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«Gejammer eines Herrn der alten Garde»

«Die positive Konnotation, die Hollstein dem Krieg in seinem Artikel verleiht, ist sehr problematisch.»

Was ist mit den Vorbildern?

Walter Hollstein schreibt, dass junge Männer «heutzutage lieber Alte pflegen, um für die Gesellschaft nützlich zu sein, als sinnlos herumzuballern». Im gleichen Atemzug erklärt er uns Frauen, Müttern, Erzieherinnen aber, dass wir die Schuld tragen an der «Entmännlichung» der Gesellschaft und folglich an weichen, verunsicherten und wenig standfesten jungen Männern. Wie erklärt sich denn die zunehmende Gewalt bei männlichen Jugendlichen? Und wie bitte steht es mit der Rolle und Verantwortung der Väter? In Politik, Wirtschaft, Industrie, Sport und Armee bestimmen immer noch weitgehend die Männer. Könnte es sein, dass sie für viele Buben und junge Männer keine guten Vorbilder abgeben?

Helen Issler, Zürich

Vereinfachte Zugangsmöglichkeiten.

Der Kommentar von Walter Hollstein zum Anstieg von Zivildienstgesuchen erscheint in der Argumentation doch sehr einseitig und zudem mangelhaft recherchiert. Schaut man sich die Statistiken von Zivildienstgesuchen der letzten zehn Jahre an, ist eine relative Konstanz festzustellen. Dies bis zum ersten Halbjahr 2009, wo die Zahl der Gesuche massiv in die Höhe schnellte. Dies hängt - wie auf der Homepage der offiziellen Zivildienststelle übrigens bestätigt wird - wohl eher mit den seit 1. April 2009 vereinfachten Zugangsmöglichkeiten zum Zivildienst zusammen als mit einer «Verweiblichung» der Gesellschaft, wie Hollstein argumentiert. Ferner muss gegen einigen patriarchalischen Unsinn in diesem Kommentar protestiert werden. Walter Hollstein spricht von mangelnder «Disziplin, Wille zur Kontinuität, Standfestigkeit und Frustrationstoleranz» bei jungen Männern und gleichzeitig von einer Verweiblichung ebendieser. Damit stellt er die fehlenden Werte implizit als weibliche Eigenschaft dar. Diese Aussage kann ich als junge, emanzipierte Studentin nicht akzeptieren. Auch die positive Konnotation, die Hollstein dem Krieg in seinem Artikel verleiht, ist sehr problematisch. Eine Begründung erübrigt sich bei der Erinnerung an die letzten beiden grossen Kriege in Westeuropa hoffentlich. Überhaupt erscheint seine Darlegung von angeblich «weiblichen» und «männlichen» Werten als willkürlich, von Stereotypen geprägt und nicht fundiert begründet. Deshalb betrachte ich diesen Kommentar als Gejammer eines Herrn der alten Garde, der es offenbar nicht verkraften kann, dass das Militär heute gerade bei jungen Leuten an Stellenwert verloren hat, während sich gleichzeitig die Stellung der Frau enorm verbessert hat.

Nadja Sutter, Freiburg

Zivildienst ist nichts für Weicheier.

Die angebliche «Verweichlichung» der heutigen Männer am Beispiel des erstarkenden Zivildienstes belegen zu wollen, ist grundfalsch. Denn: Zivis sind die wahren Männer! Ein Zivi übernimmt Verantwortung für sich und andere. Ein Zivi tritt für seine Ideale ein, auch wenn er dadurch Nachteile wie eine längere Dienstzeit in Kauf nehmen muss. Ein Zivi folgt nicht einfach der breiten Masse, er geht couragiert und engagiert seinen eigenen Weg. Währenddem ein Rekrut einfach seinem Marschbefehl folgt, organisiert sich der Zivi all seine Einsätze selbstständig. Auch der Zivi-Alltag ist nicht ohne: Haben Sie schon einmal einen von Kopf bis Fuss mit Kot verschmierten geistig behinderten Mann gewaschen? Hat Herr Hollstein schon einmal tagelang bei 30 Grad im Schatten Trockenmauern gebaut oder Uferzonen renaturiert? Oder bei Minustemperaturen den Kegel einer Schlammlawine abgetragen? Zivildienst ist alles andere als weichlich. Zivildienst ist hart und als Lebensschule für junge Männer mindestens so anspruchsvoll und geeignet wie der Militärdienst. Wenn Herr Hollstein schon auf verweichlichte Männer anspielt, dann sollte er sich doch bitte die grosse Gruppe von jungen Männern vorknöpfen, welche auf untauglich machen, obwohl sie tauglich wären, und sich so einfach - bequem und faul - aus der Verantwortung stehlen.

Pascal Riesen, ehemaliger Zivildienstleistender

Knaben spielen länger am Computer.

