Verrat in Liechtenstein

Zwei Männer brachten das Bankgeheimnis von Liechtenstein zu Fall: der Datendieb Heinrich Kieber und der Fürst Hans-Adam II. Ein Buch schildert das historische Duell von Gauner und Herrscher. Von Constantin Seibt

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Vielleicht das rührendste Detail ist das Codewort, das Heinrich Kieber dem Konto gab, auf dem er seine erste grosse Beute versteckte: Teklanika.

Es ist der Name eines Flusses in Alaska. Heinrich Kieber bereiste den US-Bundesstaat mit seiner ersten Freundin. Sie fanden den Flussnamen so schön, dass sie beschlossen, falls sie je eine Tochter hätten, würden sie sie so taufen. Sie trennten sich. Ein Jahrzehnt später taufte Kieber das Konto mit 800 000 Franken aus einem Immobilienbetrug auf den Namen seiner nie geborenen Tochter.

Der Erste und der Letzte

Diesen Herbst ist eine Biografie über Kieber erschienen: «Der Datendieb». Das Buch von Sigvard Wohlwend ist glänzend recherchiert und nüchtern geschrieben. Anders würde man die Geschichte kaum glauben.

Im Kern ist es die Geschichte eines Duells der zwei Männer, die Liechtenstein, dieses 36 000 Seelen zählende Land, für immer verändert haben: Fürst Hans-Adam II. und Heinrich Kieber. Es ist ein ungleiches Duell: hier der Monarch, oberste Bankier und sechsfache Milliardär, dort ein Heimkind, Hochstapler und von Interpol gesuchter Gauner. Der erste gegen den geringsten Mann im Land.

Das Duell auf Augenhöhe wurde erst durch einen Sparentscheid möglich. Die LGT, die Bank des Fürsten, beschloss, ihr Archiv zu digitalisieren. Es ging um das Kernstück der Bank: 5000 reiche Stiftungskunden. Die Bank sourcte den Auftrag out. Die Arbeit erledigten Studenten und Hausfrauen preisgünstig. Und ab Herbst 1999 ein Mann, der wegen seiner schnellen Intelligenz bald der Allrounder in der Computerabteilung wurde &endash mit Administratorenpasswort: Heinrich Kieber.

Als sein Onkel von der Anstellung erfuhr, sagte er: «Bist du übergeschnappt? So blöd können doch nicht mal die sein, dass sie dich einstellen?!»

Ein Mann wie ein Geist

Als er in die Bankbranche wechselte, um dort Geschichte zu schreiben, war Kieber 33 Jahre alt, und sein Leben glich einer Flüssigkeit ohne Gefäss.

In Liechtenstein kannten ihn alle: ein Mann, der mit der Schnelligkeit eines Maschinengewehrs redete. Dass sich hinter seinen Witzen und Nebenbemerkungen eine wache, berechnende Intelligenz versteckte, so wie sich Blätter im Wald verstecken, ahnten nur wenige. Am meisten verblüffte seine Distanzlosigkeit: dass er oft uneingeladen an der Tür eines Nachbars klingelte und dort als Erstes nach der Schüssel auf dem Esstisch griff. Er war wie ein Geist: stets in Bewegung, ewig nervös und ewig hungrig.Seine Kindheit war eine Geschichte des Verrats. Als Kieber 7 Jahre alt war, verliess die Mutter die Familie. Zwei Nächte später steckte sein Vater ihn und seine Schwestern in ein Heim in Vaduz und besuchte die beiden nie wieder.Heinrich Kiebers Sehnsucht war von früh an das Reisen: Mit 19 riss er mit dem Mofa nach Spanien aus. Dort, weiss Gott wie, landete er auf einer vornehmen Privatschule. Seine Mitschüler hielten ihn für einen Millionenerben. Auch weil Kieber manchmal mit Rolls-Royce oder mit Leibwächter in der Schule auftauchte.Zurück in Liechtenstein, langweilte er sich bei einer Autoverkäuferlehre. Dann ging er zu Swissair &endash als Flugplaner. Und nutzte die Gratisflüge. Mit 26 kündigte er und fuhr einen Nissan-Pick-up mit Luxuswohnkabine Probe. Er meldete ihn als gestohlen &endash und machte sich mit gefälschtem Nummernschild auf Weltreise. Schliesslich landete er im Land seiner Träume: Australien.Dort fuhr er einige Jahre herum, arrangierte die Aufenthaltsgenehmigung per Scheinheirat, nahm Flugstunden und hinterliess hier und da offene Rechnungen. Als das Geld ausging, meldete er den Nissan als ausgebrannt und kassierte die Versicherung.

