«Das Feuer muss im Erzähler brennen, damit der Funke überspringt»

Von Königen und Narren erzählt Andrea S. Vogel aus Richterswil am Märchenabend «Goldene Schlüssel». Für den Anlass übt sie beim Waschen und Kochen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Freitag, 24. September, findet in Richterswil ein Märchenabend statt: «Goldene Schlüssel – Kulturschätze aus der Märchen- und Liedertruhe». Neben Musik und Gesang tragen verschiedene Erzähler 13 Märchen vor; Andrea S. Vogel erzählt sechs davon. Das letzte Märchen der Sammlung der Brüder Grimm lieh dem Anlass den Titel. Die Geschichten entstammen diversen Ländern – etwa Deutschland, Spanien, England, China, Afrika und Afghanistan. Der Anlass gehört zum Projekt «Märchenzeit» der Mutabor-Märchenstiftung, einer Märchen-Erzähl-kunst-Schule im Emmental. «Märchenzeit» ist Teil der Veranstaltungsreihe «77 Tage Erzählkunst», die unter dem Patronat der Schweizerischen Unesco-Kommission steht. Die Reihe beinhaltet Märchenanlässe, die vom 5. September bis zum 20. November schweizweit stattfinden. Der «Goldene Schlüssel» macht neben Richterswil unter anderem auch in Zürich halt.

Freitag, 24. September, Preisig-Kultur-keller, Richterswil. 20 Uhr.

Freitag, 29. Oktober, Kulturhaus Helferei, Zürich. 19.30 Uhr.

Info und Anmeldung: regina.truempi@gmx.ch oder Tel. 055 243 19 16. (tro)

Mit Andrea S. Vogel sprach Nicole Trossmann

Frau Vogel, Sie haben sich der Erzählkunst von Märchen verschrieben. Wie viele Kinderherzen haben Sie schon höher schlagen lassen?

Ich muss Sie gleich korrigieren: Märchen werden oft fälschlicherweise in die Schublade Kinderveranstaltung gesteckt. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Wussten Sie, dass es ursprünglich die Erwachsenen waren, die sich gegenseitig Märchen erzählten?

Nein.

In den Spinnstuben etwa redete man über die neusten Dorfgeschichten, welche irgendwann zur Anekdote wurden und die man schliesslich als mündliche Volksmärchen von Generation zu Generation weitergab. Die Brüder Grimm gehörten zu den ersten Autoren, welche diese Geschichten zu Papier brachten. Erst dann begann man, die Märchen auch den Kindern zu erzählen.

Und wann erlagen Sie der Faszination dieser Volkstradition?

Mit zehn Jahren bekam ich meine erste Märchensammlung geschenkt – seither hat mich diese Form der Literatur nicht mehr losgelassen. Daheim im Bücherregal habe ich mittlerweile Märchen am Meter. Wenn ich einen neuen Band entdecke, kann ich nicht Nein sagen: Ich muss ihn haben.

Warum?

Nur schon der Sprache wegen: Jener haftet oft etwas Geheimnisvolles von unvergleichlicher Schönheit an. Und: Die emotionale Wucht, die ein Märchen haben kann, ist ergreifend. Auf den ersten Blick sind die Geschichten ja sehr simpel. Trotzdem bergen viele eine reizende Raffinesse. In meinem Lieblingsmärchen am Erzählabend in Richterswil, «Viel und wenig», leidet ein Holzfäller darunter, dass sein Vater blind ist und er selbst arm und kinderlos. Als er von einem Elfenkönig einen Wunsch frei bekommt, schafft er es, sich sogar alle drei Dinge zu erfüllen, nach denen er sich so sehr sehnt.

Indem er sich mit dem einen Wunsch drei neue wünscht?

Besser: Er sagt dem Elfenkönig, er würde gerne eines Tages nach Hause kommen und seinen Vater erblicken, der seinen Enkel anschaut, welcher wiederum in einer Wiege aus purem Gold liegt.

Märchenfiguren – der Dumme, der Kluge, der Narr und der König – sind jedoch sehr eindimensional.

Und doch finden sich sämtliche Gefühlsregungen des Menschen in all ihren Schattierungen. Manchen Märchen wohnt eine tiefe Philosophie inne – bei älteren Menschen lösen sie mitunter Grosses aus, viele fühlen sich an einen gewissen Moment ihres Lebens erinnert, manche weinen. Ob und welche Lehren jemand aber aus dem Gehörten ziehen will, ist jedem selbst überlassen. Einen Lernwert hat ein Märchen auch, wenn man einfach nur der Geschichte folgt.

Inwiefern?

Was Kinder noch können, haben viele Erwachsene irgendwann verloren: die Kunst, einfach nur den Worten eines andern zu lauschen. Viele Erwachsene haben dadurch auch verlernt, einander zuzuhören; man fällt dem Gegenüber ins Wort, beendet dessen Satz.

Am Märchenabend im Preisig-Kulturkeller erzählen Sie sechs Märchen. Üben Sie dieselben eigentlich vor dem Spiegel?

Das wäre mir irgendwie peinlich. Ich lese aber jedes sicher ein Dutzend Mal, halte die Geschichte in Bildern fest und erzähle sie mir immer wieder selbst: beim Waschen, beim Kochen. Und am Schluss meiner Tochter. Sie ist zehn, kennt jedes Märchen perfekt und ist darum eine knallharte Kritikerin. Vergesse ich auch nur ein winziges Detail, sagt sie sofort: «Das hast du letztes Mal aber anders erzählt.»

Sie haben die Ausbildung zur Märchenerzählerin absolviert – ich wusste nicht einmal, dass es eine solche gibt.

Doch, im Emmental. Dort verbrachte ich viele Wochenenden, eineinhalb Jahre lang.

Was lernten Sie?

Ich übte mich in der Vortragskunst, lernte das Erzählen im Sitzen, im Stehen, für Erwachsene, für Kinder. Und natürlich, wie man einen Märchenabend – etwa diesen am kommenden Freitag in Richterswil – auf die Beine stellt.

Worin liegt denn die Kunst des Erzählens?

Das Feuer für eine Geschichte muss im Erzähler selber brennen. Dann kommt sie von Herzen, dann berührt man das Publikum – und nur so springt der Funke über.

Üben Sie sich nicht in einer sterbenden Kunst?

Doch. Darum ist es besonders schön, zu wissen, dass ich meinen Teil dazu beitrage, diese vom Verschwinden bedrohte Tradition am Leben zu erhalten.

Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur

Andrea S. Vogel übt sich in einer sterbenden Kunst. Foto: Patrick Gutenberg

Erstellt: 21.09.2010, 20:25 Uhr

Paid Post

Kaffee – von der Produktion bis zur Wiederverwertung

Der Kaffee von Nespresso mag zwar auf einer Plantage am anderen Ende der Welt wachsen, zuletzt landet er jedoch auf Schweizer Äckern als Dünger.

Blogs

Michèle & Friends Drogen konsumieren für Fortgeschrittene

Mamablog Unsinniges Influencer-Bashing

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...