Im Dunstkreis der Salafisten

Durch die Aktion «Lies!» werden millionenfach Gratis-Korane verteilt, auch oft in Winterthur und Zürich. Aus rechtlicher Sicht ist das legal. Doch das Projekt bewegt sich in einem äusserst zweifelhaften Umfeld.

Solche kostenlosen Korane werden an belebten Plätzen in Zürich und Winterthur verteilt. Foto: Siegfried Grassegger (Keystone)

Solche kostenlosen Korane werden an belebten Plätzen in Zürich und Winterthur verteilt. Foto: Siegfried Grassegger (Keystone)

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Ibrahim Abou-Nagie wird gerne als Hassprediger bezeichnet. Ein Begriff, der in die Irre führt. Denn die Auftritte des deutschen Muslims palästinensischer Herkunft leben nicht von hochgereckter Faust und lauter Stimme. Abou-Nagie spricht leise und überlegt. In der einen Hand trägt er eine deutsche Übersetzung des Korans, in der anderen eine Rose. Beides überreicht er den Menschen, die an seinen «Lies!»-Ständen vorbeikommen – kostenlos, mit einem Lächeln und den Worten: «Allah möge dich schützen.» Doch der Kopf der Bewegung «Die wahre Religion» hat noch ein anderes Gesicht. Mit den Kuffar – den Ungläubigen – geht der 51-Jährige hart ins Gericht: «Christen und Juden kommen in die Hölle, wenn sie den Islam nicht annehmen.» Eine Aussage, die er gerne wiederholt – mit freundlicher Miene.

Mit «Lies!» hat er 2011 eine ambitiöse Koran-Verteilaktion ins Leben gerufen. 25 Millionen Korane möchte er unters Volk bringen. Bei knapp 3 Millionen ist er inzwischen angelangt – gemäss eigener Aussage. Über 160'ooo Menschen folgen «Lies!» auf Facebook, und fast täglich werden neue Videos auf dem eigenen Youtube-Kanal publiziert. 

Wöchentlich in Zürich

Das Projekt hat längst auch die Schweiz erreicht. Jean-Paul Rouiller vom Center for Training and Analysis of Terrorism in Genf beobachtet «Lies!» schon seit drei Jahren. In den grösseren Städten hätten sich mittlerweile echte salafistische Gemeinschaften gebildet. «Das ‹Lies!›-Projekt ist eine ihrer wichtigsten Plattformen», sagt Rouiller zum TA. Einige Tausend Exemplare des Korans dürften mittlerweile ihren Weg in Zürcher Haushalte gefunden haben. Die rund 4000 freiwilligen «Lies!»-Helfer sind gemäss Initianten in zwölf europäischen Staaten aktiv, von Skandinavien bis zum Balkan. Seit 2012 missioniert «Lies!» auch regelmässig in Winterthur, Zürich und anderen Schweizer Städten. Vor allem in Zürich sind wöchentlich Termine angesagt. Mit «Street Dawas» – mobilen Verteilaktionen – oder fix installierten Ständen  werden die Korane an belebten Ecken wie der Bahnhofstrasse, dem Limmatquai oder am Bellevue unters Volk gebracht.

Die Stände benötigen eine Bewilligung von der Stadtpolizei. In Winterthur und Zürich wurde diese stets gewährt. Auch jetzt, nach den Anschlägen von Paris, wo das Projekt aufgrund seiner strikten religiösen Haltung noch stärker in der Kritik steht. Die Behörden verweisen auf die Grundrechte gemäss Bundesgesetz: Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie Meinungs- und Informationsfreiheit. Auf Anfrage der beiden Zürcher SVP-Politiker Roland Scheck und Samuel Balsiger im Juni begründete der Stadtrat die Bewilligungen: «Eine Ablehnung kommt nur dann infrage, wenn bei einer Gruppierung oder einer Person Gewaltbezüge festzustellen oder strafbare Handlungen bekannt sind.» Auch der Nachrichtendienst des Bundes sieht in «Lies!» keine Bedrohung für die innere oder äussere Sicherheit. «Solange keine konkreten Gewaltbezüge feststellbar sind, bearbeiten die zuständigen Behörden deshalb Koran-Verteilungen nicht», sagt Sprecherin Caroline Bohren.

Allerdings wurde 2009 eine Einreisesperre gegen Mitinitiant Pierre Vogel verhängt, die kurze Zeit später wieder aufgehoben wurde. Abou-Nagie wurde 2013 in Winterthur zu einer Veranstaltung eingeladen, kam dieser aber nicht nach. Das weckt den Verdacht, dass auch gegen ihn eine Einreisesperre besteht. Das Staatssekretariat für Migration will sich aus Datenschutzgründen nicht zu den einzelnen Fällen äussern.

Tatsächlich rufen die «Lies!»-Verantwortlichen nicht offen zur Gewalt auf. «Wie können Menschen, die Korane verschenken, überhaupt gewalttätig sein? Gewalttätig sind jene, die uns bekämpfen», sagt Abou-Nagie. Entscheidet sich einer der Koran-Verteiler, in den Jihad zu reisen, dann sieht sich die Organisation nicht in der Verantwortung: «Wir können nicht die Entscheide jedes Individuums beeinflussen.» 

Deutliche Gewaltbezüge

Gewaltbezüge lassen sich im «Lies!»-Umfeld aber dennoch ausmachen – auch in der Schweiz. Genauer gesagt auf der Facebook-Seite der Schweizer Betreiber, die bis vor kurzem noch online waren. Ein von den Administratoren gesetzter Link führt zu einem IS-Propagandalied. Im Video streifen junge Kämpfer durch eine Wiesenlandschaft im Irak. Unterlegt mit pathetischem arabischem Gesang und Maschinengewehr-Salven romantisiert der Clip den bewaffneten Kampf.

