«Eine psychogene Komponente ist sicher dabei»

Die meisten chronischen Schleudertrauma-Fälle sind falsch diagnostiziert, sagt Neurologe und Schleudertrauma-Opfer Vital Hauser.

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Mit Vital Hauser sprach Felix Straumann

Einen «Hardliner» stellt man sich anders vor. Vital Hauser läuft unsicher am Stock; wenn er spricht, muss man wegen seiner manchmal undeutlichen Aussprache aufmerksam zuhören. Der Neurologe war anerkannter Schleudertrauma-Experte und stellvertretender Chefarzt der Rehaklinik Valens SG, als er vor zehn Jahren einen Hirninfarkt als Spätfolge eines Auffahrunfalls erlitt. Er wurde selbst zum Schleudertrauma-Opfer. Zuerst hatte der heute 55-Jährige «nur» hartnäckige Kopf- und Nackenschmerzen und einen starken Tinnitus. Vier Monate später erlitt er den Schlaganfall, der ihn anfänglich in einen Zustand versetzte, in dem er bei vollem Bewusstsein fast vollständig gelähmt war und sich nicht verständlich machen konnte. Doch seither ist viel passiert. Dass er heute Teilzeit als Gutachter für die Axa-Winterthur-Versicherung arbeitet und in seiner Praxis wieder Patienten betreut, grenzt geradezu an ein medizinisches Wunder.

Für Patientenanwälte und den Schleudertrauma-Verband ist Vital Hauser ein rotes Tuch. Denn er legt Schleudertraumen sehr restriktiv aus, weshalb seine Gutachten umstritten sind. Unter Neurologen gilt Hauser hingegen bis heute als kompetent.

Herr Hauser, Sie werden für Ihre Gutachten häufig kritisiert. Was sind für Sie die Kriterien, um ein Schleudertrauma zu diagnostizieren?

Für mich ist die Krankengeschichte wichtig. Wenn ein Patient drei Tage nach dem Unfall den Hals gut bewegen kann, drei Monate später aber praktisch nicht mehr, dann kann man das nicht mit dem Unfall erklären. Das Problem ist, dass ein Anwalt den Patienten erst längere Zeit nach einem Unfall sieht und den Zustand mit der Situation davor vergleicht. Doch so wird die Entwicklung der Beschwerden ausgeblendet. Dies sollte man stärker gewichten. Normal sind Beschwerden, die langsam abnehmen. Bei den meisten Fällen, die wir als Gutachter beurteilen müssen, sind aber die Beschwerden am Anfang gering und nehmen dann zu. Das Bundesgericht will offensichtlich die Praxis abstellen, dass man das Leiden in solchen Fällen kausal mit dem Unfall verbindet. Dafür habe ich Verständnis – wenn auch nicht uneingeschränkt.

Inwiefern?

Ich sehe im Urteil die Gefahr, dass man jetzt sagt: Das Schleudertrauma gibt es gar nicht. Das ist falsch. Selbst in Ländern wie Frankreich, wo Schleudertrauma-Renten viel restriktiver gesprochen werden, gibt es solche Fälle.

Wieso nehmen nach einem Unfall Beschwerden zu?

Das eine ist, dass viele Leute ab circa 50 bereits degenerative Veränderungen im Nackenbereich haben, die irgendwann zu Symptomen führen. Zudem ist es ja nicht so, dass Nackenschmerzen etwas völlig Ungewöhnliches wären. Zwei Drittel der Bevölkerung haben im Leben einmal eine längere Zeit Nackenschmerzen. Viele Betroffene schreiben ihre Beschwerden dann einem zurückliegenden Unfall zu, oft, ohne dass dieser etwas damit zu tun hätte. Durch diese Zuschreibung fallen sie in eine Opferrolle, wodurch die Beschwerden immer stärker werden und chronifizieren. Eine psychogene Komponente ist da sicher dabei.

Aber Ihr eigener Fall ist dochein Beispiel dafür, dass sich Beschwerden auch nach Monaten massiv verschlimmern können.

Meiner Ansicht nach gibt es drei Krankheitsbilder, die nach einem Schleudertrauma auftreten können. Das erste ist ein posttraumatischer Kopfschmerz, der erst später nach dem Unfall auftritt. Dies betrifft aber in erster Linie den Schädel und nicht die Halswirbelsäule. Zum zweiten Krankheitsbild gehören neuropsychologische Ausfälle. Da streitet man sich unter Fachleuten, wie stark die sein können und ob sie überhaupt existieren. Es gibt Betroffene, die nach dem Unfall wieder arbeiten gehen, bis dann nach Monaten jemand sagt: Du bist ganz anders als früher. Hier stellt sich im Einzelfall die Frage, ob der Unfall die Ursache ist oder nicht. Der dritte Fall ist das, was mir passiert ist: ein Riss auf der Innenseite in einer der vier Halsarterien, bei dem es verzögert zu einem Hirninfarkt kommen kann.

