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Für Jung ist der Mensch mit Vernunft allein nicht zu fassen

Das Zürcher Museum Rietberg eröffnet heute eine Ausstellung zum «Roten Buch» von C. G. Jung. Sie macht das geistige Universum des einflussreichen Denkers sinnlich erfahrbar.

Von Guido Kalberer Auf vielen Fotografien und in Filmen sieht man Carl Gustav Jung (1875–1961) beim Malen, Basteln oder Bauen. Bearbeitet er nicht gerade einen Steinquader mit Hammer und Meissel, so sitzt er, die obligate Pfeife im Mund, aquarellierend über ein Bild gebeugt. Den Turm, diese «Darstellung der Individuation», den er in Bollingen am Zürichsee bewohnte, hatte er eigenhändig erstellt. Dass Jung ein «handyman» war, brachte ihm viele Sympathien ein: Die Theorien über die Psyche stammten nicht von einem blassen Akademiker und Stubenhocker, sondern von einem Mann, dem nichts fremd war. Die handwerkliche Leidenschaft unterschied ihn von Sigmund Freud, dem Begründer der psychoanalytischen Bewegung, dessen Kronprinz Jung bis zum Zerwürfnis 1911 war. Mit dem Verlust des Vordenkers und Vorbildes stürzte C. G. Jung in eine tiefe Krise, die für die Entscheidung, seine Träume und privaten, intimen Ideen niederzuschreiben, ausschlaggebend war. Dieses «Selbstexperiment», das 1913 begann und 17 Jahre dauerte, war auch ein therapeutisches Projekt. Die Imaginationen hielt er zuerst in schwarzen Notizheften fest, überarbeitete sie mehrmals und übertrug sie schliesslich in das «Rote Buch» – und zwar in einer redigierten, verzierten und veredelten Form. Seit 2009 liegt «dieser Dialog mit seiner Seele» (Ulrich Hoerni, Stiftungsmitglied und Enkel Jungs), dieses geheimnisumwitterte Buch, der Öffentlichkeit vor. Während die Amerikaner, die mit Jung ohnehin mehr anfangen können als mit Freud, das teure Buch massenweise kaufen (65?000 Exemplare), ist die Nachfrage im deutschsprachigen Raum bescheiden (7000 Exemplare). Wenn Hände mehr wissen Der Aufsatz «Die transzendentale Funktion» (1916) ist für die analytische Psychologie von Jung kennzeichnend: «Es ist nicht in allen Fällen genügend, nur den gedanklichen Kontext eines Trauminhaltes sich klarzumachen. Oft drängt sich die Notwendigkeit auf, dass undeutliche Inhalte durch sichtbare Gestaltung verdeutlicht werden müssen. Dies kann geschehen durch Zeichnen, Malen und Modellieren. Oft wissen die Hände ein Geheimnis zu enträtseln, an dem der Verstand sich vergebens mühte.» So sucht sich die Psyche ihren eigenen Weg in die bewusste, sichtbare Welt. Wenn man sich in der Ausstellung im Museum Rietberg umsieht, dann wird eines unmissverständlich klar: Für Jung war das, was den Kern des Menschen ausmacht, mit der Vernunft allein nicht zu fassen. In seinen Augen gibt es ein psychisches Reich, zu dem die Schrift keinen Zutritt hat. Der Text kann die Tiefe der Seele nicht ausloten, es bedarf dafür anderer Formen der Gestaltung. Die Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit der jungschen Interessen haben hierin ihren Grund. Denken in Bildern Das «Rote Buch» ist Ausdruck dieser Weltanschauung: Dem Denken in Worten entspricht ein Denken in Bildern. Mit der Kalligrafie, diesem ästhetischen Schriftbild, wird versucht, zwischen den unterschiedlichen Welten eine Brücke zu schlagen. Daneben gibt es Bilder mit Motiven und Sujets aus der europäischen und fernöstlichen Kultur wie etwa Mandalas. Von Kunst kann nicht die Rede sein (diesen Anspruch erhob Jung selbst nie), von gepflegtem Kunsthandwerk aber schon. Als wollte er die «Manessesche Liederhandschrift» in den Schatten stellen, arbeitete C. G. Jung wie ein mittelalterlicher Mönch jedes Schrift- und Bilddetail präzise aus. Äusserst beeindruckend ist diese Gestaltung des «Roten Buchs», dessen Original nun in der Ausstellung zu sehen ist – neben den schwarzen Notizbüchern und zahlreichen Bildern und Skulpturen, die mit der Publikation in Zusammenhang stehen. Auf diese Weise wird das geistige Universum, in dem sich Jung bewegte, sinnlich erfahrbar. Im weitesten Sinne ist es eine private Kosmologie, die Jung entwirft, eine moderne Religion, die Gott in das Innere des Menschen verlegt – mithin eine Kampfansage an die Säkularisierung und Verwissenschaftlichung des Lebens und Denkens. Auf dieses attraktive Angebot reagierten viele Menschen, die im Modernisierungsprozess metaphysisch obdachlos geworden waren, mit einer Bereitschaft zur Verehrung. Das Pathos des Religionsstifters zieht sich wie ein roter Faden auch durchs «Rote Buch»: Die Welt noch einmal neu erfinden, das will dieser voluminöse Band. Welch eine prometheische Geste! Wer erwartet, dass die Erkenntnisse immer tiefschürfender werden, je tiefer die Bohrungen ins Unbewusste vordringen, wird allerdings enttäuscht: Was Jung in Text und Bild zutage fördert, orientiert sich an dem überlieferten neoromantischen Gedankengut. Das fängt bei den Überschriften an – «Der Weg des Kommenden», «Erfahrungen in der Wüste», «Das Schloss im Walde», «Die Eröffnung des Eies» oder «Der Weg des Kreuzes» – und setzt sich bei den Texten fort: «Wenn wir emporgestiegen sind, nahe zur Höhe des Guten und Schönen, dann liegt unser Schlechtes und Hässliches in äusserster Qual. Seine Qual ist so gross und die Luft der Höhe so dünn, dass der Mensch kaum mehr leben kann. Das Gute und das Schöne erstarren darum zum Eise der absoluten Idee, und das Schlechte und Hässliche werden zur Schlammpfütze voll verruchten Lebens.» Gut und Böse als Einheit Wie Yin und Yang bilden Gut und Böse eine Einheit in dem mystisch-sakralen Denksystem, das Raum und Zeit transzendiert. In der Tiefenpsychologie spielen Konturen, Grenzen und Differenzen keine wesentliche Rolle. Die Archaik ist ein zeitloses Raunen im Raum. Von Ost nach West, von der Steinzeit ins 20. Jahrhundert, von der Alchemie zur modernen Philosophie – alles zusammen bildet eine Unio mystica. Um diese Ganzheitserfahrung geht es im persönlichsten, aber auch angreifbarsten Werk von Jung. Denn dort, wo alles ineinander verfliesst, droht die Gefahr der Beliebigkeit und Banalität. In der Einleitung des «Roten Buchs» schreibt der amerikanische Psychologiehistoriker und Gastkurator Sonu Shamdasani, dass das Werk von C. G. Jung «nach wie vor zu Kontroversen Anlass» gibt. Die Ausstellung liefert neuen Gesprächsstoff zum wohl umstrittensten Schweizer Denker. Vernissage heute Samstag um 11 Uhr. Die Ausstellung dauert bis 20. März 2011.www.rietberg.ch «Oft wissen die Hände ein Geheimnis zu enträtseln, an dem der Verstand sich vergebens mühte.» C. G. Jung «Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht erfordecrlich.» C. G. Jung (1875–1961).Foto: Keystone Vielschichtig hat C. G. Jung Mitte der Zwanzigerjahre Seite 154 des «Roten Buchs» gestaltet.Foto: Stiftung der Werke von C. G. Jung,Zürich

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