Dass gleichaltrige Frauen den jungen Männern zusetzen, spielt für die Befindlichkeit sicher eine Rolle, aber nicht für die Identitätsbildung. Massgeblicher für diese ist die nachweislich verlängerte Ausbildungszeit der jungen Menschen. Diese ist es auch, die einen Aufschub des Familienwunsches mit sich bringt. Sodann ist die Rhetorik von Prof. Hollstein, dass Buben «klammheimlich umerzogen» werden, recht alt; Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die Massenmedien als «geheime Miterzieher» zum Forschungsgegenstand. Wirksamer als die «klammheimliche Umerziehung» dürfte es sein, dass Militärdienst heute nicht mehr karrierefördernd ist, Zivildienst aber in zunehmenden Mass: Er ermöglicht wichtige Lernerfahrungen für die Dienstleistungsberufe und wird deshalb vom deutschen Bundesfamilienministerium gefördert. Drei Folgerungen drängen sich auf: 1. Ein Bashing der Wirtschaft wäre ursachengerechter als das Bashing der Geschlechterpolitik. 2. Zielführend wäre das Wirtschafts- Bashing ebenso wenig. Es könnte ja sein, dass es realistisch ist, mit 20 Jahren den widersprüchlichen Erwartungen von Gleichaltrigen (Konsum- und Familienwünsche) und Wirtschaft (niedrige Löhne in Deutschland und lange Ausbildungszeiten) ausgesetzt und dadurch verunsichert zu sein. 3. Die Behauptungen zu den Lehrlingen und Schülern sind zu knapp skizziert, um sie zu konkret zu beantworten. Wenn der Schulversager «eindeutig männlich» ist, sollte wohl nach Hollstein die Geschlechterpolitik im Schulwesen besonders ausgeprägt und verursachend sein (in Deutschland, nehme ich an). Die Rolle der Computerspiele für die Konzentration und Disziplin in Schule und Lehre findet dagegen keine Erwähnung bei Prof. Hollstein. Wenn ich kurz und spontan einen Geschlechterunterschied behaupten sollte, würde ich auf die längere Computernutzungszeit der Buben anstelle von genügend Bewegung tippen. Diese Kluft in der Mediennutzung zwischen den Geschlechtern ist für Schulkinder, Jugendliche, Eltern und junge Erwachsene gut wahrnehmbar.

Andrea Hadorn-Stuker, Gossau ZH Erziehungswissenschaftlerin

Jungen Männern Mut machen.

Sollten wir Männer nicht - statt die Auswirkungen der von Frauen geprägten Geschlechterpolitik zu beklagen - die Jungs bei der Hand nehmen, ihnen kraftvoll und echt begegnen, Herausforderungen annehmen und ihnen einen Weg zeigen, ihre Männlichkeit in der gelebten Geschlechterdemokratie nicht zu verlieren? Ist es nicht an uns Männern, den Jungs Mut zu machen, ihren Mann zu stehen ohne Schwerter und Waffen und sich mit Schürze um die Hüfte oder Tränen in den Augen genauso männlich zu fühlen wie am Gaspedal oder nach einem grossen Sieg?

Lu Decurtins, Zürich Netzwerk Schulische Bubenarbeit

Absurde Abrechnung.

Walter Hollstein deutet die gestiegene Attraktivität des Zivildienstes als eine Folge des gesellschaftlichen Wertewandels. Damit liegt er wohl nicht völlig falsch, auch wenn die momentane Orientierungslosigkeit der Schweizer Armee das Ihrige dazu beiträgt. Seine Analyse mündet jedoch in eine absurde Abrechnung mit einer «verfehlten Geschlechterpolitik», in der er von zwei messerscharf getrennten Geschlechterbildern ausgeht: Hier der starke, kriegerische Mann, dort die schwache, friedliebende Frau. Er scheint dabei nicht erkennen zu wollen, dass es keine per se «männlichen» und «weiblichen» Eigenschaften gibt, sondern diese gesellschaftlich zugeschrieben werden. Wenn sich dieses Wertekonstrukt nun verändert, so ist das ein bemerkenswerter, aber doch normaler, kultureller Vorgang. Ich als junger Mann fühle mich dadurch weder desorientiert noch verunsichert - denn die Abkehr von Gewalttätigkeit und perverser Leistungsorientierung ist kein Verlust von «Männlichkeit», sondern ein Schritt hin zu einer gleichberechtigten, menschlicheren Gesellschaft.

Michael Kraft, Zürich

Feindbild Feminismus.

Dass ein Professor, also ein lehrender Wissenschaftler, zu einer solch undifferenzierten Behauptung fähig ist wie: «Der Feminismus schiebt die Verantwortung für alle Missstände vom Krieg über die Naturkatastrophen bis zur Finanzkrise dem männlichen Geschlecht zu», lässt aufhorchen. Auch sonst drückt Walter Hollensteins Text vor allem die weinerliche Befindlichkeit eines in seinem männlichen Narzissmus verletzten, zutiefst verunsicherten Individuums aus statt die Analyse eines um Objektivität und nüchterne Wahrheitssuche bemühten Wissenschaftlers. Damit, dass er den «Feminismus» zu seinem Feindbild und darüberhinaus zum Hauptsündenbock der «Verweiblichung der Gesellschaft» erklärt, macht es sich dieser Softie-Soziologe doch arg einfach. Etwas mehr unsentimentale Selbstreflektion wäre ihm zu wünschen.

Felix Feigenwinter, Basel

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