Hightech-Firma – oder Stinkfabrik

Die Dübendorfer haben ein gespaltenes Verhältnis zur Aromaherstellerin Givaudan. Die Regierung freut sich über Arbeitsplätze und Steuergelder. Doch vielen Anwohnern stinkt der Betrieb gewaltig. Von Thomas Bacher

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«Aha, heute haben wir wieder Westwind», sagt ein Dübendorfer, wenn es «nach Givaudan riecht». Die einen nehmen die Gerüche der Aromaherstellerin mit einem Schulterzucken zur Kenntnis, andere beschweren sich am extra eingerichteten Sorgentelefon, schreiben Leserbriefe oder organisieren eine Protestaktion. Gleichzeitig wird das weltweit tätige, börsenkotierte Unternehmen geschätzt – als Imagegewinn, Arbeitgeber und Steuerzahler. Der Dübendorfer Stadtpräsident Lothar Ziörjen (BDP) freut sich über die Givaudan in Dübendorf und spricht von einem «langjährigen, zuverlässigen Partner». Dübendorf und die Givaudan – das ist ein zwiespältiges Verhältnis. Vor 100 Jahren als Chemische Fabrik Flora AG auf der grünen Wiese gebaut und 1948 von der Givaudan übernommen, steht der Gebäudekomplex heute inmitten von Wohnbauten und Industriebetrieben.

Unzufriedene Bürger gelangen früher oder später ans Awel, das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft. Dort wacht man über die Abluft der Givaudan – wenn auch ohne Paragrafen in der Hinterhand. Denn die Luftreinhalteverordnung kennt in Bezug auf Geruchsbelästigung keine Grenzwerte. Stattdessen arbeitet das Awel mit der sogenannten Geruchsschwelle. Diese ermittelt man, indem Frischluft mittels Olfaktometer immer wieder mit Abluft angereichert wird, bis die am Test beteiligten Probanden den Geruch deutlich wahrnehmen. Hier muss ein bestimmter Faktor eingehalten werden. «Das ist ein Mittelwert und letztlich ein Versuch, etwas Subjektives wie Gerüche zu objektivieren», sagt Beat Gloor von der Abteilung Lufthygiene beim Awel.

Tests immer bestanden

Solche olfaktometrische Messungen finden alle drei Jahre statt. Und die Givaudan habe die verfügten Emissionsgrenzwerte bis anhin immer eingehalten. Was aber nicht bedeute, dass die Abluft aus der Givaudan in der Umgebung nie wahrnehmbar sei, so Hansjörg Sommer, Leiter der Abteilung Lufthygiene beim Awel. «Bei 5000 Rezepturen, die immer wieder ändern, deckt kein Test die Wirklichkeit hundertprozentig ab.» Letztlich sei relevant, was die Anwohner wahrnähmen, und da hätten eben auch die Windrichtung oder das persönliche Geruchsempfinden einen Einfluss.

Laut Gloor spielt im Fall der Dübendorfer Aromaherstellerin stets ein psychologischer Aspekt mit. Weil die Emissionen der Givaudan nicht direkt an Nahrungsmittel erinnern, würden sie von der Bevölkerung als chemisch und damit potenziell gefährlich empfunden. Und Sommer weist darauf hin, dass in unmittelbarer Nähe andere Betriebe auch Gerüche an die Umgebung abgäben. Namen will man seitens des Awel nicht nennen. Doch die Nachbarn wissen, dass Schokoladenhersteller Barry Callebaut und die Firma Minatol ebenfalls nicht geruchsneutral produzieren.

