Der Geist der guten alten Swissair

Ohne sie wäre die Bibliothek der ETH Zürich aufgeschmissen: Ehemalige Mitarbeiter der Swissair helfen, zigtausend Bilder aus dem Archiv der Fluggesellschaft zu beschriften. Ihre Arbeit ist unbezahlbar.

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Als vor bald zehn Jahren die Flugzeuge der Swissair am Boden blieben, bewahrte ein Mitglied der Konzernleitung einen klaren Kopf. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion brachte er das Archiv der Fluggesellschaft vom Balsberg nach Dübendorf. Rund 100 Jahre Luftfahrtgeschichte in Bildern waren gerettet.

Dieser Aktion ist es zu verdanken, dass die Bilder aus dem Swissair-Archiv heute nach und nach aus dem Fundus der Stiftung Luftbild Schweiz in die Bibliothek der ETH Zürich gebracht werden. Die Archivkisten hätten in den allgemeinen Turbulenzen nach dem Grounding ebenso gut in einer Mulde landen – oder durch den Sachwalter liquidiert werden können.

Für die ETH Zürich gilt es nun, die Zehntausende von Bildern zu archivieren und dauerhaft zu erhalten. Und vor allem an möglichst viel Wissen aus der guten alten Swissair-Zeit zu kommen. Dazu setzt die ETH-Bibliothek auf das Crowd-Sourcing: Sie zapft das Wissen von ehemaligen Swissair-Mitarbeitern an. Die ETH schuf eigens eine Plattform im Internet: Bevor die Bilder archiviert und veröffentlicht werden, beschreiben pensionierte Swissair-Mitarbeiter online die Fotografien der Flugzeuge, der Werkstätten, der berühmten Passagiere oder speziellen Transporte.

Der Pilot: Richard Schilliger, Jg. 1928, 34 Jahre im Dienst der Swissair

Die Regel lautet: Wenn es Schilliger nicht weiss, dann wird es schwierig. Richard Schilliger, Flugkapitän a. D., ist das historische Gewissen des ETH-Projekts, «Historiker der Swissair» wird er ebenfalls genannt. Rund 3000 Bilder wurden bisher auf die Plattform der Pensionierten geladen, die Kommentare zu 1000 sind mit «SCHI» versehen.

In der 4. Primarklasse begann Richard Schilliger mit Zeitunglesen, die Artikel zur Fliegerei und zur Raumfahrt schnitt er aus und sammelte sie. Sein Wissen ist immens. Und er hat einen wachen Kopf.

Schilliger wohnt in Luzern, wenige Hundert Meter Luftlinie von der Swissair DC-3 entfernt, die vor dem Verkehrshaus steht. In seinem Arbeitszimmer stehen rund 3000 Bücher zur Fliegerei, die wichtigsten Fachrevuen hat er nach wie vor abonniert. Einige Regalböden widmen sich der Raumfahrt, andere den Frauen in der Luftfahrt, unzählige der Swissair. Alle Bücher mit roten oder weissen Punkten auf dem Rücken enthalten Widmungen. Von Swissair-Chef Baltensweiler beispielsweise oder von Neil Armstrong, dem ersten Mann auf dem Mond. An der Wand hängt eine Fotografie von 1951, Schilligers Frau Betty grüsst als Hostess vor einer Convair 240 der Swissair.

Jede Woche zieht Schilliger sich zwei-, dreimal einen halben Tag in sein Arbeitszimmer zurück und arbeitet an den Bildern der ETH-Bibliothek. Er arbeitet mit der Präzision des Piloten a. D. Jede Notiz, jeden seiner Kommentare prüft Schilliger zweimal. Auch wenn er sich eigentlich sicher ist: Er schlägt die Sache nochmals nach. Das Projekt findet er formidabel, sein Wissen gibt er gern weiter. «In ein paar Jahren wäre es verloren.» Was er nicht verstehen will: weshalb sich so wenige Swissair-Pensionierte am Projekt beteiligen. Seine Kollegen meinten, für sie sei das Kapitel Swissair abgeschlossen. «Wem haben Sie denn all ihren Wohlstand zu verdanken?», fragt Schilliger scharf zurück.

Bei der Durchsicht der Bilder hat er einige Trouvaillen entdeckt – Trouvaillen, die ihn Stunden gekostet haben. Zum Beispiel erkannte er auf dem Bild eine bildschöne junge Stewardess, die keck in die Kamera lacht. An ihren Namen konnte sich Schilliger nicht mehr erinnern, nur noch daran, dass sie in den Sechzigern in Australien zur Miss Hostess oder so ähnlich gekürt wurde. Also begann er zu recherchieren. Ergebnis: Die Frau auf dem Bild ist Ursula Reimann, 1968 in Queensland, Australien, zur Miss International Air Hostess gewählt. Schilliger fand heraus, wo sie wohnt und rief sie an. «Was glauben Sie, hatte die eine Freude!»