Ein anderer Link verweist auf den deutschen Rapper Denis Cuspert. Er gilt als einer der Gründer des «Al Hayat Media Center», dem Kommunikationskanal des Islamischen Staats (IS). 2013 reiste er nach Syrien und soll inzwischen tot sein. Allerdings taucht er immer wieder in neuen Propaganda-Videos der Terrororganisation auf. Er ruft junge Muslime zum Jihad auf, die Videos strotzen vor expliziter Gewalt.

Auf dem Youtube-Kanal des «Lies!»-Projekts Schweiz wird der deutsche Koran mit einem Gedicht Cusperts propagiert. Das Video wurde 2012 hochgeladen. Die «Lies!»-Aktion deshalb als Terrorzelle einzustufen, die aktiv Leute für den Jihad rekrutiert, wäre vermessen. Terrorexperte Rouiller sieht in «Lies!» «eine schnell wachsende Bewegung mit weitreichendem Netz». Wolle sich ein junger Mensch radikalisieren, so werde er bei der Koran-Verteilaktion fündig. Auch wenn es sich dabei «nur» um eine Telefonnummer einer Kontaktperson in Syrien handelt, die er von einem anderen Mitglied erhält. Die «Lies!»-Verantwortlichen wollen gemäss Rouiller nicht für die individuellen Entscheide ihrer Mitglieder haftbar gemacht werden. Aber: «Sie bereiten den Nährboden, auf dem radikales Gedankengut gedeihen kann.»

Diese Einschätzung deckt sich mit jener des deutschen Bundesamts für Verfassungsschutz. «Die ‹Islam-Infostände› werden von den Salafisten zur Anbahnung von Kontakten genutzt, die . . . zur Radikalisierung der Betroffenen führen können», heisst es auf der Webseite des deutschen Inland-Geheimdienstes. 

Moscheen gehen auf Distanz 

In Zürich werden die «Lies!»-Korane auch in einzelnen Gebetshäusern an nicht arabisch sprechende Besucher abgegeben, wie Recherchen des TA ergaben. Die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) ist nicht in die Tätigkeiten von «Lies!» involviert. «Weder stehen wir hinter dieser Verteilaktion noch unterstützen wir diese», sagt Vioz-Sprecher Muhammad Hanel. Das Koran-Verteilen sei juristisch und religiös legitim und daher zu tolerieren. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass durch das persönliche Strassen­gespräch Interpretationen des Islam in Umlauf gebracht werden, welche von der Mehrheit der Muslime in Zürich nicht geteilt würden. «Die ganz allgemein offensive Vorgehensweise wirkt sich wahrscheinlich kontraproduktiv auf die gegenseitige gesellschaftliche Akzeptanz aus», sagt Hanel. Mehr als auf die Zusammenarbeit mit einzelnen Moscheen setzt «Lies!» auf einzelne Figuren.

Das neuste Schweizer Aushängeschild ist der Thaiboxer Shemsi Beqiri, der als Trainer des jugendlichen Straftäters «Carlos» Bekanntheit erlangte. Auf der Facebook-Seite «Die wahre Religion» posierte er mit den «Lies!»-Initianten Abou-Nagie und Pierre Vogel. Damit folgt er dem Beispiel eines Kampfsportlers, der von «Lies!» einst für Propagandazwecke eingesetzt wurde: Valdet Gashi, der 2014 in Winterthur Boxtrainings durchführte. Dieses Jahr setzte er sich nach Syrien zum IS ab. Drei Winterthurer Jugendliche, die bei ihm trainierten, taten es ihm gleich. Derweil verkündete Abou-Nagie, der sämtliche Anfragen des TA für diesen Artikel unbeantwortet liess, vor wenigen Tagen eine «frohe Botschaft»: Das «Lies!»-Projekt gründet in den Golfstaaten einen Ableger. Von dort aus sollen asiatische Länder mit Koran-Übersetzungen beliefert werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2015, 23:56 Uhr

Ibrahim Abou-Nagie
«Lies!»-Gründer

«Lies!»-Aktion

Verbindungen zu Jihad-Reisenden

Die Verbindungen der bisher bekannten Jihad-Reisenden zum Koran-Verteilprojekt sind augenfällig. So nahm etwa der Winterthurer G. F. – der erste dokumentierte Fall – 2012 an Verteilaktionen in Winterthur, Zürich und Basel teil. Auch der aus Winterthur-Wülflingen stammende Hajan, der im Sommer 2014 nach Syrien in den Krieg zog und bei einem US-Luftangriff ums Leben kam, verteilte Korane für «Lies!». Die Teilnahme seines Nachbarn Christian, der ebenfalls in den Heiligen Krieg reiste, ist nicht gesichert. Jedoch trainierte er im Winterthurer Boxtraining von Valdet Gashi. Der bekannte Kampf­sportler, der sich in diesem Jahr dem IS anschloss, warb in mehreren Youtube-Videos für das «Lies!»-Projekt. Dasselbe Kampf­sporttraining besuchte auch Visar, der sich Ende 2014 mit seiner jüngeren Schwester Richtung Syrien aufmachte. Exemplarisch ist auch der Fall Onur aus dem Thurgau, der 2014 nach Syrien reiste und dort seine Frau gegen ihren Willen festhielt: Das Paar lernte sich gemäss SRF während einer «Lies!»-Aktion kennen. (mrs)

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