Laut den beiden Lufthygiene-Spezialisten nutzt die Givaudan die besten Abluftreinigungsanlagen, die erhältlich sind. «Klar, kleine Verbesserungen sind immer möglich», sagt Sommer, «aber das ist dann auch eine Frage der Kosten-Nutzen-Rechnung.» Für Gloor zeigen das neue Logistikgebäude, die Filteranlagen und der Umgang mit Reklamationen, dass die Givaudan ihre Verantwortung wahrnehme. Heikel sei die Ausweitung auf den heutigen 24-Stunden-Betrieb, die vor zehn Jahren erfolgte. «Seitdem kann es sein, dass die Anwohner den Gerüchen rund um die Uhr ausgesetzt sind.» Zumal die Emissionen nachts kaum vom Wind verwirbelt würden. Damit Betriebseinschränkungen verfügt werden könnten, müssten laut Gloor aber gesundheitsschädliche Stoffe in die Luft abgegeben werden, «und das ist hier nicht der Fall».

24-Stunden-Betrieb bleibt

Doch der Schritt zurück zu einem Zweischichtbetrieb kommt für die Givaudan ohnehin nicht infrage. «Unsere Kunden verlangen nach schneller Lieferung, was nur im 24-Stunden-Betrieb machbar ist», sagt Fredi Liechti, Investitionsplaner der Aromadivision Europa. Auch wenn die Givaudan hier keine Zugeständnisse macht, will sie eine gute Nachbarin sein, wie der betriebsinterne Umwelt- und Sicherheitsbeauftragte Gerald Jödicke festhält. Diese Absichtserklärung manifestiert sich auf dem Dach des grossen Produktionsgebäudes. Hier gibt es ein unübersichtliches Gewirr riesiger Rohre und Aufbauten, durch welche die Abluft geführt wird. Kostenpunkt: 9 Millionen Franken. Ein Techniker kümmert sich um nichts anderes als diese Anlage.

Bis 1993 passierten die Emissionen im besten Fall einen Wäscher. Danach wurde aufgerüstet. Erst kamen die beiden Biofilter, in denen Mikroorganismen die Geruchsmoleküle abbauen. Doch laut Jödicke sind die bei bestimmten Aromen wie Pfefferminze und einem raschen Wechsel der Rezepturen überfordert. Seit Mitte der Zehnerjahre sind deshalb zwei Anlagen im Einsatz, in denen die Abluft auf 800 Grad erhitzt wird. Der Wirkungsgrad der Anlage sei zwar sehr gut, sagt Liechti. «Doch eine Aromaproduktion gibt es nicht ohne Gerüche, und die lassen sich nicht wie mit einem Lichtschalter an- und abstellen.» Würden 99 Prozent der Emissionen eliminiert, werde immer noch ein Prozent freigesetzt. Und je nach Art und Konzentration der Stoffe rieche man das.

Bevölkerung kann helfen

Laut Liechti und Jödicke gibt es derzeit keine besseren technischen Möglichkeiten. Die Gebäude seien dicht, die 480 Mitarbeiter geschult und für die Problematik sensibilisiert. Wieso es dennoch immer wieder nach Givaudan riecht, ist aber auch der Givaudan nicht immer klar. Deshalb, so Jödicke, sei er froh um Hinweise aus der Bevölkerung – auch wenn die meistens in Form von Reklamationen kommen. Um die Ursache festzustellen, sei Zeit und Art des Geruchs von Bedeutung. «Deshalb bin ich auch schon mit Geruchsproben zu den Nachbarn ausgerückt.» So sei es in der Vergangenheit möglich gewesen, diverse Schwachstellen zu beheben.

Schon länger als Problem erkannt ist der Umstand, dass die Abluft dem Gebäude entlang zum Boden fällt und so vom Wind nicht weggetragen wird. Deshalb fassen die Verantwortlichen nun den Bau eines hohen Kamins ins Auge. Liechti geht davon aus, dass sich die Öffnung des Schornsteins, sollte er denn realisiert werden, am Ende auf gut 30 Metern befinden wird. Das ist etwa die Höhe des bestehenden Kamins. Dieser wurde in einer Zeit erbaut, als die Abluft der Givaudan noch ungefiltert über Dübendorf wehte.

Wenn der Mensch zum Menschlein wird: Riesige Rohre führen den Filteranlagen pro Stunde bis zu 200 000 Kubikmeter Abluft zu. Foto: Christoph Kaminski

Erstellt: 19.07.2010, 18:10 Uhr

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