Der Ingenieur: Heinz Aeschlimann, Jg. 1930, 9 Jahre im Dienst der Swissair

Auf einem improvisierten Feldflugplatz waren während des 2. Weltkriegs Flugzeuge der Armee in Burgdorf stationiert. Am Zaun stand nicht selten ein kleiner Knabe, der dem Treiben auf dem Flugfeld fasziniert zusah. 1950, nach Abschluss der Mechanikerlehre, schrieb Heinz Aeschlimann die «grosse Swissair» an. Im Frühjahr 1951 bestand er die Aufnahmeprüfung und stiess zur Motorenabteilung in Kloten. Aeschlimann revidierte als junger «Mecano» DC-2-, DC-3-, DC-4- und Convair-240-Motoren.

Am Abendtech Zürich liess er sich zum Ingenieur ausbilden, wechselte während dieser Zeit zu Sulzer nach Winterthur. Nach zwei Jahren kehrte er 1954 in die Ingenieurabteilung der Swissair zurück. Als diese 1956 als erste europäische Fluggesellschaft Douglas DC-7 kaufte und fortan ohne Zwischenlandung in die USA fliegen konnte, wurde Aeschlimann zum Motorenpapst der neuen Flieger. Es sind die Bilder aus dieser Zeit, die er beschriftet. Bilder, bei deren Betrachtung ihm bisweilen beinahe das Augenwasser kommt.

1962 verliess Heinz Aeschlimann die Swissair. Er sah sich ausserstande, das Angebot als Assistent des Technischen Direktors einer Hochseereederei auszuschlagen. Er ist kein eigentlicher Swissair-Veteran, und so kam es, dass er erst im Frühling 2010 von dem «schlauen Projekt» erfuhr. Die ETH Zürich hat ihm dann extra Miniaturen der Bilder zukommen lassen, die bereits bearbeitet waren. Zu einigen Fotografien von Triebwerken schrieb Aeschlimann regelrechte Abhandlungen. Das Wissen von damals sei einfach wieder da gewesen.

Aeschlimann ist ein akribischer Beschrifter. Er erstellt eigens Tabellen, um die Übersicht über seine Kommentare zu wahren. Was unter den Bildern stehe, müsse Hand und Fuss haben, findet Aeschlimann, sonst sei es vergebene Mühe. Wenn da ein Bild mit «DC-6 im Flug über Aletsch» beschriftet ist, muss der passionierte Berggänger präzisieren: «DC-6 über Aletschgletscher, Berner Oberland, Sicht Süd–Nord mit Jungfrau, Mönch, Eiger (von links) im Hintergrund». In die Liste neben der Bildnummer trägt er ein kleines Dreieck ein. Heisst: ergänzt Aeschlimann.

Der Stationsleiter: Fredy Peter, Jg. 1950, 32 im dienst der Swissair

Als Fredy Peter 1969 in den Dienst als Luftverkehrsangestellter eintrat, galt die Swissair als «fliegende Bank». In den goldenen Zeiten schickte die Firma Peter rund um den Globus. In 20 Ländern arbeitete er für die Fluggesellschaft. Er begann mit Ablösungen im Ausland, wo er die jeweiligen Stationsleiter ersetzte. 1986 übernahm er seine erste eigene Station in Abu Dhabi, vertrat dann die Airline an den Flughäfen von Seoul, Tokio, Osaka und Dubai. Als die Swissair pleiteging, war er deren Statthalter in Rom.

Heute arbeitet Fredy Peter wieder am Flughafen Zürich, fertigt Flieger in alle Welt ab. Die vier silbernen Streifen auf seinen Uniformpatten trügen – Peter sagt, er warte nur darauf, wieder ins Ausland versetzt zu werden. Er pendelt zwischen Zürich und Wien, zwischen Arbeit und Familie. 2005 zog er als Chief Operating Officer für die einstige Swissair-Tochter Swissport nach Wien. Die Stelle gibt es heute nicht mehr.

In Lufingen, nahe beim Flughafen, mietete Fredy Peter ein kleines Studio. Dort arbeitet er an einer Swissair-Chronik. Die Regale sind vollgestopft mit Büchern, Ordnern und Dossiers über die Fliegerei. Peter verfolgt jeden Flieger, der je für die Swissair geflogen ist und markiert wichtige Ereignisse in deren Geschichte. 1700 A4-Seiten umfasst sein Werk inzwischen, 2011, zehn Jahre nach dem Grounding, soll der Band gedruckt werden. Die Arbeit für die Chronik lenke ihn vom Flughafen ab, sagt Peter. Und es ginge für ihn fast umsonst, die Bilder auf der ETH-Plattform ebenfalls zu beschreiben. Vielleicht 200 habe er mit Kommentaren versehen – seine Ära kommt erst.

