Jakob Zollinger - ein Oberländer Flarzbueb mit grossem Herzen

Zum Gedenken: Eines seiner Lieblingsbüchlein war «De Flarzbueb» von Ruedi Kägi, in dem der Tösstaler Lehrer seine karge Jugend als Schuhmachersohn im Baumer Weiler Blitterswil in einfachem Züritüütsch schildert. Jakob Zollinger hätte ein ähnliches Werklein schreiben können. Auch er wuchs - als Sohn eines Kleinbauern mit fünf älteren Geschwistern zusammen - in einem Doppelflarz auf. Übermässig viel Platz bot der Herschmettler Hausteil nicht für die acht Köpfe, und auch auf Rosen gebettet war die Familie nicht gerade.

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Früh zeigte sich, dass der jüngste Zollinger-Sohn nicht Bauer oder Fabrikarbeiter werden würde - was in den Vierzigerjahren für Herschmettler Buben üblich gewesen wäre. Der feingliedrige, schmächtige Bub zeigte einen wachen Geist und reges Interesse an seiner Umgebung. Sein Vater und Nachbarn machten ihn mit der Dorfgeschichte und den Zusammenhängen in der Natur vertraut. In der dörflichen Mehrklassenschule und Sek Gossau bei Ernst Brugger wurde Kobi weiter gefördert.

Mit Stipendium ans Seminar

Dank eines Stipendiums konnte er nach dem Krieg das Lehrerseminar in Küsnacht besuchen. Schon damals begann Jakob Zollinger, sein Heimatdorf systematisch zu erforschen. Er befragte ältere Einwohner nach dem früheren Leben, nach Bräuchen, Gewohnheiten, nach Geschichten und Sagen. So entstand im Laufe der Zeit eine überaus reiche Dokumentation über das Dorf, die Gemeinde Gossau und deren weitere Umgebung.

Die Herschmettler fühlen sich von jeher als Grenzgänger. Sie sind nicht ganz Gossauer, aber auch nicht Bubiker. Als Bewohner der Pässchenhöhe zwischen Glatt und Jona halten sie nach allen Seiten Ausschau und Kontakt. Vom volkskundlichen Forscher Zollinger profitierten auch die Bubiker und die Grüninger, dann das Oberland, später dank der Bauernhausforschung der Kanton und die Schweiz. Die Ehrendoktorwürde der Uni Zürich von 2003 war hoch verdiente Anerkennung und späte Genugtuung für den unermüdlichen Schaffer.

Ein unbequemer Mahner

Natur, Kultur und Soziales interessierten Jakob Zollinger immer gleichermassen. Er pflegte das vernetzte Denken, lange bevor der Begriff gebräuchlich war. Aus der Geschichte wachse das Verständnis für die Gegenwart, pflegte er zu betonen. In den Sechziger- und Siebzigerjahren, als die Hochkonjunktur und der Bauboom viel Vertrautes wegfegten, wurde Jakob Zollinger zum unbequemen Mahner, der sich mit manchem Bauherrn und mit etlichen Behörden anlegte. Er kämpfte unermüdlich für wertvolle Bau- und Natursubstanz. Er steckte dabei viele Niederlagen ein, wandte sich mit wenig Erfolg etwa gegen das unstrukturierte Wuchern des Dorfes Gossau. Es gab aber auch Erfolge. Das schönste Denkmal, das er sich geschaffen hat, ist das Ottiker Dürstelerhaus. Das Riegelhaus sollte einst abgerissen werden, samt der Weberei nebenan. Heute erstrahlt es äusserlich in altem Glanz, und im Innern ist ein lebendiges Museum mit Archiv und Wechselausstellungen beheimatet.

Warum hat Jakob Zollinger als so begabter und begeisterter Forscher nicht eine akademische Laufbahn eingeschlagen? - Mehrmals stand er vor dieser Frage. Zuerst, als ihn der Zürcher Volkskundler Richard Weiss als grosses Talent einschätzte, dann aber früh verstarb. Später, als sich Jakob Zollinger intensiv der Zürcher Bauernhausforschung widmete und sich dafür wiederholt von der Schule beurlauben liess. Immer entschied er sich - nach gründlichem Für und Wider - fürs berufliche Doppelleben: für den Primarlehrer als Brotberuf und für das Ausleben all seiner anderen Interessen in der Freizeit.

Für Schüler unvergesslich

Apropos Brotberuf. Jakob Zollinger war alles andere als ein Nullachtfünfzehn-Lehrer. Das können Hundertschaften von Schülern in Dietikon, Schlatt, Hirzel und dann während dreier Jahrzehnte in Herschmettlen bezeugen. Er liess sein fundiertes heimatkundliches Wissen und sein künstlerisches Können in seinen Unterricht einfliessen. Er machte seine Schüler mit ihrer Umwelt intensiv vertraut. Er schuf - oft spätabends - wahre Kunstwerke von Wandtafelgemälden. Sie dienten am folgenden Morgen als anschauliche Grundlage für das Unterrichtsgespräch. Zu den zollingerschen Examen pilgerten neben den Eltern auch Schulpfleger und Lehrer aus der ganzen Gemeinde, weil sie den Reichtum seines Unterrichts erleben wollten. Jakob Zollinger war ein Mittelstufenlehrer, wie er im Buche steht. Zu vermuten ist, dass er an diesem Beruf festhielt, weil er ihm den ständigen Kontakt zur Jugend, zu Gegenwart und Zukunft garantierte. Unterschwellig mag die Befürchtung mitgespielt haben, er könnte doch noch zum entrückten, unverstandenen Forscher werden.

Jakob Zollinger fand auch noch Zeit fürs Schreiben von Büchern und Zeitungsartikeln, für Vorträge, Exkursionen, für die Mitarbeit in Fachgremien und vieles mehr. Das Aquarellieren, Zeichnen und Malen war eines seiner Hobbys. Im Männerchor Ottikon sang er jahrzehntelang mit. Und Bergtouren waren für ihn Glückstage: Alle Gipfel, die er auf seinen Gerbel-Panoramen festgehalten hat, hat er mindestens einmal bestiegen. Auch das Dorfleben war ihm ein grosses Anliegen. Er war Mitorganisator mehrerer grosser Dorffeste, setzte sich in den Siebzigerjahren für einen Dorfbrunnen ein und hatte grosse Freude, als die Herschmettler Junggesellen, die Nachtheuel, das Brennhaus geschenkt bekamen und darin ein Lokal fürs ganze Dorf einrichten konnten.

Immer sich selbst geblieben

In den letzten Jahren hat der nimmermüde Schaffer sukzessive zurückstecken müssen. Sein Herz, das für viele und vieles so intensiv geschlagen hat, war erschöpft. Weitere Altersbeschwerden gesellten sich dazu. Er trug diese Einschränkungen gefasst. Mit Hingabe ordnete er im alten Haus in der Unterottiker Chindismüli - umsorgt von seiner Gattin Elisabeth und den drei Kindern - seinen immensen Nachlass: eigene Schriften und Bücher, Dokumente und Bilder. Bis zuletzt blieb er ein geschätzter Ratgeber. Letzten Samstag hat er uns verlassen. Er ist im Innersten der Herschmettler Flarzbueb geblieben, als der er die Welt erblickte: bescheiden, knorrig, herzlich und stets auch auf das Wohl des Nachbarn jenseits der dünnen Holzwand bedacht. Jakob Zollinger hat uns Oberländer reich beschenkt. Heinz Girschweiler Jakob Zollinger in seinem Arbeitszimmer. Foto: Christoph Kaminski

Erstellt: 03.04.2010, 02:01 Uhr

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