Zurück in Barcelona, traf er auf alte Freunde: die Familie eines Schulkollegen, die ihn als Jungen in die Ferien mitgenommen hatte. Sie kannte ihn als reichen Erben. Die Familie war einem Betrüger aufgesessen und in Finanznot. Kieber kaufte ihr die Wohnung ab, zahlte mit Checks und verkaufte sie sofort weiter. Die Checks platzten. Die Polizei suchte ihn.Doch nicht nur die Polizei. Die verzweifelte Familie verbündete sich mit seinem Ex-Partner, mit dem Kieber einst Zigarettenschmuggel betrieben hatte. Dieser lud ihn auf seine Ranch nach Argentinien ein. Kieber flog hin: ein Fehler. Auf der Ranch wurde er gefesselt und in einem Wasserturm angekettet. Zwölf Tage litt er Todesängste. Schliesslich verriet er seinen Wärtern das Codewort für sein Bankkonto: Teklanika. Diese schickten einen Überweisungsfax und liessen ihn frei.

Zu schnell: Kaum abgekettet, nutzte Kieber einen Spaziergang, um seiner Bank selbst einen Fax zu schicken. «Hilfe! Ich bin Opfer einer Entführung geworden. Ich flehe Sie an, die Überweisung zu stoppen!» Danach kehrte er auf die Ranch zurück und lud seinen ehemaligen Freund und jetzigen Entführer entspannt zum Essen ein.

Das Geld kam nie bei der geprellten Familie an. Dafür liefen nun zwei verwickelte Gerichtsfälle: Die Wohnungsbesitzer klagten auf Betrug und Rückgabe des Geldes. Und Kieber wollte seine Entführer im Kerker sehen.

Ein Bankier und Fürst

Fürst Hans-Adam II. hätte Kiebers Vater sein können: äusserlich ebenso dünn und drahtig; im Ton steifer, aber von gleicher kühler, berechnender Intelligenz und einem ähnlichen Temperament: Cholerisch waren beide, aber wenn es eng wurde, reagierten beide kaltblütig.

Und wie Kieber war auch der Fürst für seine Nebenbemerkungen berühmt: Zum Steuerstreit mit Deutschland etwa bemerkte er: «Wir haben schon drei Deutsche Reiche überlebt. Wir werden auch das vierte überleben.» Und als sein Vater starb, gab Hans-Adam den knappen Nachruf ab: «Von Wirtschaft verstand er nichts.»

Hans-Adam, studierter Ökonom, war wesentlich verantwortlich für den Liechtensteiner Wohlstand und den seiner Familie. Im Mittelpunkt stand eine einzigartige Gelegenheit: Hans-Adam war in der weltweit einzigartigen Lage, als regierendes Staatsoberhaupt Gesetze für die eigene Bank massschneidern zu können. Kein Wunder, war das Liechtensteiner Finanzrecht weltberühmt. Der Schlager im Angebot waren die Stiftungen: ab Stange gefertigte, unknackbare Vehikel, um anonym Vermögen zu verstecken; vor Staat, Gläubigern, Ehefrau.

Und die beste, grösste Bank am Platze war die fürstliche LGT: mit eigener Schleuse in der Tiefgarage, sodass Autos ungesehen samt Schwarzgeld direkt in die Bank fahren konnten.

Die Erpressung

Der Fürst erhielt dreimal Post von seinem Untertanen Kieber. Im Januar 2002 erst ein Glas seiner Lieblingsmarmelade (schwarze Kirschen). Dann im Januar 2003 ein Modell des Wasserturms, in dem Kieber angekettet gewesen war. Und tags darauf einen 38-seitigen Brief.

Der Fürst verdankte die Marmelade. Er entsorgte das Modell in den Müll. Und er setzte Himmel und Hölle in Bewegung nach dem Brief.Dabei hatte er eigentlich anderes zu tun, nämlich den Abstimmungskampf zu führen für sein kühnstes Projekt: die Wiederherstellung der totalen Monarchie in Liechtenstein. Die Verfassung, die der Fürst ausgearbeitet hatte, gab ihm persönlich das Vetorecht gegen Parlament und Volksentscheid, unbeschränkte Notstandsrechte, Freiheit bei der Ernennung der Richter und juristische Unantastbarkeit. Bei Nichtannahme drohte der Fürst mit Wegzug nach Wien.