Aus seiner Zeit als Stationsmanager in Rom reichen die Kontakte bis in den Vatikan. Und so hat er indirekt Zugang zum Archiv der katholischen Kirche: Sieht er Ordensmänner auf einer Fotografie, schickt er eine Kopie davon seinem Mittelsmann. Es seien noch alle tadellos beschriftet zurückgekommen, sagt Peter. Sein Netzwerk umspannt die halbe Welt: Swissair-Leute in den USA, in Japan, Korea, Deutschland und Österreich helfen ihm ebenfalls. Ein E-Mail genügt.

Wenn sich Fredy Peter durch die Bildsammlung der ETH klickt, kommt er ins Erzählen. Von einer Zeit, in der die Fliegerei noch etwas Besonderes war, der Kapitän ein kleiner Gott, dort vorne in der Kanzel. «Es gab solche, die flogen mit weissen Handschuhen.» In den frühen Siebzigern sei es für ihn – und ebenso für die Hostessen – undenkbar gewesen, einen Piloten direkt anzusprechen, man musste über den Co-Piloten oder den Flugingenieur. Dann wurden in den Achtzigern Holländer, Neuseeländer und Australier zu Captains befördert, «und plötzlich duzten alle alle».

Der Instruktor: Hans Andreas Weil, Jg. 1944, 36 Jahre im Dienst der Swissair

Ein Flugzeugfan? Nein, das ist Hans Andreas Weil nicht. Keiner, der an den Himmel hochschaut, wenn ein Flieger vorüberzieht. Nach dem Grounding wurde Weil frühpensioniert. Die Fliegerei fehle ihm nicht, sagt er. Es gebe ja noch anderes. Zum Beispiel die Führungen durch die Urania-Sternwarte, die er leitet.

Hans Andreas Weil trat 1966 als Elektromechaniker in die Swissair-Flugzeugwartung ein. Nach drei Jahren wechselte er zur technischen Schulung. Er liess sich bei Flugzeug- und Geräteherstellern auf dem Gebiet der Flugzeugelektronik schulen. Später unterrichtete er selber Wartungstechniker. Die Swissair schickte ihn nach New York, Buenos Aires und Stockholm, nach Moskau, Addis Abeba, Kuala Lumpur oder Teheran. Und Weil war mit dabei, als am 28. Februar 1971 der erste Jumbo der Swissair von den Boeing-Werken in Seattle nach Zürich überführt wurde. Das Zertifikat zur Erinnerung hängt in seinem Arbeitszimmer.

Lange recherchieren, um ein Bild zu beschreiben, das würde Weil nicht. Sein Fachgebiet umfasst zehn Flugzeugtypen, sein Fachwissen beginnt 1966 mit den Jets. Einiges sei ihm in Erinnerung geblieben, sagt Weil, er schreibe ins System, was er im Kopf habe. Zum Beispiel, dass an einer Convair 990 ein russarmes Triebwerk getestet wurde – «sehen Sie, wie die anderen drei rauchen».

Das Bildmaterial sei gewaltig, findet Weil. Es ist dokumentiert, wie mit der Swissair drei Schwäne nach New York geflogen wurden, wie Frachtarbeiter in Kloten Löwe Simba verluden, wie sich Chansonnier Charles Aznavour auf der Flugzeugtreppe inszenierte. Er liebe es, durch die Bilder zu stöbern. Sich anzuschauen, wie die Mode war, wie sich Frisuren und Uniformen der Hostessen verändert haben. Oder mit welchen technischen Apparaturen man arbeitete. Zum Beispiel die Prüfstände: Ein solches Bild vergrössert Weil maximal, sucht auf Täfelchen und Schaltern nach Hinweisen. Und kann schliesslich festmachen, dass die beiden Ingenieure – ein anderer Pensionierter hat bereits ihre Namen im Bildkommentar notiert – eine Einspritzdüse testen.

In ein weiteres Bild zoomt Weil hinein. Direktor Baltensweilers Büro. Auf dessen Pult entdeckt er zwei Modelle der Supersonic. «Das waren noch Träume!», jubiliert Weil. Und schreibt das gleich als Kommentar zum Bild.

Erstellt: 29.12.2010, 20:06 Uhr

Richard Schilliger.

Heinz Aeschlimann.

Fredy Peter.

Hans Andreas Weil.

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