Der Schlüssel zur Aufklärung liegt im Islam

Das maurische Spanien hat wichtige Impulse zur Entwicklung des westlichen, rationalen Denkens gegeben. Der aus Córdoba stammende Philosoph Ibn-Rushd leistete Vorarbeit für Immanuel Kant.

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Wer dieser Tage dem helvetischen Novembernebel entfliehen kann und glücklich genug ist, ins südspanische Córdoba zu reisen, den führen die Schritte unweigerlich zu einem der geheimnisvollsten Bauwerke dieser bezaubernden Stadt: zur Mezquita von Córdoba. Mezquita ist die spanische Form des arabischen Worts Masdschid und entspricht dem deutschen Wort Moschee. Die Mezquita von Córdoba ist die grösste Moschee auf europäischem Boden und ein anerkanntes Weltkulturerbe. Niemand, der einmal in ihrem Innenraum gewesen ist, kann sich dem dort herrschenden stillen Zauber entziehen. Aberhunderte von maurischen Hufeisenbögen finden sich da und mittendrin - ein gotisches Kirchenschiff mit einem christlichen Hochaltar. Auf dem Dach der grossen Moschee von Córdoba sieht der Besucher ein zum Glockenturm umgebautes Minarett. Wo sind wir? Im Islam? Im Christentum? An einem friedlichen Ort jenseits von religiösen Streitigkeiten und kulturellen Fehden?

Eine tolerante Leitkultur

Im Jahr 784 ist mit dem Bau der grossen Moschee in Córdoba begonnen worden. 1532 ist das gotische Kirchenschiff eingebaut worden. Von 711 bis 1492 - bis zur «Reconquista», der christlichen «Wiedereroberung» - herrschte im maurischen Spanien der Islam. Doch wer das Wort «Herrschaft» gebraucht, würde die Ereignisse verfälschen. Das maurische Spanien war zu keiner Zeit ein ethnisch oder religiös homogenes Gebilde, sondern es war geprägt von einem friedlichen Nebeneinander der islamischen «Leitkultur» und der tolerierten Juden und Christen. Fast 800 Jahre lang haben Menschen mit verschiedenen Religionen, Kulturen und ethnischen Zugehörigkeiten in einer erstaunlich friedlichen Gemeinschaft zusammengelebt. Man hat in verschiedenen Sprachen zu einem Gott gebetet, der unterschiedliche Ausprägungen hatte, und die grossen Leistungen der arabischen Hochkultur assimiliert. Das maurische Spanien hat zu einer kulturellen und intellektuellen Blüte gefunden, die einzigartig ist in der Menschheitsgeschichte. Ihre Leistungen vor allem in der Architektur, Astronomie, Mathematik und Medizin, in Literatur und nachgerade in der Philosophie sind noch heute gültig und bewundernswert.

Die Juden beispielsweise haben über das Arabische - eine semitische Schwestersprache - zur Neubelebung des eigenen Hebräisch gefunden. In der Mathematik erlaubten die arabischen Zahlen neue Rechenoperationen, die bis dahin nicht möglich waren. Das arabische Wort «sifr» - die sprachliche Grundlage unseres deutschen Wortes «Ziffer» - bedeutet null, Leere, Nichts. Die «Null» aber ist nicht nichts, sondern sie bedeutet eine rechnerische Grösse, die das römische Zahlensystem nicht kannte. Die Entwicklung der Mathematik wäre ohne die arabischen Ziffern und insbesondere die geniale Einführung der Null nicht möglich gewesen.

Es ist ein apartes Gedankenspiel, sich vorzustellen, wie Gottfried Wilhelm Leibniz, der christliche deutsche Philosoph und Mathematiker, im 17. Jahrhundert die bahnbrechende Infinitesimalrechnung ohne die Null hätte erfinden können. Noch mehr: Auch die Entwicklung unseres sogenannt westlichen, rationalen Denkens bis hin zur Aufklärung mit ihren Werten von Toleranz, Gewaltfreiheit, Dialog, Selber-denken, Kritik und Selbstkritik wäre ohne die Hochleistungen der maurischen Kultur so nicht möglich gewesen.

Wenn wir heute von «unserer» Aufklärung sprechen und ihre Leistungen zu Recht hochhalten, dann dürfen wir nicht vergessen, dass die europäische Aufklärung, wie sie im späten 17. Jahrhundert eingesetzt und im grossen Königsberger Aufklärer Immanuel Kant einen Höhepunkt gefunden hat, auf Vorleistungen anderer Denker beruht.

Aristoteles, Ibn-Rushd, Kant

Oder konkreter: Wer kennt den arabischen Philosophen Ibn-Rushd, auch bekannt unter dem lateinischen Namen Averroes? Wer im Namensregister der grossen Kant-Ausgabe nachschaut, wird ihn nirgendwo finden. Und doch ist dieser Philosoph und Arzt, der 1126 in Córdoba geboren wurde, eine der wichtigsten Schaltfiguren «unseres» modernen, westlichen, säkularen Denkens. Denn die maurische Kultur war ein grosses Miteinander und kein Gegeneinander, und Ibn-Rushd, der sowohl Arabisch als auch Griechisch und Latein beherrschte, hat mit seinem Aristoteles-Kommentar die Grundlage gelegt für die Wiederbelebung der damals in Europa komplett vergessenen griechischen Philosophie und ihrer hoch entwickelten Rationalität. Von 1169 bis 1195 hat Averroes - oder Abu’l-Walid Muhammad Ibn-Ahmad Ibn-Rushd, wie sein arabischer Name vollständig lautet - an seinem Aristoteles-Kommentar gearbeitet.

