Funkige Verehrung für den Sound der Achtzigerjahre Barocke Musik zu den fünf Elementen Vitus war einmal – jetzt kommt Teo Gheorghiu Brandon Flowers lieferte musikalische Kraftakte

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Kurz & kritisch

CD

Man kann ja nicht so tun, als wäre man zu völlig objektivem Hören in der Lage. So sollten wir gleich vorwegschicken, dass uns aufgrund persönlicher Überempfindlichkeiten an diesem dritten Album des Detroiter Produzenten Matthew Dear einige kleine sprachliche Gimmicks beinahe abstossen.

Dear ist für seine Minimalnummern unter den Pseudonymen Audion und False fast bekannter als mit dem technoiden Synthie-Pop unter seinem wirklichen Namen. Interessant wirken hier allerdings die Achtziger-Retro-Referenzen. Was er, unter stärkerem Blubbern und Brodeln, auf dem Vorgänger «Asa Breed» von 2007 schon andeutete, festigt sich hier zu einer recht vordergründigen Verehrung für die Sounds, die David Byrne mit den Talking Heads und mit Brian Eno zu Beginn der Achtziger herstellte. Auf diese speziell funkige Weise, mit sämig gedehnten Mehrstimmigkeiten, sirenenartigen oder schnarrenden Sounds und klickend-klackernder Percussion, hat uns das Murmeltier in unserer 80er-Schlaufe noch nicht gegrüsst. Dazu singt Matthew Dear in einem knödlig-theatralischen Ton, wie ihn einst David Bowie pflegte, was zu einer durchaus bedenkenswerten nächtlichen Glitschigkeit und düsteren Neonschwüle führt.

So geht es etwa im besten Track, dem tackernden, freilich bedauerlich benannten Elektrostück «I Put a Smell On You» um schwarz glänzende, schnelle Autos und knappe Nachthemden. So als befände man sich in einer Fantasie David Lynchs. Was aber selbst diesem Titel ein bisschen fehlt, ist die dramaturgische Griffigkeit, die ihn über sein Grunddesign hinaus spannend hielte. Vielleicht liegt es daran, dass Matthew Dear als Techno-Produzent insgeheim doch mehr auf Texturen und Details steht als auf objektiv tüchtige Songs.

Markus Schneider

Matthew Dear: Black City (Alive).

Konzert I

Zürich, St. Peter – Andrew Lawrence-King ist ein hervorragender Barockharfenist und ein ebensolcher Programmgestalter. Was er mit seinem Harp Consort beim Festival Alte Musik zum Thema «Elemente» ankündigte, weckte entsprechende Vorfreude: Den roten Faden durch den Abend lieferte die Ballettmusik «Les Elémens» von Jean-Féry Rebel (1666–1747). Dazu gab es Pyromanisches, Nautisches, Geistliches, Lautmalerisches und historische Choreografien – also sehr vieles, was sich aus barocker Sicht über die Schöpfung, über Feuer-Erde-Wasser-Luft und das fünfte Element, die Liebe, zusammentragen lässt.

Die Vorfreude schlug im Konzert allerdings nicht sofort in Freude um. Der luftige Sopran von Mercedes Hernández geriet in den tieferen Registern in Schwierigkeiten, den Violinpart hätte man sich feuriger gewünscht, und die Traversflöte hatte intonationsmässig mit der Erdanziehungskraft zu kämpfen. So waren die schönsten Stücke jene, in denen Lawrence-King solo vorführte, was an zarten, schillernden und kräftigen Farben in der Barockharfe steckt.

Nach der Pause kam die Aufführung dann aber in einen anderen, mitreissenden Fluss. Bei Rebels «Les Caractères de la Danse» hätte man gerne mitgetanzt, und selten wird im Konzert so sehr gelacht wie bei Turlough O’Carolans Seemannslied «The Arethusa». Ein Mini-Musiktheater wurde da aufgeführt, in dem sich der Gitarrist und Tänzer Steven Player auch noch als Sprechsänger (im fulminanten Wechsel mit Lawrence-King) und Ein-Mann-Schauspieler-Crew profilierte. Wie er als Engländer den Finger ausstreckte und sich im nächsten Sekundenbruchteil als Franzose ans Auge fasste, in perfektem Einklang mit der Musik selbstverständlich: Das allein war den Besuch des Konzerts wert.

Susanne Kübler

Ausstrahlung auf DRS 2: 15.?11., 22.35 Uhr.

