für kreatives Schaffen. Diesen Drang zur Ungebundenheit verdankte er nicht zuletzt einer strengen Erziehung: Hallers Mutter hatte die künstlerischen Aspirationen ihres Sprösslings vehement zu unterbinden versucht, bis Ferdinand Hodler persönlich ein Wort für den talentierten Buben einlegte und die autoritäre Frau endlich umstimmte. Nach Stationen in München, Paris und Rom liess sich Haller also im Seefeld nieder. Angesehen und finanziell abgesichert, stand es ihm nun frei, nach Herzenslust an seinen Entwürfen (die jetzt zu Dutzenden in dem kleinen Atelierraum bestaunt werden können) zu arbeiten oder mit Künstlerfreunden nachmittagelang auf der Terrasse zu philosophieren. Oft begab man sich auch ins nahe Café Odéon, wo Haller unter der exotischen Klientel manch potenzielles Modell erspähte. Liess dieses sich tatsächlich überreden, die Hüllen fallen zu lassen, revanchierte sich Haller, indem er ihm die Posierzeit mit Musik vom Grammofon verkürzte – und dabei nicht selten mitsang. Entwürfe auf Papier entstanden dabei keine. Haller «skizzierte» immer nur in Ton. Die raue, gleichsam unfertige Oberfläche dieser so genannten Bozzetti kopierte er bei der endgültigen Fassung gleich mit. Das Glätten der Oberfläche langweilte ihn; Zeit, Wind und Wetter würden das ohnehin für ihn erledigen. So zerklüftet die Haut seiner Figuren, so fremd ist ihnen alles Dramatische. Hallers Frauen – obgleich er auch Männer, Tiere, Büsten gestaltete, blieb der weibliche Akt doch stets sein Parademotiv – strahlen nichts als würdevolle Ruhe aus. Es sind keine gequälten Seelen, wie man sie bei Hallers grossem Idol Rodin findet. Stattdessen wirken sie geradezu unbekümmert: etwa das für die Landi 1939 geschaffene «Mädchen mit erhobenen Armen», das sich bis heute täglich der Wollishofer Morgensonne entgegenreckt. Da ist kein intellektueller Hintergedanke auszumachen, nichts Metaphysisches zwischen den Zeilen. Haller war der vor Lebenskraft trotzende Körper Aussage genug: «Ich finde das Leben eine prächtige Angelegenheit.» Wohlgeformte Leiber, so weit das Auge reicht – Hallers Hinterlassenschaft im Zürcher Seefeld. Zugegeben, der Name des einst stadtbekannten Bildhauers mag heute nicht mehr jedem geläufig sein. Kennen tun Hermann Haller freilich alle – oder, genauer gesagt, seine Kunst: Prominentestes Beispiel ist sicher die Statue von Hans Waldmann hoch zu Ross vor dem Zürcher Fraumünster. Studenten dürfte das den Eingang des Unigebäudes flankierende Figurenpaar bekannt sein, Spaziergängern das auf einem hohen Sockel stehende «Mädchen mit erhobenen Armen» auf der Landiwiese. Weiter stadteinwärts, im Belvoirpark und im Muraltengut, finden sich die «Schauende» und die «Liegende». Ein allegorisches Damenpaar aus Marmor schuf Haller für das Bezirksgebäude: die «Gerechtigkeit» sowie die «Hilfesuchende». Gleich fünf Nischenfiguren Hallers platzierte Karl Moser derweil an der Südfassade des Kunsthauses. Und auch Winterthur verfügt im Kunstmuseum und in der Sammlung Oskar Reinhart über Werke von Hermann Haller: Reinhart Senior hatte dem Künstler einst jenen Studienaufenthalt in Rom ermöglicht, in dessen Verlauf der gewiefte Jungspund zum Befremden seines grosszügigen Mäzens den Malerpinsel jäh gegen den Meissel eintauschte – um fortan ausschliesslich dreidimensional zu arbeiten. (psz) Ab 8.7. bis 25.9. Fr–So 12–18 Uhr. Eintritt frei.

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