Nun allerdings meldete sich der Untertan Kieber und verlangte Gerechtigkeit: Straffreiheit für sich in der Immobiliensache, zwei falsche Reisepässe und die Verurteilung seiner Entführer. Fast nebenbei führte er an, dass er eine vollständige Kopie der Daten der LGT Treuhand in seinem Besitz habe. Und: Er befinde sich in Berlin.Den Abstimmungskampf gewann der Fürst im März haushoch. Das Argument seiner Befürworter «Ohne Fürst sind wir nichts!» zog. Mit 64 Prozent gaben die Liechtensteiner &endash vielleicht als erstes Volk der Geschichte &endash fast alle ihre Rechte auf. Nun hatte nur noch ein Mann Macht über Hans-Adam: Heinrich Kieber.Die Verhandlungen zogen sich über das ganze Jahr 2003 hin. Erste Erfolge für Kieber waren die Angebote des Fürsten auf freies Geleit, bezahlte Wohnung und bezahlten Rechtsbeistand. Persönliche Audienz bei Hans-Adam inklusive. Des Weiteren wurde Heinrich Kieber von der LGT erneut beschäftigt: als Experte, auf dass ein solcher Fall wie seiner nie wieder vorkomme. Doch dann folgte ein Schock: Die erste Instanz verurteilte Kieber wegen Betrugs und Drohung zu vier Jahren Haft. Kieber war entsetzt, der Fürst auch. Er schrieb einen langen Brief an die Berufungsinstanz, dass Kiebers Kooperation «als beispiellose Form der tätigen Reue und Wiedergutmachung zu werten» sei. Denn dieser habe, wie er glaubhaft versichere, alle Daten vernichtet.Am 7. Januar 2004 tagte das Obergericht. Es wiederholte in seiner Begründung wörtlich ganze Passagen aus dem Brief des Fürsten und dem Gutachten eines von der LGT angestellten Kriminalexperten. Kieber wurde zu einem Jahr bedingt verurteilt.

Kieber schrieb später: «Keine Haft! Keine Haft! Das war es, was ich unter einem fairen Urteil verstand.»

Derweil wurden in der Liechtensteiner Justizbehörde vor Wut «die Stühle an die Wand getreten», wie Kieber-Biograf Wohlwend schreibt. Doch das Urteil war kein Wunder: Die Staatsanwaltschaft war Hans-Adam unterstellt; er hatte die Richter ernannt; der Gutachter war von der LGT bezahlt; die LGT gehörte Hans-Adam, und dieser hatte das grösste geschäftliche Interesse, einen Skandal zu vermeiden.

Das klappte: Die Verfahren blieben geheim &endash und keine LGT-Kunden wurden informiert. Damit das so blieb, erhielt Kieber eine weitere Audienz beim Fürsten &endash und dabei über eine halbe Million Franken. Am 6. Juni 2005 begnadigte Hans-Adam schliesslich seinen Erpresser. Heinrich Kiebers Strafauszug war wieder weiss. Er konnte reisen. Und sprach bald darauf mit dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND).

Der Grund? Alles war gelöscht; nur der frühe Versicherungsbetrug nicht. Kieber konnte nicht dorthin zurück, wo er hinwollte: nach Australien.

Also fand er einen anderen Weg: Er sprach mit den Geheimdiensten der halben Welt. Besonders «angenehm und professionell», so Kieber, waren die Deutschen: Sie boten 4,6 Millionen Euro (abzüglich 400 000 Euro Steuern) und einen neuen Pass.Am 14. Februar 2008, am Morgen des 63. Geburtstags des Fürsten, brachen die Fahnder bei Klaus Zumwinkel, dem Chef der Deutschen Post, die Tür auf und wunderten sich über die Schäbigkeit seiner Villa. Denn sie wussten von 1 Million Euro Schwarzgeld bei der LGT. «Wir haben eine ganze Bank geknackt!», sagte ein Staatsanwalt in die Kameras.