Das hat man bislang nicht beachtet.

Genau. Ich bin weltweit der erste Fall, bei dem juristisch ein Zusammenhang mit einem Schleudertrauma mit Symptomen mit einer Latenzzeit von mehr als drei Wochen anerkannt wurde. Aber auch Fachkollegen beachten dies zu wenig. In den Definitionskriterien des Schleudertraumas der Schweizer Neurologen sind Verletzungen an Bändern, Muskeln und Knochen erwähnt. Gefässverletzungen fehlen jedoch. Es besteht schlicht kein Bewusstsein dafür. Dabei trifft es in der Schweiz jedes Jahr wahrscheinlich einige Dutzend Patienten.

Sie leiden selber unter den Folgen eines Schleudertraumas. Hat das Ihre Sicht auf das Thema verändert?

Für mich persönlich ist mein Fall abgeschlossen. Auf der anderen Seite habe ich jetzt ein paar Patienten mit einem Arterienriss, wie ich ihn hatte. Zum Beispiel eine junge Frau mit zwei Kindern im Alter von acht und zehn Jahren, die jetzt im Rollstuhl ist und kein Geld mehr hat, weil die ausländische Haftpflichtversicherung bei der herrschenden Unwissenheit die Leistungen verweigert. Versicherungen werfen dafür in anderen Fällen, wo aus meiner Sicht ein Schleudertrauma nicht gegeben ist, Geld zum Fenster hinaus. Das finde ich problematisch.

Warum haben Sie Schleudertrauma als Ihr Fachgebiet gewählt?

Als Arzt sah ich immer öfter, wie die Diagnose Schleudertrauma ein Sammelbecken wurde, in das alle unspezifischen Beschwerden reingeworfen wurden. Dies, anstatt genauer hinzuschauen und zu behandeln. Das ist schlechte Medizin. Zum Beispiel sah ich eine Patientin, bei der behauptet wurde, dass ihr wegen eines Unfalls die Finger immer einschliefen. Dabei war es eine lokale Nervenschädigung am Handgelenk. Sie ist einfach schlecht diagnostiziert worden.

Könnte es nicht sein, dass Beschwerden über einen Mechanismus entstehen, den man vielleicht erst in zehn Jahren entdeckt?

Das stimmt, das könnte später passieren. Für den Moment müssen wir aber die Unterschiede zwischen der Schweiz und beispielsweise Frankreich oder Deutschland erklären. Wenn Sie sehen, dass wir elfmal mehr chronifizierte Schleudertrauma-Fälle als Frankreich haben, dann stimmt etwas nicht. Das kann man nicht medizinisch erklären, sondern nur mit dem Rechtssystem.

Beim Thema Schleudertrauma will sich kaum ein Neurologe öffentlich äussern. Sie sind da eine grosse Ausnahme. Woran liegt das?

Es ist ein Wespennest. Sie wissen, dass sie nur Ärger bekommen, wenn sie sich exponieren. Nach diesem Interview werden sich viele Anwälte melden und sagen, das geht doch nicht, der Hauser ist parteiisch. In der Schweiz gibt es 280 Anwälte, die zumindest teilweise von Schleudertrauma-Fällen leben und die ein Interesse haben, dass die Rechtsprechung bleibt, wie sie ist.

Sie gelten auch als befangen, weil Sie für eine Versicherung als selbstständiger Gutachter tätig sind.

Ich bin autonom in meiner Entscheidung und erlebe keinen Druck durch die Versicherung. Das wäre auch chancenlos. Wenn die Anwälte nicht mehr wissen, was sie sachlich einwenden können, greifen sie mich persönlich an und sagen, der schreibt, was die Versicherung will. Wenn ich in einem anderen Fall aber in ihrem Sinn begutachte, dann sagt keiner etwas.

«Einer zahlt immer», Analyse Seite 13

Vital Hauser.

«Die Diagnose Schleudertrauma wurde zum Sammelbecken für alle unspezifischen Beschwerden», sagt Neurologe Vital Hauser. Foto: Getty Images

Erstellt: 16.09.2010, 22:17 Uhr

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