Eine der wichtigsten Kulturleistungen der arabischen Aufklärer, zu denen auch al-Gazzali, Ibn Sînâ, Ibn Gabirol, Ibn Baddscha und andere gehören, war die Wiederbelebung der antiken griechischen Rationalität mit ihrer Kultur des Fragens und des Erkennens. Und man kann nicht genug darauf hinweisen, dass Ibn-Rushd für das christliche Abendland so etwas wie ein zweiter, wiedergefundener Aristoteles war; in der einsetzenden neuzeitlichen Logik immerhin die oberste Autorität in allen philosophischen Fragen.

Was heisst das für unsere heutige Kultur? Auch die arabischen Denker haben in einer religiös geprägten Welt gelebt. Auch sie haben sich mit den Widersprüchen zwischen Vernunft, Selberdenken und den Dogmen des Islams beziehungsweise der Offenbarungsreligion auseinandersetzen müssen. Sollen wir selber denken oder gibt uns ein religiöses Dogma vor, wie wir zu leben haben? Und wenn wir selber zu denken versuchen: Woran halten wir uns? Was sind unsere Werte? Wie entscheiden wir, was vernünftig ist, wenn wir nicht mehr blind den Vorschriften eines heiligen Buchs folgen wollen? Gibt es eine Vernunft, die sich in allen Menschen gleich äussert und deren Regeln für alle Menschen einsehbar sind?

Der grosse Aufbruch der neuzeitlichen Wissenschaft gerade im christlichen Europa wäre ohne den Rückgriff auf die hoch entwickelte griechische und arabische Optik, ihre Medizin, Philosophie und Physik nicht denkbar gewesen. Man muss sich vorstellen, dass ein mittelalterlicher Leser den Aristoteles in der Regel zusammen mit den übersetzten arabischen Kommentaren gelesen hat (was im 13. Jahrhundert zu den ersten Aristoteles-Verboten durch die katholische Kirche geführt hat). Weshalb aber war und ist die griechische Philosophie so unendlich wichtig für jede Form der Aufklärung? Ganz einfach: Im antiken Griechenland herrschte ein fröhlicher Pantheismus und keine dogmatische Offenbarungsreligion. Kein Priester redete den freien Denkern drein.

Kein Unfehlbarkeitsdogma

Das hiess und heisst aber nicht, dass Religionen als solche abzulehnen sind. Für Ibn-Rushd war das religionsübergreifende Gespräch etwas vom philosophisch Interessantesten. Da darf keiner ex cathedra sprechen. Keiner hat von vornherein recht. Der Umgangston ist respektvoll, die Argumente des anderen sind zu prüfen, die gemeinsamen Werte hochzuhalten. Ansonsten kann jeder in seinem privaten Bereich den oder die Götter verehren, nach denen einem Menschen der Sinn steht. Ein «Unfehlbarkeitsdogma» gibt es im freien Denken nicht. Denn jede Religion wird von Menschen ausgelegt. Und diese können irren.

Wie gesagt: Es findet sich bei Immanuel Kant nirgendwo ein expliziter Hinweis auf Ibn-Rushd oder einen anderen arabischen Aufklärer. Aber auf Aristoteles. Und wenn es in Kants berühmter Aufklärungsschrift von 1784 heisst: «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!», dann gilt das für jede Zeit, in der Menschen leben; in der griechischen Antike wie in der Blütezeit der maurischen Kultur und auch in unserer Gegenwart. Auch wir müssen immer wieder lernen, selber und differenziert zu denken. Das ist allerdings unbequem. Lieb gewordene Feindbilder könnten ins Wanken geraten.

Dass heute in der Schweiz jene Kreise, die sich noch bis in die 1970er-Jahre gegen die politischen Rechte der Schweizer Frauen stellten, an vorderster Front sind, wenn es um den Machismo anderer Kulturen und im Speziellen um die Unterdrückung der muslimischen Frauen geht, kann auch ein Lehrstück sein. Manchmal braucht es einen Ansporn von aussen, um den Balken im eigenen Auge zu sehen. Jedenfalls: Wenn die Mezquita von Córdoba in Eglisau oder in Flaach stehen würde, gehörte sie heute - zu Recht - genauso zum Weltkulturerbe. Die Mezquita von Córdoba: Hunderte maurische Hufeisenbögen und mittendrin ein gotisches Kirchenschiff. Foto: Paul Almasy (Corbis) Ibn-Rushd (1126-1198) suchte Erkenntnis durch Logik. Foto: Sheila Terry (SPL/Key) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2009, 02:00 Uhr

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