Konzert II

Zürich, Tonhalle – «Ich bin jetzt Teo, nicht mehr Vitus.» Selbstbewusst formuliert Teo Gheorghiu, dass er seine Laufbahn nun nicht mehr vom Kinoerfolg seiner Rolle als Wunderkind in Fredi Murers «Vitus» angetrieben sehen wolle. Es ist nun Zeit, ihn als erwachsenen Pianisten wahrzunehmen – einen mit grossen Zielen. Wie hoch diese gesteckt sind, verriet er an seinem ersten Rezital in der Tonhalle mit Details wie der Wahl der letzten Zugabe, Schumanns versunken-rätselhafter «Träumerei» nämlich. Schon Horowitz, Arrau und weitere Grössen haben oft diese Wahl getroffen – und genau sie sind Teil der Tradition, in die sich Gheorghiu einreihen will: diejenige der grossen Klavierabende.

Nur adäquat ist es daher, ihn ungeachtet seines Jahrgangs 1992 auch dem Vergleich mit dieser Tradition auszusetzen. Und dieser fällt mehr als achtbar aus: Was Gheorghiu in der berstend vollen Tonhalle bot, war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Da ist ein junger Pianist auf bestem Weg, sich mit rein musikalischen Mitteln an die Spitze zu spielen. Glasklar, kompakt und vor allem hochexpressiv stellte er Bachs Englische Suite g-Moll vor, durchaus in der Tradition etwa eines Edwin Fischer. Gegenüber den formalen Friktionen und dramaturgisch scharfen Schnitten in Mozarts Fantasie c-Moll zeigte er sich dann als Brückenbauer – ganz allgemein scheint Gheorghiu ein gepflegter, ausgeglichener Klavierklang am Herzen zu liegen. Er scheut selbst akrobatische Fingersätze nicht, wenn dadurch ein Phrase noch ein bisschen runder wird. Mit Chopins zweiter Klaviersonate wurde definitiv klar: Von Gheorghiu wird noch einiges zu hören sein. Etwas mehr Interesse für zeitliche Prozesse und formale Verläufe, etwas mehr Eigensinn und Unkonformes mag bis dahin in seine Interpretationen finden – leisten könnte er sich jedenfalls vieles. Und man traut ihm zu, dass er dabei seine Uneitelkeit bewahrt.

Tobias Rothfahl

Konzert III

Zürich, Kaufleuten – Dieser Mann ist grössere Hallen gewohnt. Das sieht man am imposanten Fuhrpark, den Brandon Flowers in der Nüschelerstrasse parkiert hat; und am luxuriösen Bühnendekor mit Boudoir-Ambiente; und an der überdimensionierten Lightshow, die der US-Amerikaner am Sonntagabend im Kaufleuten-Saal ausrollt. Das hört man leider auch am aufbrausenden Spiel seiner mehrköpfigen Begleitband, die ohne jegliche Nuancen durch das einstündige Konzert pflügt.

Der Gedanke, den Frontmann der Stadionfüller The Killers im intimen Rahmen des Kaufleuten zu erleben, hat Flowers dann auch einen ausverkauften Zuschauerraum beschert, der die Songs aus seinem erstem Soloalbum «Flamingo» überraschend wie Klassiker begrüsst. Diese knüpfen nicht zuletzt wegen Brandon Flowers’ stählerner Stimme am bewährten Sound der Killers an, haben aber ein leicht verändertes Kolorit.

Auf «Flamingo» versucht Flowers nicht nur, jugendlichen Existenzialismus zu portieren, er will auch Geschichten vom Rand des Highway erzählen. Zu diesem Zweck hat er seine mit Wave-Elementen angereicherten Rocksongs auch ein bisschen Country mit auf den Weg gegeben, vollzieht dieses Manöver aber mit wenig Geschick. In den knappen Arrangements ist zu wenig Platz, um die Figuren atmen und die Emotionen greifen zu lassen, auch spielt die Band ohne erkennbare Sympathie für die Songtexte ihres Arbeitgebers.

Überhaupt scheint es Flowers mehr darum zu gehen, das Publikum zu überrumpeln als es zu berühren. Zu lange ist er wohl in den grossen Stadien aufgetreten, wo die Kommunikation eine Illusion ist, als dass er selber daran glauben könnte. Schade, dass er die musikalischen Kraftakte nicht hinter sich lassen kann und den Schritt zurück in die Intimität des kleinen Rahmens schafft.

Nick Joyce

Erstellt: 04.10.2010, 20:45 Uhr

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