Ex-WWF-Chef unterrichtet Erstklässler

Wenn Roland Wiederkehr im Schulhaus Bonstetten singt, tanzt und Bienenhotels bastelt, wissen seine Erstklässler nicht, wer vor ihnen steht. Eine schillernde Figur hat wieder mal eine neue Berufung.

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Von Ruedi Baumann

Bonstetten – Braun gebrannt, schlank, Designerjeans, gute Singstimme und ein Strahlen im markanten Gesicht. Und dann tanzt dieser Herr Wiederkehr auch noch elegant und hat Sprüche drauf wie «Hey, das läuft ja schon super.» Dabei ist dieser Junglehrer ein alter Knacker, der ausgebrannt und längst pensioniert sein müsste. Wie kommt der 67-jährige Mann mit der reichhaltigen Biografie als Lehrer ins Schulhaus Bonstetten?

Die kleine Lea gibt unbewusst die Antwort, als sie eine Sonnenblume betrachten will. «Frau – äh – Herr Wiederkehr, wo ist die Lupe?» Primarschüler sind sich gewohnt, eine Lehrerin vor sich zu haben, und sprechen einen Lehrer ganz automatisch mit «Frau» an. Das ist ein Grund – neben ganz vielen anderen –, warum Roland Wiederkehr für sieben Wochen als Vikar einspringt. Für 79 Franken brutto pro Stunde. Wiederkehr hat ein Lehrerpatent und vor über 40 Jahren auch unterrichtet: als Reallehrer in Bülach und als Primarlehrer in Uitikon-Waldegg.

Ein Lehrer mit vielen Missionen

Der Herr Wiederkehr ist ein begeisternder Lehrer, von dem die Schüler am Mittagstisch schwärmen. Er ist ein guter Lehrer, weil die Kinder im Unterricht leuchten und staunen. Er ist ein sanfter Lehrer, dem die Kinder beim Spazieren die Hand geben und der nicht schimpft, wenn es eines vor lauter Begeisterung vom Stuhl reisst. Vor allem aber ist er ein Lehrer mit einer Mission, einem Sendungsbewusstsein. Schon bei den Erstklässlern stehen die Zusammenhänge des Lebens und des ganzen Mikrokosmos im Vordergrund.

Er lässt die Kinder die Schwingungen einer Glocke spüren und demonstriert ihnen die Wasserwellen in einer Klangschale. Er zeigt ihnen mikroskopische Aufnahmen von Tönen im Wasser, die an Sonnenblumen erinnern. Die Kinder dürfen Sonnenblumen mit der Lupe betrachten und die Kerne essen. Er selber beschäftigt sich mit Quantenphysik und will die Landwirtschaft vom Gift-Spritzen befreien.

Wenn Vater Bär Liebe macht

Als die Kinder mit der Ahle einen Bären aus Karton ausstechen müssen, sagt er: «Ihr dürft schon schwatzen, aber nur, wenn ihr trotzdem exakt arbeitet.» Selbstverantwortung schon für Erstklässler. Als Naturschützer lässt er es nicht bei erfundenen Bärengeschichten aus dem Kinderbuch bewenden. Er zeigt den Kindern einen wissenschaftlichen Dokufilm über Bären und kommentiert ungeniert, wie es zu jungen Bärchen kommt: «Wenn der Vater Bär mit der Mutter Bär Liebe macht.»

Von den vielen Missionen, die Wiederkehr hat, merken die Schüler nichts. Mit Ausnahme seiner Begeisterung für die Natur. Sie kennen ja auch seine Biografie nicht: 1968 wurde er vom Uitikoner Primarlehrer zum Geschäftsführer des WWF wegbefördert, den er vom Ein-mannbetrieb zur Organisation mit 100?Angestellten entwickelte. Er war 16?Jahre LdU-Nationalrat, gründete 1989 die Vereinigung für Familien der Strassenopfer (später Road Cross). Er war Mit-Initiator des Verkehrs-Clubs der Schweiz, gründete mit Michail Gorbatschow Green Cross und engagiert sich heute bei Care Cross für die sogenannte «Zelltherapie» des deutschen Arztes Heinrich Kremer. «Eine Therapie gegen Krebs, die bezahlbar ist», sagt Wiederkehr.

Schulen sind nicht für Buben

Die neuste Mission von Roland Wiederkehr ist der Aufbau des aus den USA stammenden Netzwerkes «Boys to Men». Die Idee: Erwachsene, «gestandene» Männer begleiten männliche Jugendliche auf dem schwierigen Weg zum Erwachsenwerden. «Die heutigen Schulen sind zu wenig bubengerecht», sagt Wiederkehr. Im Lehrerzimmer der Primarschule hats ausser Wiederkehr und einem 50-Prozent-Lehrer nur Frauen. «Buben brauchen eine männliche Begleitung», sagt Wiederkehr. Sie wollen sich in der Pubertät mit Männern reiben und austoben. «Wenn die Rituale junger Männer in Alkohoholmissbrauch, Gewalt oder Raserei ausarten, ist es meist zu spät», weiss Wiederkehr.

Als Lehrer geht Wiederkehr mit den Schülern – trotz verbreiteter Angst vor Zecken – in den Wald, sammelt Pilze und kocht zusammen mit den Lehrerinnen und der Klasse einen Pilzrisotto.

Die Erfahrungen seiner Vikariats will Wiederkehr am Schluss mit Bildungsdirektorin Regine Aeppli diskutieren, die er aus gemeinsamen Zeiten im Nationalrat kennt. Seine Bilanz: «Ich habe hier tolle Kolleginnen, die einen bewundernswerten Job machen, aber dringend Entlastung brauchen.»

Roland Wiederkehr vor neuem Publikum: Den Erstklässlern des Schulhauses Schachenmatten in Bonstetten. Foto: Reto Oeschger

Erstellt: 07.09.2010, 23:20 Uhr

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