Der deutsche Wirtschaftsminister Peer Steinbrück sagte über die von Kieber erworbene CD später: «Das war das Geschäft meines Lebens.» Nicht nur wegen der über 2000 gespeicherten Schwarzgeldossiers auf der CD, sondern auch wegen Zehntausenden von Selbstanzeigen; und wegen weiterer Bankdaten-CDs, diesmal aus der Schweiz. Heinrich Kieber hatte ein Geschäftsmodell für ausstiegswillige Banker entworfen, das mit einer E-Mail-Adresse begann: bnd@bundesnachrichtendiens.de. Das &endash und keine moralischen oder politischen Bedenken &endash war der Anfang vom Ende des Bankgeheimnisses. Das Jahrzehnte uneinnehmbare Fort wurde von innen geknackt.

Der Vorteil der Diktatur

Anfangs mauerte das Fürstenhaus noch und sprach vom «Hehlerstaat Deutschland» und vom «Vierten Reich». In den Banken lief das Geschäft weiter. Ein Schweizer Banker, der 2008 kurz in Vaduz arbeitete, erzählte von «haarsträubenden Investments; man hat gekauft, was am Morgen in der NZZ empfohlen wurde &endash und alles mit fetten Kommissionen». Kurz: Noch lief das Ausnehmen von Schwarzgeldkunden. Über den Fall Kieber wurde geschwiegen.

Doch dann, im Herbst, schockierte der Fürst die rund 10 Banken und 400 Treuhänder seines Landes: Er verkündete eine sofortige Abkehr von der Schwarzgeldstrategie. (Drei Tage zuvor hatte er &endash nicht nur Staats-, sondern auch Geschäftsmann &endash die LGT-Treuhandsparte an einen seiner Untertanen verkauft: den Treuhänder Dr. Dr. Batliner.)

Das Geschäft brach jäh ein, bei der LGT um fast 40 Prozent. Doch die Rechnung des Fürsten und seiner Bank ging auf: Das Geschäft erholte sich, wenn auch nur bei den grossen Instituten, schneller als erwartet: aufgrund der Eurokrise.

Auf der Strecke blieben die kleinen Profiteure: die Treuhänder.Dasselbe passierte in der Schweiz: Gezwungen erst durch das UBS-Leck, dann durch das CS-Leck, begann die Schweiz nach dem Vorbild von Liechtenstein, ein Doppelsteuerabkommen nach dem anderen auszuhandeln. «Liechtenstein ist schneller als wir», soll damals ein UBS-Topbanker geknurrt haben: «Kein Wunder. Die sind ja auch eine Diktatur.»Und Kieber? Er flog mit seiner CD von Kontinent zu Kontinent. Diesen Sommer wurde er in Australien gesichtet: in einem Nissan-Wohnmobil. Er hinterliess eine E-Mail: «Ich bin nicht Heinrich Kieber.» Doch wer ist Heinrich Kieber? Ein Gauner, sicher. Der Held eines grossartigen Buchs jetzt auch. Und dann ein Beispiel dafür, dass die Geschichte oft zu seltsamen Werkzeugen greift.

Und schliesslich ist er &endash gerade als Verräter &endash in einer fast wasserdichten Monarchie vielleicht der letzte verbürgte freie Mann in Liechtenstein.

Sigvard Wohlwend: Der Datendieb. Wie Heinrich Kieber den grössten Steuerskandal aller Zeiten auslöste. 255 S., Rotbuch Verlag, Berlin 2011. ca. 32. Fr.

Der Fürst könnte Kiebers Vater sein: dünn, drahtig und von berechnender Intelligenz.

Der Fürst hätte Kiebers Vater sein können: ebenso dünn und drahtig und von ebenso berechnender Intelligenz.

Hans-Adam II.

Geboren 1945. Fürst; Multimilliardär; oberster Banker; einziger regierender Monarch Europas. Übergab die Staatsgeschäfte 2004 offiziell Sohn Alois.

Heinrich Kieber

Geboren 1965. Heimkind; Autoverkäufer; Hochstapler; Swissair-Angestellter; Betrüger; Datendieb; Millionär; reist heute mit einem Pass des BND.

Im Schloss Vaduz ging Anfang 2003 dicke Post von Heinrich Kieber für Fürst Hans-Adam ein. Foto: Björn Göttlicher (Caro)

Erstellt: 15.11.2011, 06:37 Uhr

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