Süsser die Gläser nie klingen

Mit singenden Gläsern ist nicht feuchtfröhlicher Gesang gemeint. Sondern ein seltenes Instrument, das gegenwärtig im Opernhaus zum Einsatz kommt: das Verrofon.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Trick ist alt. Wenn die gestielten Kristallgläser fürs Weihnachtsessen wieder mal auf den Tisch kommen, kann man ihn gleich selbst ausprobieren: Mit der feuchten Fingerkuppe streicht man mit leichtem Druck gleichmässig über den Rand des Glaskelches, bis dieser in Schwingung gerät und einen sirrenden, wundersamen Klang von sich gibt.

«Dasselbe Prinzip liegt auch der Glasharmonika zugrunde», sagt Sascha Reckert, Gründer von Sinfonia di vetro, einem auf sogenannte Glasspiele spezialisierten Ensemble. Im Zusammenhang mit einem Theaterprojekt habe er einst einen aussergewöhnlichen Sound gesucht, erzählt der ausgebildete Kontrabassist. Zufällig stiess er auf die Aufnahme einer Glasharmonika - und liess sich vom Sphärenklang bezaubern. Inzwischen ist Reckert nicht nur Spieler des Instruments, er baut es auch und hat es entscheidend weiterentwickelt. Sein Verrofon kommt ab Sonntag im Opernhaus zum Einsatz, und zwar in der Richard-Strauss-Oper «Die Frau ohne Schatten». Gespielt wird das Instrument von Andrés Bertomeu, einem von weltweit nur etwa 130 Glasharmonikaspielern.

Blütezeit im 18. Jahrhundert

Ursprünglich platzierte man Gläser in einem schubladenförmigen Korpus, füllte sie unterschiedlich mit Wasser, gruppierte sie nach Dreiklängen, und schon war «ain lieblich instrument von glaswerch» (wie sich ein zeitgenössischer Komponist ausdrückte) fertig. Im 18. Jahrhundert erlebten die ätherischen Glasspiele oder «Verrillons», abgleitet vom französischen Wort «verre» (Glas), eine Blütezeit. Sogar Christoph Willibald Gluck liess sich 1746 anlässlich einer Londontournee als Virtuose auf einer wassergestimmten Glasharmonika feiern. Die exzentrischen Briten hatten sowieso ein Faible für die «Musical Glasses», wie sie auch ein Dubliner Geschäftsmann, Bierbrauer, Gänsezüchter und Musikus, unabhängig vom Kontinent entwickelt hatte. «The Angelick Organ» - so nannte dieser Mr. Pockrich sein Instrument - soll 1761 auch Benjamin Franklin fasziniert haben.

«Being charmed by the sweetness of its tones», brütete der Erfinder des Blitzableiters über dessen Perfektionierung: Mundgeblasene Glaskalotten, die im Scheitel ein Loch aufweisen, werden auf eine horizontal gelagerte Achse montiert. Die von Halbton zu Halbton im Durchmesser abnehmenden Glasschalen sind so eng ineinander geschoben, dass sie bequem mit allen zehn Fingern zu tasten sind. Analog der schwarzen Tasten auf dem Klavier werden einzelne Glocken der drei Oktaven zur Orientierung mit einem Goldrand gekennzeichnet. Die horizontale Welle lagert in einem flachen Kasten und wird mittels Tretwerk - System Nähmaschine - und später elektrisch in Rotation versetzt. Die feuchten Finger berühren die Glasränder - für Akkorde mehrere aufs Mal - und schon klingts nach Elysium.

Klänge zum Wahnsinnigwerden

Rokoko und Frühromantik fanden Gefallen am empfindsamen Klang. Hasse, Naumann, Reichhardt, auch Haydn, Mozart und Beethoven schrieben Glasharmonika-Piecen. Der Arzt und Freund der Familie Mozart, der Magnetiseur Anton Mesmer, setzte den gläsernen Schall in seinen Heilpraktiken zur Entspannung ein. Und prompt geriet die «Klangschalentherapie», wie es die heutigen Esoteriker nennen würden, als nervzerrüttend in Verruf. Von da ist es nicht weit bis zu Donizetti, der seine Lucia di Lammermoor zu diesem Klang wahnsinnig werden lässt; ob man heutzutage exzentrische Sopranistinnen in dieser Szene deshalb meistens lediglich mit Flötentönen duettieren lässt?

