Geldregen für die Frauen

Die Gruppierung Aktivistin.ch hat sich heute Abend auf dem Paradeplatz für Frauenthemen eingesetzt. Dafür stärkt ihr die Unia den Rücken.

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Für einmal ist der Paradeplatz heute Abend nicht nur symbolisch für viel Geld gestanden, sondern es hat auch wahrhaftig farbige Scheine vom Himmel geregnet, genauer Papiergeldscheine aus dem Hotel Savoy. Passanten blieben verblüfft stehen, staunten und warfen mit dem Geld um sich. Aus Lautsprechern auf dem Trottoir dröhnte eingängige Musik, auf Transparenten war zu lesen, wofür der Geldregen stand: Für 7,7 Milliarden Franken Lohn, welche Frauen jährlich wegen der Lohndiskriminierung entgehen. Mit der Aktion sollte dem weiblichen Geschlecht der Verlust symbolisch zurückgegeben werden, quasi als Weihnachtsgeschenk. Nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei und der Paradeplatz wieder geprägt von der Alltagshektik.

Auf einem unscheinbaren Plakat hatten sich auch die Urheber der Aktion bekannt, beziehungsweise die Urheberinnen: Junge Frauen, die sich zur Gruppierung Aktivistin.ch zusammengeschlossen haben. Sie kämpfen für verschiedene Frauenanliegen, allen voran für die Lohngleichheit. Aktivistin.ch-Sprecherin Carmen Schoder sagt: «Unsere Gruppe ist noch jung, deshalb gehen wir in einem ersten Schritt jenes Thema an, für das gesetzliche Grundlagen existieren.»

Sie berufen sich auf das 1996 erlassene Gleichstellungsgesetz und fordern, dass dieses ab sofort konsequent durchgesetzt und kontrolliert wird. Arbeitgeber sind aufgerufen, sich der Problematik gewahr zu werden und die Lohnunterschiede in ihren Unternehmen aktiv zu bekämpfen. «Wir werden nicht ruhen, bis leeren Versprechungen endlich Taten folgen», sagt Schoder getreu dem Manifest ihrer Gruppierung. Bereits Ende Oktober hat diese auf dem Paradeplatz die Lohnungleichheit mit einem Flashmob zum Thema gemacht. Schoder sagt: «Aktionen, die aufrütteln, finden wir in der Regel toll».

Gewerkschaft agiert nicht nur mit Trillerpfeifen

Partner der Gruppierung ist die Unia Zürich-Schaffhausen. Auf ihre Initiative hin hat sich die Gruppierung im Sommer 2015 formiert, heute unterstützt sie die Frauen mit Wissen und stellt ihnen Besprechungsräume sowie Material zur Verfügung. Die Unia ist es auch, welche die professionelle Internetseite Aktivistin.ch finanziert hat. Dass die Gewerkschaft einem Geschlecht unter die Arme greift, ist für Sektions-Sprecher Lorenz Keller kein Widerspruch. «Die Unia macht sich nicht nur mit Trillerpfeifen für die Bauarbeiter stark, sondern hat einen viel breiteren Anspruch», sagt er. Verschiedene gesellschaftliche Themen lägen der Gewerkschaft am Herzen. So setze sich die Unia seit Jahren für die Gleichstellung ein und fördere beispielsweise im Migrationsbereich diverse Projekte. Keller sagt, grundsätzlich unterstütze seine Organisation alle Personen, die ein Problem orteten und dieses gemeinsam bekämpften.

Für Lorenz Keller ist klar, dass es gerade bei der Lohngleichheit eine breitere Debatte brauche. Das Thema sei seit 20 Jahren auf der Agenda, aber bis heute nicht wirklich umgesetzt worden. Keller sagt: «Deshalb braucht es Leute wie diese Aktivistinnen, die sich zusammentun und etwas machen, ganz im Sinne ihres Mottos: Let’s get shit done.»

Feministinnen, aber keine Männerhasser

Neben der Lohngleichheit geht es den Aktivistinnen aber auch noch um viel subtilere Themen, in denen sie eine Ungleichheit zwischen Frau und Mann ausmachen. Es geht ihnen zum Beispiel um den korrekten Sprachgebrauch. So seien Frauen nicht automatisch zickig oder hysterisch, nur weil sie weiblichen Geschlechts seien, sondern sie seien einfach wütend. Es geht ihnen aber auch um vorgefasste Rollenbilder in Beruf oder Haushalt. So lässt sich Andrea (34) auf der Internetseite folgendermassen zitieren: «Mein Mann ist im Tram der Star, wenn er mit dem Kinderwagen unterwegs ist. Ich dagegen ernte nur Augenrollen.»

Die Aktivistinnen bezeichnen sich selber als Feministinnen, wollen aber deswegen nicht als Männerhasserinnen taxiert werden. «Wir fordern ganz einfach gleiche Rechte und Pflichten für alle», sagt Carmen Schoder. Umfasst der enge Kreis der Aktivistinnen rund 20 Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, finden sich im erweiterten Kreis auch Personen männlichen Geschlechts. Gleichstellung, so die Haltung der Aktivistinnen, betrifft sehr wohl auch die Männer. Nur fänden es die Aktivistinnen selber etwas vermessen, männerspezifische Themen im Alleingang anzugehen. Deshalb würden sie es begrüssen, sich dafür mit einer Männergruppierung zu solidarisieren.

Die Unterstützung der Unia dürfte den Frauen auch künftig sicher sein, denn für die Gewerkschaft hängt sie nicht allein am Thema Lohngleichheit. Keller sagt: «Mit dem Lohn allein ist die Gleichstellung bei weitem nicht gelöst.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.12.2015, 19:30 Uhr

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