Das Leben der anderen

Die Nationalräte Ruedi Noser (FDP, ZH) und Antonio Hodgers (Grüne, GE) haben für ein Jahr die Seite des Röstigrabens gewechselt. Beide haben bisher durchzogene Erfahrungen gemacht.

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«Bist du verrückt? Was hast du dort zu suchen?» Solche Kommentare bekam Nationalrat Antonio Hodgers von Genfer Freunden zu hören, als er ankündigte, er ziehe für ein Jahr von Genf nach Bern um. «Diese Reaktion ist typisch genferisch. Ich dachte bis vor drei Jahren genauso», sagt der 34-jährige Grüne. Früher interessierte ihn ausserhalb Genfs nur das Geschehen in Europa und der Welt. Was in der übrigen Schweiz lief, kümmerte den Jungpolitiker nicht. Diese Optik hat Hodgers geändert, seit er bei den Nationalratswahlen 2007 einen zweiten Sitz für die Genfer Grünen eroberte. Anfang Februar zog er mit seiner Freundin von der Peripherie ins «Herz der Schweiz»: vom Genfer Uni-Viertel ins Berner Länggasse-Quartier. «Ich will die Mentalität und die Kultur der Deutschschweizer bessern kennen lernen», begründet Hodgers das einjährige Experiment.

Noser hat Heimweh

Im Fall des Zürcher FDP-Nationalrats Ruedi Noser dauert das Experiment in umgekehrter Richtung bereits neun Monate. Der Unternehmer aus Wetzikon lebt seit Juli 2009 mit seiner Ehefrau und den vier Kindern in Versoix bei Genf. Ursprünglich wollte Noser in Frankreich mit einem Sprachkurs nachholen, was er wegen einer schweren Legasthenie in der Schulzeit verpasst hatte: Französisch lernen. Ehefrau Kathrin Noser schlug stattdessen ein «Welschlandjahr» für die ganze Familie vor. Den Kindern im Alter zwischen 6 und 11 Jahren gefalle es gut in Versoix, sagt Ruedi Noser. Er schwärmt vom wunderschönen Haus am Ufer des Genfersees. Aber er fühlt sich in Versoix nicht daheim. Der Zürcher Oberländer mit Glarner Wurzeln gesteht: «Ich habe Heimweh.» Hat er in Zürich geschäftlich zu tun, nächtigt er deswegen im Hotel und nicht mehr im eigenen, leeren Haus in Wetzikon.

Noser musste sich damit abfinden, dass die anderen Familienmitglieder grössere Fortschritte in Französisch machen als er. «Bei mir tönt es wie die Baustellensprache der Muratori.» Immerhin verschaffte sich der Freisinnige mit dem Wohnortwechsel über die Sprachgrenze Respekt im Bundeshaus. «Die Romands zählen mich nun zu ihrem Kreis. Ich werde zu den Sitzungen der lateinischen Vertretung eingeladen.» Die neun Monate veränderten Nosers Sicht auf die Westschweiz. Ganz Unternehmer, der Erfolgsstrategien entwickelt, sagt der 48-Jährige: «Um die Schweiz weiterzubringen, müssen das internationale Genf und das internationale Zürich zusammen- und nicht gegeneinander arbeiten. Die beiden Zentren dürften sich durch ihr ländliches Umfeld nicht bremsen lassen.»

Hodgers mischt sich ein

Hodgers ist ebenfalls Unternehmer. Aber seine Kleinstfirma Mobilidée ist nicht zu vergleichen mit der Noser Group, die 500 Mitarbeitende beschäftigt. In seiner «Vision für die Schweiz des 21. Jahrhunderts» setzt der Genfer andere Akzente als der Zürcher. «Der Sonderfall ist vorbei. Heute muss die Schweiz ihren Platz in der Welt finden», sagt der Grüne. «Wir Parlamentarier sollten in Bern nicht mehr die Interessen der eigenen Region, sondern die des ganzen Landes vertreten.»

Hodgers lernt in Bern Hochdeutsch und Berndeutsch. Das ermögliche ihm, als Romand in der Deutschschweiz Debatten auszulösen und sich einzumischen. Der erste Stein, den er ins Wasser warf, schlug hohe Wellen. In der «NZZ am Sonntag» stellte der Genfer die Ausbreitung der Mundart in Medien, Schulen und Politik der Deutschschweiz als «echtes Problem für den nationalen Zusammenhalt» dar. Er regte unter anderem an, Deutschschweizer sollten künftig nur noch in der Familie, in der Kindheit und in gewissen Kulturtreffpunkten Mundart sprechen. Der in Zürich lehrende Staatsrechtler Andreas Auer tat Hodgers Ansichten umgehend als «Mischung von Ignoranz, Arroganz und Despotismus» ab. Der Bündner Auer war an der Universität Genf Professor, bevor er nach Zürich wechselte.

Im Bundeshaus fühlt sich Hodgers als Angehöriger einer Minderheit durchaus respektiert. In Kommissionssitzungen erlebt er hingegen, «dass mich die Hälfte der Mitglieder nicht versteht, wenn ich mich auf Französisch zur Sache äussere». Sobald Debatten leidenschaftlich würden, wechselten Deutschschweizer gern von Hochdeutsch in Mundart. Ruedi Noser kann die Frustration mancher Romands nachvollziehen: «Ihre Vorschläge werden im Bundeshaus nicht wahrgenommen, weil ein Drittel der Räte sie nicht versteht.»

«Romands sind innovativer»

Dabei attestiert der Zürcher den Westschweizer Ratskollegen, sie seien «innovativer und veränderungswilliger» als die Deutschschweizer. Noser stellte dies auch bei sich selber fest, als der Nationalrat kürzlich zwei Vorstösse von Genfern unterstützte, die Kindern von Sans-Papiers eine Betriebslehre ermöglichen wollen. «Einer solchen Forderung hätte ich vor einem Jahr nie zugestimmt. Aber ich liess mich von den Argumenten der Welschen überzeugen», sagt der freisinnige Bildungspolitiker.

Unkritisch gegenüber der Art des Politisierens in der Westschweiz ist er aber nicht geworden. Bevor Noser nach Versoix umzog, hatte er geglaubt, im internationalen Genf sei die Politik weniger «kleinkrämerisch» als in seinem Heimatkanton Zürich. Das Gegenteil treffe zu, sagt er heute und nennt ein Beispiel: «Die Libyen-Affäre ist ein Genfer Ei und einer internationalen Stadt nicht würdig. Zürich hätte da anders gehandelt.»

Ruedi Noser wie Antonio Hodgers sind ehrgeizige Politiker: Ist ihr Experiment Bestandteil einer sorgfältig geplanten nationalen Karriere, die im Bundesrat enden könnte? Der Zürcher Freisinnige verhehlt nicht, dass dies eines von mehreren Motiven war. Als «Macher» kann er sich seine Zukunft «in der Welt der Politik» ebenso gut vorstellen wie im Unternehmertum, nachdem er sich auf das Verwaltungsratspräsidium seiner vor 25 Jahren gegründeten Softwarefirma zurückgezogen hat. Der Grüne Hodgers antwortet lachend: «Ich plane meine politische Karriere nicht auf länger als zwei Jahre hinaus. Ich will einfach mein Mandat als Nationalrat voll ausleben.» Ruedi Noser lebt in Versoix GE. Foto: Nicolas Righetti (rezo.ch) Antonio Hodgers lebt in Bern. Foto: Béatrice Devènes (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2010, 02:00 Uhr

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