Auch Berlioz und Saint-Saëns nutzten das auratische Klangspektrum des sogenannten Friktionsidiofons. Danach geriet es lange Zeit in Vergessenheit. Erst 1919 setzte Richard Strauss damit eine überirdische Note ins opulente Klangspektrum seiner Märchenoper «Die Frau ohne Schatten». Zwar warnte der Dirigent der Wiener Uraufführung vor der Verwendung einer Glasharmonika: «Die Bestie hat keine Claviatur - das verlangt eine wochenlange Einübung.» Doch der Komponist bestand darauf: «Schlimmstenfalls bezahle ich sie selbst!» Schliesslich wurden drei der «Teufelsharmonikas» bestellt; ob diejenige für Wien, die mit verbogener Achse eintraf, wirklich zum Einsatz kam, ist ungewiss.

Die Fertigung einer Glasharmonika ist tatsächlich sehr aufwendig, erklärt Sascha Reckert. Denn: «Es müssen Dutzende von Glocken geblasen werden - früher vorab in böhmischen Glashütten, heute auch bei Schott in Mainz -, bis man die korrekte Frequenz erhält; Nachschleifen und Feintuning sind äusserst delikat. Zudem klingt das Instrument relativ leise. In der straussschen Klangflut, wo auch noch Harfe, Celesta und Glockenspiel mitwirken, geht es fast unter.»

Klingende Reagenzgläser

Diese Überlegungen brachten den Tüftler 1986 dazu, ein Instrument von grösserer dynamischer Präsenz zu bauen: das Verrofon. Dieses basiert ebenfalls auf dem Prinzip des schwingenden Glases, doch sind die Schalen durch stehende Pyrex-Glasröhren ersetzt, was ein wenig an überdimensionierte Reagenzgläser erinnert. Ihre Tonhöhe verdanken die Röhren nicht mehr dem unterschiedlichen Durchmesser, sondern ihrer unterschiedlichen Länge. Sie sind als Dreiergruppen angeordnet und umfassen dreieinhalb bis vier Oktaven.

Für den knapp halbstündigen Auftritt in «Frosch», wie die Musiker die Strauss-Oper salopp nennen, steht nun ein Verrofon in der ersten linken Parkettloge. Im Moment, da die kinderlose Kaiserin grossmütig darauf verzichtet, einer Färbersfrau deren Schatten, Symbol der Fruchtbarkeit, abzuluchsen, taucht der Spieler die Finger in eine Schale mit kaltem Wasser und lässt sie auf den Rohrrändern kreisen: Klänge aus einer andern Welt mischen sich ins Tutti.

Der 33-jährige Andrés Bertomeu, der diese Töne erzeugt, ist von Haus aus Schlagzeuger mit pianistischem Hintergrund und musikalischer Allrounder: Er macht bei der Perkussionsshow Stomp mit, und mit der Rockband The Flames landete er den Afri-Cola-Song «Everytime» in den Charts. Jetzt, im Advent, paukt er da und dort in Bachs Weihnachtsoratorium. Seit 1996 unterrichtet er an der städtischen Musikschule Mannheim. Zur Glasharfe aber ist er erst vor vier Jahren per Zufall gekommen: Als Ersatzspieler, und seither folgt er des Öftern dem Schatten einer Frau quer durch Europa. 13. 12., Opernhaus Zürich, 18.30 Uhr.

Sein Instrument galt lange als «nervzerrüttend»: Musiker Andrés Bertomeu mit dem Verrofon. Foto: Doris Fanconi (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2009, 02:02 Uhr

Paid Post

Ein Geschenk, das lange Zeit Freude bereitet

Was soll ich denn bloss diese Weihnachten schenken? Mit fondssparplan.ch bietet sich die Chance, langfristig angelegte Freude zu bescheren.

Blogs

Sweet Home Weihnachtshopping in letzter Minute

History Reloaded Österreich ist, was übrig bleibt

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ein Sturm brachte heftige Regenfälle mit sich: Menschen warten in Indien auf den Zug. (18. Dezember 2018)
(Bild: PIYAL ADHIKARY) Mehr...